Healing Architecture

10 Thesen zum Thema

  • Die Kinderklinik Heidelberg: Inspiration brachte der berühmte „Rubik’s Cube. Die einfache Form ist spielerisch und dennoch geeignet, hochkomplexe Abläufe und Funktionen klar zu ordnen (Foto: Nickl & Partner Architekten).Die Kinderklinik Heidelberg: Inspiration brachte der berühmte „Rubik’s Cube. Die einfache Form ist spielerisch und dennoch geeignet, hochkomplexe Abläufe und Funktionen klar zu ordnen (Foto: Nickl & Partner Architekten).

Die gebaute Umwelt, die uns umgibt, hat Einfluss auf das psychische und physische Wohlbefinden des Menschen – dieser Grundgedanke steht hinter dem Forschungsansatz „Healing Architecture“, dessen Begriff sich an den Ausdruck „Healing Environment“ aus der Umweltpsychologie anlehnt. Dem Gedanken folgt die Annahme, dass diese Einflussgröße durch wissenschaftlich fundierte Entwurfsentscheidungen so gestaltet werden kann, dass eine gesundheitsfördernde Umgebung entsteht.

Aktuelle Forschungsprojekte versuchen, „genesungsfördernde Atmosphäre“ wissenschaftlich zu ergründen und gestalterisch umzusetzen. Aus den USA kommt die Methode „Healing Environment“, mit der Umgebungs- und Raumqualitäten in Kliniken und Versorgungseinrichtungen verbessert werden sollen – analog zur „evidence-based-medicine“. Sie bezeichnet die an individuelle Bedürfnisse angepasste Behandlung von Patienten anhand empirisch nachgewiesener Wirksamkeit. Auch in Europa gewinnt das Konzept an Bedeutung. Healing Architecture setzt sich mit den Gestaltungsprinzipien von gebauter Umwelt und ihrer Auswirkung auf die Verarbeitung von Krankheit anhand zentraler Fragen auseinander:

  • Wie kann Architektur zur Heilung beitragen?
  • Welchen Einfluss nimmt die gebaute und unbebaute Umwelt auf die Wahrnehmung des gesunden Menschen?
  • Wie trägt ein positives Umfeld zum Erhalt der Gesundheit bei?

Ein Krankenhaus ist ein komplexes Projekt. Die von uns entwickelten zehn Thesen und ihre vielfältigen Aspekte bilden jedoch eine Art Gerüst, das die Voraussetzung für eine Krankenhausumgebung schafft, die sich nicht allein an Funktionalität, sondern am Menschen und dessen Gesundheit orientiert.

These 1 – Grundlagen

Eine lebenswerte, gesundheitsorientierte Krankenhausumgebung, die nicht angst- und stressbesetzt ist, basiert zunächst einmal auf einem gut funktionierenden Krankenhausbetrieb. Daher muss neben dem Patienten auch das Arbeitsumfeld Krankenhaus sorgfältig betrachtet werden. Hier gilt es beispielsweise für kurze Wege, Übersichtlichkeit und Orientierung zu sorgen. Man kann zudem davon ausgehen, dass Faktoren wie Licht, Lärm, Gerüche, Material und Kunstgegenstände helfen, Stress und Angst zu vermeiden.

Sie spielen eine Rolle im Heilungsprozess der Patienten sowie für das Qualitätsempfinden des Arbeitsplatzes Krankenhaus.

These 2 – Identität

Eine der visuellen Qualitäten einer Stadt ist Klarheit bzw. Ablesbarkeit. Bereiche, Objekte und Elemente einer Stadt müssen für jedermann leicht identifizierbar sein. Die Identität einer Stadt hat jedoch auch mit Identifikation zu tun, also der Art und Weise wie sich der Mensch mit seiner Umwelt in Beziehung setzt. Erst eine logische und einfach erfassbare Struktur verleihen einem Gebäude seine Identität, einen Wiedererkennungswert und schließlich auch architektonische Qualität.

These 3 – Soziale Gerechtigkeit

Eine Design-Maßnahme im Krankenhausbau, die nachweislich Verbesserungen herbeiführt, ist beispielsweise die Unterbringung in Einzelzimmern. In Deutschland sterben statistisch gesehen jährlich etwa 10.000 bis 15.000 Menschen an krankenhausspezifischen Infektionen. Doch nicht nur das erwiesenermaßen geringere Ansteckungsrisiko, sondern auch die Möglichkeit einer störungsfreien Umgebung und das Gefühl, unabhängiger zu sein, unterstützen den Genesungsprozess entscheidend. Die Betonung des Individualbereiches wird Patientenzimmer mit hotelähnlichem Charakter entstehen lassen, die Komfort, Ambiente und vor allem Hygiene berücksichtigen und eine wohnliche, individuelle Atmosphäre bieten, die nicht an Krankenhaus erinnert.

