Digitalisierung in der Pflege: Ein medAmbiente-­ Gespräch mit Andreas Westerfellhaus

  • Andreas Westerfellhaus, Bevollmächtigter der Bundesregierung für PflegeAndreas Westerfellhaus, Bevollmächtigter der Bundesregierung für Pflege

„Ich kann nur allen raten, sich in die Prozesse der Digitalisierung einzumischen“, mahnte Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der ­Bundesregierung für Pflege, vor kurzem auf der Altenpflege-Messe in Nürnberg. Matthias Erler von medAmbiente befragte ihn zu seiner Sicht auf das Potential der Digitalisierung in der Pflege – von elektronischer Dokumentation bis Robotik.   

Herr Westerfellhaus, auch wenn hier und da zu hören ist, die Pflege sei „konservativ“: Die Digitalisierung ist auch im hier im Gange. Welches Potential bietet aus Ihrer Sicht die Digitalisierung in der stationären Pflege für Pflegende und Gepflegte?  

Andreas Westerfellhaus: Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern muss zuallererst den Patienten und Pflegebedürftigen nützen. Im Pflegeheim können wir mit digitaler Hilfe Pflegekräfte entlasten und dadurch mehr Zeit für die Pflege erreichen. Das fängt bei elektronischer Dokumentation statt Papierkladde an, geht über elektronische Abrechnung und Verordnung bis hin zur Hilfe beim Heben und Tragen. Für mich hat vor allem die elektronische Patientenakte großes Potenzial für eine zeitgemäße Behandlung. Denn sie kann die Zusammenarbeit der Behandler miteinander und mit dem Pflegebedürftigen erheblich erleichtern. Wenn zum Beispiel jemand aus dem Krankenhaus ins Heim entlassen wird, sollten die Pflegekräfte dort schon vorab alle Infos bekommen, damit sie die Versorgung organisieren können. In Zeiten von Online-Banking und Online-Shopping kann es auch nicht sein, dass Auszubildende mit einem Stapel Versichertenkarten zum Hausarzt und zur Apotheke losgeschickt werden, um Rezepte und Verordnungen einzusammeln. Das muss künftig elektronisch laufen.

Das Pflegepersonalstärkungsgesetz sieht immerhin eine Einmalförderung von Digitalisierungsprojekten in Höhe von 12.000 Euro vor. An welche Art von Projekten ist dabei gedacht?

Andreas Westerfellhaus: Es geht um Software und Anwendungen, die Pflegekräfte entlasten. Pflegeeinrichtungen bekommen einmalig bis zu 12.000 Euro von der Pflegeversicherung, wenn sie 60 Prozent der Kosten zuschießen.

Förderungsfähig sind Anschaffungen von digitaler oder technischer Ausrüstung sowie damit verbundene Schulungen. Besonders relevant finde ich eine elektronische Dokumentation, die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und stationären Pflegeeinrichtungen sowie die Umsetzung der neuen Qualitätsprüfungen durch eine elektronische Erhebung von Qualitätsindikatoren. In diesen Tagen werden die Förderrichtlinien des GKV-Spitzenverbands veröffentlicht, dann kann jede Einrichtung den Zuschuss beantragen. Wir wollen Einrichtungen dazu bewegen, Digitalisierung nicht als Zukunft zu begreifen, sondern im Interesse ihrer Mitarbeiter jetzt zu beschleunigen.

Sie haben kürzlich ein Projekt gestartet, bei dem es um die Arbeitsbedingungen in der Pflege geht. Welche spezifischen Chancen sehen Sie diesbezüglich, die sich aus der Digitalisierung ergeben könnten?

Andreas Westerfellhaus: Mein Projekt fügt sich in den Rahmen der Konzertierten Aktion Pflege ein. In der Konzertierten Aktion sammeln wir bis Anfang Juni gemeinsam mit allen Verbänden der Pflegebranche Ideen, wie man Arbeitsbedingungen und Löhne der Pflegekräfte verbessern kann, um Pflegende zu gewinnen und langfristig in der Pflege zu halten. Ich habe Anfang des Jahres ein Beratungsunternehmen damit beauftragt, einen Werkzeugkoffer zu entwickeln mit innovativen Konzepten für gute Arbeitsbedingungen. Die gesammelten Ansätze aus der Konzertierten Aktion Pflege fließen dort mit ein. Ziel des Projekts ist es, Personalverantwortlichen in Pflegeeinrichtungen Best-Practice-Ideen für ihre Einrichtungen an die Hand zu geben und sie zu schulen. Zum Beispiel zur Frage: Wie kann ich stabile Dienstpläne erstellen, damit ich keine Mitarbeiter aus dem Frei holen muss? Welche innovativen Arbeitszeitmodelle kann ich meinen Mitarbeitern anbieten, damit ich sie an meine Einrichtung binden kann? Dazu gehören auch digitale Unterstützungsmaßnahmen für die Pflegekräfte einer Einrichtung. Zusammen mit den Trägerverbänden möchte ich Anfang des kommenden Jahres mit einer flächendeckenden Umsetzung des Schulungsprojekts in der Langzeitpflege beginnen.

