POCT entwickelt sich stetig weiter - daraus ergeben sich neue Möglichkeiten für die patientennahe Diagnostik. Beate Rühlemann sprach darüber mit Prof. Günter Gauglitz, Institut für Physikalische und Theoretische Chemie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen.
M&K: Sie beschäftigen sich mit speziellen optischen Sensoren für bioanalytische Verfahren. Worum geht es dabei, wenn wir an POCT denken?
Prof. Günter Gauglitz: Im Prinzip geht es bei POCT darum, im Blut Parameter zu untersuchen, die relevant sind für den Gesundheitszustand von Patienten. Typische Beispiele sind die Messung des C-reaktiven Proteins, das CRP, oder relevante Marker für Sepsis. Außerdem spielt POCT in der Blutgasanalytik eine große Rolle. Das größte Projekt, für das wir gerade arbeiten, ist ein EU-Projekt, das sich CARE-MAN nennt. Es hat ein Fördervolumen von 11 Mio. €, läuft über fünf Jahre und hat 30 Partner in Europa. Im Rahmen dieses Projekts werden optische Plattformen entwickelt, mit denen in einer Art modularem System Probenahme, -vorbereitung und Messung sowie Auswertung durchgeführt werden sollen, und zwar möglichst für eine ganze Gruppe von Analyten, die im Zusammenspiel den Krankenzustand in der Akutmedizin besser wiedergeben. Interessant ist ein kleines neues Marker-Molekül, das Neopterin, das erstmals mittels POC nachgewiesen werden kann.
Welche Bedeutung kommt POCT zukünftig zu?
Gauglitz: Im intensivmedizinischen Bereich wird heute schon viel mit POCT gearbeitet. Einfach deshalb, weil die Bearbeitung übers Zentrallabor für den intensiv- und akut-medizinischen Bereich relativ zeitaufwendig ist - und gerade im Akutmedizinbereich Zeit für Diagnose und beginnende Therapie eine extreme Rolle spielt. Deswegen gibt es schon einige Geräte auf dem Markt, und es wird am 7. Juni in Tübingen ein Informationstag stattfinden, an dem wir mehrere solcher Geräte vorführen, aber auch über die Philosophie von POCT sprechen werden. Da geht es auch um Akzeptanz von Messtechniken, überhaupt um Akzeptanz von persönlicher Überwachung. Gut, also: POCT ist im Kommen, ganz klar, weil man zum Beispiel im ersten Schritt auf Intensiv- und Krankenstation schnell Informationen über Akutzustände eines Patienten haben will.
Darüber hinaus macht POCT Sinn nicht nur für die Ambulanz, sondern auch im Notarztwagen. Die Vision geht dahin, dass vermehrt in Arztpraxen - vor allem bei Allgemeinmedizinern - einfache POCT-Geräte eingesetzt werden können. Denken Sie an die Situation freitags ab 11 Uhr, da findet der Hausarzt kein Labor mehr. Der letzte Schritt wird sicherlich sein, dass man Patientenüberwachung zu Hause machen kann, also postoperativ. Denken sie auch an die ambulante Chemotherapie oder die Kontrolle vom Medikamentenspiegel bei chronisch Kranken. So gesehen gibt es ein weites Feld von POCT, und das ist sicherlich der Grund dafür, dass Sie sehr viele Entwicklungen in diesem Bereich haben. Das wird vorangetrieben durch die elektrochemischen Methoden, in letzter Zeit auch durch optische Methoden. Diese gewinnen gerade an Interesse, weil man eben auch sehr kleine portable Geräte machen kann. Und weil man über ein System mit der Optik doch mehr herausbekommen kann, als man manchmal allein über die Elektroden bekommt.
Welchen zukünftigen Stellenwert haben neue Fotodetektoren für die Analytik und Diagnostik?
Gauglitz: Eine unheimliche Entwicklung haben wir in den letzen Jahren in zwei Bereichen. Das sind einmal die LED, die Leuchtdioden. Dadurch, dass Sie in jedem Auto jetzt solche Lämpchen haben, ist es ein Massenmarkt, lohnt sich weitere Entwicklung bei niedrigem Preis. Und auf der anderen Seite bei den Detektoren, den CCDs (charge coupled devices - finden sich in vielen Digitalkameras). Das ist sozusagen das Konventionelle. Im Rahmen eines sogenannten MoDekt-Projekts nutzen wir aktuell eine Entwicklung der Universität Stuttgart, die es ermöglicht - mittels Mehrschichtaufbau einer Halbleiterstruktur und verschiedener angelegter Spannungen beziehungsweise Felder - die Detektivität für einzelne Wellenlängen zu variieren. Dadurch bekommt man eine intelligentere Fotodiode, die zukünftig eine Rolle spielen könnte.
Wie sieht es mit den elektrischen Auswerteverfahren aus?
Gauglitz: Die sind natürlich sehr stark etabliert. Das ist ganz klar, weil vor allem in der Vergangenheit durch die Technik der Halbleitertechnologie und die Transistorschaltungen man immer davon ausgegangen ist, dass das Elektrische sehr preiswert ist und es Low-Cost-Artikel sind. Aber inzwischen ist das bei der Optik auch nicht mehr wesentlich teurer. Und deswegen werden diese Verfahren, je nach Anwendung, ihren Markt finden.
Was sind die Vorteile der optischen Systeme?
Verwandte Artikel :
Schlüsselwörter : Analytik Diagnostik Fotodetektoren Institut für Physikalische und Theoretische Chemie an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen Intensivmedizin poct Point-of-Care-Testing
Email requestCompany HomepageUniversität Tübingen
Auf der Morgenstelle 1-28
72076
Tel: +49 7071 29 76927
Fax: +49 7071 29 5490
Web: http://www.barolo.ipc.uni-tuebingen.de
Leserkommentare (0)