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An der ACQUA Klinik Leipzig kann man erleben, wie weit das neue Denken die Chirurgie verändert. Vom Check-In mit Patiententicket samt RFID-Kennung, über die Programmierung des Navigationssystems, der animierte Aufklärungsfilm für den Patienten, den OP-Report mit den kommentierten Abschnitten der Operation, alles erinnert sehr an die perfekt organisierten Abläufe eines Fluges.Wir treffen Gero Strauss, Director des IRDC zu einem Gespräch:
M&K: Die Welt der Medizingeräte schaut auf Leipzig, auf den sogenannten Medizintechnik-Cluster, der hier entstanden ist und längst schon Sachsen einbezogen hat. Was ist passiert?
Prof. Gero Strauß: Am Anfang stand die Idee von Klinikern und begeisterten Technikern, den OP und die damit zusammenhängende Logistik zu verändern. Wir haben das große Glück, von Anfang an mit Ingenieuren wir Prof. Tim Lüth (TU München) zusammenzuarbeiten, die Weltspitze im Bereich Medizin- und Medizingerätetechnik sind. Doch wie jeder guten Idee fehlten uns zunächst die Investoren. Zu unserem großen Glück hat diese Rolle das BMBF mit der Initiative „Unternehmen Region" übernommen und bürgt auch heute noch gemeinsam mit der Universität dafür, dass der theoretische Hintergrund weiter wächst und die Grundlagen für die späteren Anwendungen schafft. Dann kamen Unternehmen wie Karl Storz oder MedPlan hinzu, die den Aktivitäten dann schrittweise die Wirklichkeiten und Erfordernisse des Marktes beibrachten. Das war erwartungsgemäß der schwerste Schritt, denn nicht jede gute Idee wird auch zu einem guten Produkt.
Was unterscheidet den OP der Zukunft von den heute gebräuchlichen Systemen?
Prof. Gero Strauß: Lassen Sie mich zunächst betonen, was gleich geblieben ist: die Konzentration auf den Patienten und dessen bestmögliche Behandlung. Das ist aber fast schon alles an Gemeinsamkeiten und es fällt schwer, in Kürze die Unterschiede zu beschreiben. Die wichtigsten Punkte sind: wir verstehen einen OP der nächsten Generation als Systemlösung, die von der ersten Untersuchung über den OP bis hin zur Nachsorge alle Informationen und Arbeitsschritte umfasst.
Die zwei großen Herausforderungen heißen hier Standardisierung, Automation und Logistik. Übrigens nicht unsere Erfindung, sondern in allen erfolgreichen Industriebranchen ein lange akzeptiertes und praktiziertes Prinzip.
Automatisieren lässt den Leser an Roboter, menschenleere Fabriken oder große Kontrollräume denken. Ist die Technik denn schon so weit?
Prof. Gero Strauß: Nein, und es ist fraglich, ob das überhaupt das Ziel der Entwicklung sein sollte. Wir müssen akzeptieren, dass die Chirurgie den Erfahrungen aus anderen Wirtschaftsbereichen viele Jahre oder Jahrzehnte hinterherläuft. Deshalb realisieren wir eine moderate Automation, keine autonomen Roboter zum Fräsen oder die Therapie, die aus dem Computer kommt.
Das wäre so, als wenn Sie den Schritt vom Propellerflugzeug zur autonomen Flugmaschine ohne den Zwischenschritt Autopilot gehen wollen. Wir gehen diese Aufgabe mit großem Respekt und dem Wissen an, dass Chirurgie besonders anfällig für Dogmen und Ängste ist.
Was bedeutet denn dann chirurgische Automation, ein Autopilot für Chirurgen?
Prof. Gero Strauß: Ja, man kann diesen Vergleich ziehen. Wir programmieren unsere chirurgischen Instrumente so, dass sie den Operateur selbstständig vor eventuellen Gefahren warnen oder im Notfall vor einem wichtigen Nerv oder Gefäß stoppen. Dem Chirurgen bleibt immer das letzte Wort überlassen, er kann die Systeme jederzeit überstimmen. Und in bestimmten Phasen der OP ist er gehalten, ohne „Autopilot" zu operieren.
Das klingt trotzdem danach, als würde der Chirurg in Zukunft nicht mehr die Rolle spielen, die er heute innehat. Kein „Gott in Weiß" mehr?
Prof. Gero Strauß: Vergleichen Sie die aktuelle Situation eher mit Kunsthandwerkern. Tatsächlich trifft diese Beschreibung auf unsere heutige Arbeit am besten zu. Wir lösen vergleichbare Aufgaben ziemlich individuell. Unsere gesamten Fähigkeiten, aber auch die individuellen Schwächen haben einen großen Einfluss auf das unmittelbare Ergebnis.
Damit muten wir uns Chirurgen auch zu, eine hohe Komplexität an Informationen, Modellen und Vorhersagen zu überschauen. Und diese Komplexität nimmt täglich zu, mit jedem neuen CT-Scanner, jedem neuen Tumormarker oder Ergebnisbericht. Hier ist eine kritische Grenze erreicht. Unsere Arbeitsweise, unsere Arbeitsplätze und die Sichtweise auf die Chirurgie insgesamt müssen sich dem anpassen und verändern.
Was ist mit den Fertigkeitsverlusten, die diese neuen Assistenzsysteme mit sich bringen? Gibt es dann im OR1 next Generation überhaupt noch Operateure, die auch ohne diese Systeme operieren können?
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