These 4 – Städtebau

Jede Stadt besteht aus einem Grundgerüst von Bauten und öffentlichen Räumen. Sie formen die Stadt, bieten Orientierung und ermöglichen die Identifikation mit ihr. Die Verzahnung des Krankenhauses mit seinem städtischen Umfeld ist sein funktionaler und ästhetischer Mehrwert. Das bedeutet vor allem, dass ein Raum in der Stadt geschaffen wird, der den aktiven, selbstbestimmten Patienten der Zukunft unterstützt, gleichzeitig dem Krankenhaus als Arbeitsort ein angemessenes Umfeld bietet und schließlich als grundlegender Stadtbaustein für die ganze Bevölkerung verstanden wird.

These 5 – Politik

Politik prägt gewisse Regeln und Entwicklungen – gute, aber auch falsche – und beeinflusst letztlich auch das Wesen der Gesundheitsfürsorge. Einen tief greifenden Wandel erfährt das Gesundheitswesen durch die sich verändernde Rolle des Staates. Um dem wachsenden Druck und den vielfältigen Entwicklungen standzuhalten, streben Krankenhäuser mehr Effizienz, höhere medizinische Qualität, ein attraktiveres Arbeitsumfeld und eine den Bedürfnissen des Patienten entsprechende Umgebung an, was jedoch oft an einer überkommenen Baustruktur scheitert. Politik sollte die Forschung für eine zukunftsfähige Entwicklung im Krankenhausbau fördern und unterstützen, um den erforderlichen Wandel zu ermöglichen.

These 6 – Programm

Die Bedürfnisse des Menschen in den Fokus von Krankenhausarchitektur zu stellen, bedeutet, einen Zustand der ständigen Auseinandersetzung zwischen Funktion und Form zu erreichen. Die Herausforderung für die Architektur eines Krankenhauses liegt darin, aus unzähligen, in Funktion, Form, Material und Größe unterschiedlichen Einzelheiten ein stimmiges Ganzes zu bilden. Die eingehende Beschäftigung mit den Bedürfnissen und der Geschichte des Ortes sowie die bestmögliche Erfüllung auf medizinischen Zielvorstellungen basierender Programmstrukturen sind grundlegend für zukunftsoffene Bauten.

These 7 – Veränderung

Soziale Entwicklungen, neue technische und funktionale Möglichkeiten durch medizinischen Fortschritt erfordern Kapazitäten für Veränderung und Erweiterung im Krankenhausbau. Absolute Flexibilität ist jedoch eine Illusion und daher falsch. Es sind vielmehr Entwurfsstrategien gefragt, die auf mittel- oder längerfristige Bedürfnisse reagieren können.

These 8 – Raum

Architektur entsteht im Prozess des Zusammenfügens von Funktionen, die ihrer Nutzung entsprechend gestaltet werden. Dabei werden Räume geschaffen, die per se definiert sind, und solche, die nicht festgelegt sind und als eine Art Zwischenraum fungieren. Diese Zwischenräume eignen sich ganz besonders als soziale Räume, deren Gestaltung soziale Begegnungen fördern oder behindern kann. Aus einer funktionalen Notwendigkeit einen Erlebnisraum zu machen ist eine Grundidee, der viele unsere Entwurfsentscheidungen als Architekten folgen.

These 9 – Mensch

Architektur ist keine anonyme Angelegenheit, sondern stets persönlich. Sie ist von Menschen für Menschen gemacht und tritt in Interaktion mit dem Menschen, indem sie seine Sinne anspricht und ein positives oder negatives Befinden hervorrufen kann. Das Krankenhaus kann nur dann als Element der Stadt, als Ort der Hilfe im Krankheitsfall erlebbar werden, wenn perspektivisch der Mensch im Mittelpunkt steht.

These 10 – Herausforderungen

Wir stehen noch immer am Anfang der Umsetzung unseres Wissens. Bislang gibt es wenige fundierte, mit wissenschaftlichen Methoden erhobene Daten. Es müssen daher mehr Studien veranlasst, abgeschlossene Bauprojekte hinsichtlich ihrer Wirkung im Sinne von „Healing Architecture“ evaluiert sowie die Ergebnisse systematisch erfasst und wissenschaftlich aufbereitet werden. Unabhängig von funktionalen, technischen und hygienischen Erfordernissen wächst der Anspruch an umfassend gestaltete Räume im Gesundheitswesen, die hohe Aufenthaltsqualität und Wohlfühlatmosphäre aufweisen. Der Raum wird zum wesentlichen Faktor des Genesungsprozesses.

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Nickl & Partner Architekten GmbH
Lindberghstr. 19
80939 München
Telefon: +49 89 360514 0
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