Der Einfluss von KI und Robotik auf Pflegende und Pflegebedürftige ist u. a. ein Thema mit dem sich die von der Bundesregierung eingesetzte Datenethikkommission befasst. Wie sehen Sie hier tendenziell die Chancen oder auch Risiken?

Andreas Westerfellhaus: Künstliche Intelligenz ist ein wichtiges Thema, dem wir uns stellen müssen. Je weiter sich künstliche Intelligenz fortentwickelt, desto dringender werden Antworten nach ethischen und rechtlichen Grenzen. Meiner Meinung nach steht diese Debatte gerade erst am Anfang. Wir sollten sie auf keinen Fall einzelnen Herstellern oder dem Markt überlassen, sondern gesamtgesellschaftlich und proaktiv gestalten. Deshalb werden wir die für Herbst angekündigten Empfehlungen der Datenethikkommission breit diskutieren, denn ethische Antworten in der Pflege darf man nicht „per ordre de mufti“ geben. Hier ist jeder Einzelne gefragt, sich zu überlegen, wie und von wem er oder sie im Alter und bei Krankheit begleitet und versorgt werden möchte. Ich persönlich finde es unverantwortlich zu meinen, dass künstliche Intelligenz eines Tages pflegebedürftige Menschen versorgen sollte.

Zur Digitalisierung in der Pflege gehören auch die Themen AAL und Sensorik sowie Robotik. Für wie wichtig halten Sie das für Pfleger und Gepflegte?

Andreas Westerfellhaus: Keine Frage, intelligente Technik kann pflegende Angehörige und Pflegebedürftige dabei helfen, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben. Sturzsensoren, Notrufsysteme, Serviceportale oder Apps, die als Medizinprodukte zugelassen werden – das alles unterstützt die Pflege zu Hause und entlastet die Familie. Über die Entlastung von professionellen Pflegekräften sprachen wir ja gerade schon. Was Pflegeroboter angeht, ist für mich aber klar: Pflege ist eine verantwortungsvolle soziale Aufgabe, die nur ein Mensch erbringen kann. Die Chancen durch Roboter in der Pflege dürfen nicht überschätzt werden, sonst verlieren wir den Blick fürs Wesentliche. Und das ist in meinen Augen die Frage, wie wir künftig genügend Menschen für den Pflegeberuf gewinnen und in der Pflege halten können.

Sie haben kürzlich auf der Altenpflege-Messe in Nürnberg davon abgeraten, sich der Digitalisierung „entgegenzustellen“. Welche Widerstände sprechen Sie hier genau an? Von welcher Seite kommt dieser Widerstand – und was steckt dahinter?  

Andreas Westerfellhaus: Ich sehe großes Potenzial darin, Pflegekräfte digital zu entlasten. Digitalisierung in der Pflege erfordert allerdings mehr Transparenz – die sich für alle auszahlt: durch mehr Patientenzufriedenheit, weniger Krankenhauseinweisungen und nicht zuletzt weniger Kosten. Digital vernetzte Versorgung sollte deshalb nicht an Standesdünkel, Denkverboten oder einem voreiligen Kostenargument scheitern. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der elektronischen Gesundheitskarte war es überfällig, die Entscheidungsstrukturen der Gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte, Anm.d.Red.) zu reformieren, denn Blockaden einzelner Akteure können wir uns mit Blick auf den Fachkräftemangel rein zeitlich einfach nicht mehr leisten. Bei allem Hype um Digitalisierung halte ich eines für besonders wichtig: Es muss klare Zuständigkeiten geben für Standardisierung und Interoperabilität. Der Markt muss bunt sein, aber digitale Anwendungen sollten kompatibel miteinander sein, denn es geht um sehr sensible und teils lebensrettende Daten. Pflegeverbände müssen bei der inhaltlichen Ausgestaltung von Anwendungen stärker beteiligt werden. Und Pflege muss datenschutzsicher auf Augenhöhe mit anderen Berufsgruppen zusammenarbeiten. Das geht nur, wenn das gesamte Behandler-Team die Patientenakte lesen, bearbeiten und sich darüber austauschen kann. Wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, werden wir dazu Pflegeeinrichtungen an die Telematik-Infrastruktur anbinden, damit Pflegekräfte sicher mit niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern kommunizieren und Daten austauschen können.

Kontaktieren

Bundesregierung für Pflege
Friedrichstr. 108
10117 Berlin
Telefon: +49 30-18 441-4593

Jetzt registrieren!

Die neusten Informationen direkt per Newsletter.

To prevent automated spam submissions leave this field empty.