„Es bedarf einer Kultur der Kooperation!“

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Building Information Modeling (BIM) birgt viele Vorteile für den Bau und Betrieb von Krankenhäusern.

Noch erschweren fehlende Standards die Zusammenarbeit zwischen Architekten, Planern, Bauunternehmern und Auftraggebern.

Als bundesweit eines der ersten Krankenhäuser wird die Flugfeldklinik komplett von Anfang bis Ende mit der digitalen BIM-Methode geplant. Das Gebäude wird sozusagen zweimal gebaut: erst virtuell, dann real. Zwar ist BIM noch lange nicht in allen Projekten Standard. Inzwischen gibt es aber Pilotprojekte, welche die Vorteile des digitalen Planens und Bauens belegen. Ulrich Eix, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und Partner bei Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft in Stuttgart, erklärt im Gespräch mit Franziska Jandl, welche Vorzeichen zum Gelingen beitragen.

M&K: Was bringt BIM für den Bau und Betrieb von Krankenhäusern?

Ulrich Eix: Durch digitales Planen und Bauen werden Projekte besser planbar, termin- und kostensicherer. Alle Beteiligten arbeiten zusammen am dreidimensionalen Gebäudemodell, das auch physische und funktionelle Merkmale einer Klinik darstellt. Durch einen gemeinsam nutzbaren Pool relevanter Daten entsteht eine zuverlässige Entscheidungsgrundlage für den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks – von der Idee über den Betrieb bis hin zum Rückbau. Baufortschritt und Kosten lassen sich dadurch präziser einschätzen und überwachen als bisher.

Wie läuft das ab? Was verändert sich konkret?

Eix: Sämtliche Arbeiten und Gewerke werden zunächst am dreidimensionalen Modell geplant. Das spart Zeit und Kosten, weil beispielsweise Änderungen in einem Bereich sofort in die Gesamtplanung eingespeist werden. Auch die späteren Betriebskosten sind günstiger, weil sich die Abläufe im späteren Krankenhausalltag am virtuellen Modell testen lassen. Die gesamte Haustechnik lässt sich in 3-D abbilden. Beim Bau des Rathauses Leonberg, eines der fortschrittlichsten BIM-Projekte in Deutschland, war so erkennbar, wo Abwasserrohre und Steigleitungen verlaufen, und ob es zu Überschneidungen kommt. Der Einsatz von BIM hat es laut dem Bauunternehmen Wolff & Müller ermöglicht, 200 solcher größeren und kleineren Kollisionen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern.

Für das Energiekonzept des neuen Rathauses war von Nutzen, dass sich viele unterschiedliche relevante Faktoren wie das Zusammenspiel mit den Sonnenkollektoren auf dem Dach über BIM optimal zusammenführen ließen.

Welche Konsequenzen hat digitales Planen und Bauen für die Zusammenarbeit von Bauherren, Architekten, Planern und Bauunternehmen?

Eix: Zunächst einmal trägt BIM dazu bei, alle am Bau Beteiligten zu disziplinieren, weil sie sich viel früher und enger abstimmen müssen als bisher. Dafür bedarf es einer neuen Kultur der Kooperation. Die Methode birgt aber auch Gefahren: Es fehlt bislang an einer Standardisierung der digitalen Prozesse. Sie könnte zum Verständnis der Projektbeteiligten untereinander hinsichtlich tatsächlicher Arbeitsschritte, Kommunikationswege und Schnittstellen erheblich beitragen. Die Lesart von üblichen BIM-Prozessen ist also noch sehr heterogen.

Welche Probleme können beispielsweise entstehen?

Eix: Aktuell ist es üblich, bei der ersten Erarbeitung eines BIM-Modells mit Bauteilkatalogen als Content zu arbeiten, die den einzelnen Objekten schon Attribute oder Parameter zuordnen. Diese stehen beim ersten Aufbau des Modells in den Leistungsphasen eins bis drei aufgrund der noch oberflächlichen Planungstiefe aber oft noch gar nicht fest. Es wird also ein digitales Gebäudemodell mit Informationen aufgebaut, die teilweise als Platzhalter zu verstehen sind. Somit stellt sich die Frage, ob dieses Verständnis bei allen anderen Planungsbeteiligten vorhanden ist. Falls nicht, bauen diese ihre Fachmodelle womöglich auf Informationen auf, die für das konkrete Projekt bestenfalls noch nicht feststehen, schlimmstenfalls falsch sind. Es wird ein Modell erstellt, das wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, sobald sich die Parameter als nicht belastbar herausstellen, weil eine Tür beispielsweise nicht die Anforderungen an den Brandschutz erfüllt. Das führt zum Stillstand des Projekts und zur Wiederholung des Planungsschrittes. Hinzu kommt die rechtliche Komponente: Der Planer, der mit falschen oder nicht kenntlichgemachten Platzhaltern gearbeitet hat, kann für die Konsequenzen verantwortlich gemacht werden.

So gesehen ist BIM Fluch und Segen zugleich: Digitales Bauen ermöglicht eine sehr detaillierte Planung in einem sehr frühen Stadium. Zugleich stehen die Einzelheiten zu Beginn noch nicht in aller Tiefe fest, weil maßgebliche Entscheidungen noch nicht getroffen sind.

Wie lässt sich aktuell trotz fehlender Standards ein einheitliches Verständnis sicherstellen?
Eix:
Um Missverständnisse zu vermeiden, braucht es vor allem eine abgestimmte, einheitliche und disziplinierte Kommunikationskultur im Team. Die Projektpartner müssen klare Richtlinien in den Pflichtenheften oder im BIM-Abwicklungsplan formulieren für die Informations- und Detailtiefe des Gebäudemodells, aber auch für die einzelnen Projektabschnitte: Welche Informationen müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt im Modell hinterlegt sein? Und welche Eigenschaften können seriöserweise schon eingetragen werden? Nicht zu vergessen sind klare Regeln für die Verzahnung zwischen Objekt- und Fachplanern wie Kommunikationswege und Schnittstellen. Die Pflichten aller Beteiligten am BIM-Planungsprozess sind exakt abzugrenzen, um die Haftung für projektbezogene Risiken ausgewogen zu verteilen. Als Orientierungshilfe dienen können die Handlungsanweisungen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), die auf der wissenschaftlichen Begleitung von Pilotprojekten zur Anwendung von BIM im Infrastrukturbau basieren. Auch die VDI-Richtlinie 2552 übernimmt eine Vorreiterrolle.

Gibt es Besonderheiten, die Krankenhäuser beachten müssen, wenn sie mit BIM planen und bauen wollen?

Eix: Grundsätzlich eignet sich die Methode aufgrund der Visualisierungs-, Prüf- und Simulationsmöglichkeiten besonders für technisch komplexe Vorhaben und damit gerade auch für den Bau von Kliniken. Allerdings gilt es immer auch das Verhältnis von Kosten und Nutzen im Blick zu behalten.

Eine Ausschreibung und Vergabe nach der Methode „Planen und Bauen im Paket“ kann – auch für Kliniken mit einem öffentlich-rechtlichen Träger – vorteilhaft sein, um Schnittstellenproblemen vorzubeugen und um frühzeitig das Know-how derjenigen einzubeziehen, die die Planung umsetzen. Das ausführende Bauunternehmen übernimmt nämlich als Generalübernehmer auch Planungsverantwortung und schafft im eigenen Interesse die technischen Voraussetzungen für den Austausch von Daten zwischen den Projektbeteiligten. Zu einer weiteren Erleichterung führt, dass die Ausschreibung kleiner Losgrößen in diesem Fall entfällt.

Zur Person

Ulrich Eix ist Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht und Partner bei Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft in Stuttgart. Der 37-jährige hat sich spezialisiert auf die Vertragsgestaltung sowie baubegleitende Rechtsberatung. Eix ist Dozent an der Universität Stuttgart und der Hochschule Technik und Wirtschaft in Karlsruhe sowie an der 360Akademie und Mitglied im Koordinierungskreis des BIM CLUSTER Baden-Württemberg e.V.

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Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft
Rheinstahlstraße 3
70469 Stuttgart

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