Medizin & Technik

Bildgebende Verfahren für schwer übergewichtige Patienten

15.08.2012 -

Extrem übergewichtige Menschen stoßen auch in der Medizin buchstäblich an Grenzen, und beispielsweise bildgebende Verfahren sind gefordert, trotz Körperfülle und Fettgewebe aussagekräftige Bildqualitäten zu erzielen.

Schwer übergewichtige Patienten (supersized oder XXL genannt) kommen in Deutschland immer häufiger vor, und Adipositas, die krankhafte Fettleibigkeit, stellt eine Herausforderung für die Gesundheitsversorgung dar; von der Früherkennung und Diagnose über die Therapie bis hin zur Nachsorge. Bildgebende Verfahren wie Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRT) und Röntgen haben sich darauf eingestellt und reagieren so weit möglich auf schweres Gewicht und umfangreiche Schichten.

Der Anteil der übergewichtigen Bevölkerung wächst

Die Medizin unterscheidet drei Grade von Adipositas und stuft diese nach Werten des Body Mass Index (BMI) ein. Stufe I liegt bei einem BMI von 30-34,9, Stufe II bei 35-39,9 und Stufe III bei einem BMI von 40 aufwärts. Laut Schätzungen der OECD leiden in Deutschland 13,8 % der Frauen und 15,7 % der Männer an krankhafter ­Fettleibigkeit (OECD Health Data 2011). Das Thema wird sich zukünftig verstärken, da bereits unter Kindern ein nicht zu unterschätzender Anteil betroffen ist. Das Robert Koch-Institut ermittelte in der repräsentativen Langzeitstudie KiGGS, dass bereits 6 % aller Kinder und Jugendlichen mit Adipositas zu tun haben.

Nun sind gerade übergewichtige Menschen häufig von Herz-, Gelenk- oder Kreislauferkrankungen betroffen und auf die Diagnose mithilfe bildgebender Verfahren angewiesen. Körperfülle, Gewicht und Ausmaß des Fettgewebes können jedoch die Qualität der Aufnahmen limitieren und fordern die Medizintechnik. Angesichts der wachsenden Zielgruppe konzentrieren sich die ­Hersteller darauf, Standardlösungen so zu gestalten, dass Kliniken und Praxen in Geräte investieren können, die sich für möglichst viele Gewichtsklassen eignen.

Auch Standardlösungen haben Grenzen

Ob im CT, MRT oder beim Röntgen - ­die neuen Generationen von Tischen und Unterlagen halten mittlerweile standardmäßig bis zu 300 Kilogramm aus. Die Breite der Auflagefläche spielt bei großem Hüft- und Bauchumfang eine Rolle. Die Fachkräfte benötigen Raum, um betroffenen Körperregionen abhängig von der medizinischen Fragestellung exakt zu positionieren und damit die Voraussetzung für aussagekräftige Bilder zu schaffen. Dabei bereiten auch manchmal Organe Schwierigkeiten bei der Positionierung, von denen man es auf den ersten Blick nicht annehmen würde. So können beispielsweise spezielle MR-Spulen zur Untersuchung der Schulter oder des Knies zu eng sein, da diese Geräte dafür konzipiert sind, bereits beim ‚Normalbürger‘ direkt anzuliegen. Für andere Untersuchungen kann es notwendig sein, die Arme nach oben über den Kopf zu strecken, was selbst für weniger übergewichtige Patienten nicht immer unproblematisch ist.

Bei CT und (geschlossenem) MRT ist der Patient von einer Röhre umgeben und mit einer engen Öffnung konfrontiert. Dabei verfügen die jüngeren Systemgenerationen in der Computertomografie über einen Durchmesser von bis zu 80 Zentimeter und in der Magnetresonanztomografie bis zu 70 Zentimeter; jeweils in der sogenannten Wide-bore-Version. Selbst wenn der Trend bei Tunnelsystemen zu einer immer weiteren Röhre geht, lässt sich dieser nicht beliebig fortsetzen. Je weiter die Öffnung gezogen wird, desto größer sind die techni­schen Herausforderungen, eine gleichbleibend gute Bildqualität zu gewährleisten.

MRT-Systeme bieten neben der geschlossenen Bauweise auch offene Systeme sowie Versionen mit kürzerem Tunnel. Das seitlich offene MRT eignet sich nur bei bestimmten Anwendungen als Alternative. Es arbeitet mit zwei gegenüberliegenden Magneten mit einem Zwischenraum von bis zu 50 Zentimetern. Zwischen diesen beiden muss die zu untersuchende Körperpartie zentrisch positioniert werden. Um die optimale Bildqualität zu erhalten, sollen die Magnete nicht weiter voneinander entfernt liegen. Allein daraus ergibt sich erneut eine limitierte Einsatzmöglichkeit, wenn die Körperfülle diesen Rahmen sprengt. Außerdem verfügt das offene MRT über eine geringere Feldstärke und steht damit nur für einen Teil der Untersuchungen zur Verfügung. Anlagen mit kürzeren Abmessungen der Röhre von beispielsweise 125 Zentimeter Länge verhelfen bei manchen Fällen sogar zu vollständiger Kopffreiheit; eine gute Nachricht generell auch für klaustrophobisch veranlagte Menschen.

Fettgewebe mindert Signale

Während beim MRT die körpereigenen Gewebe angeregt werden, Signale abzugeben, arbeitet das CT mit ionisierender Strahlung, die die Physis durchdringen muss. Es bildet den Menschen scheibchenweise ab und um einen sehr großen Körper zu durchdringen, braucht es mehr Strahlung. Das Fettgewebe wirkt als Signalminderer und absorbiert die eingesetzte Energie. Verglichen mit einem durchschnittlich schweren Menschen wird also die Signalausbeute für einen übergewichtigen Patienten bei identischer Technik schlechter sein. Die meisten Untersuchungsprotokolle verwenden heute eine Belichtungsautomatik, ähnlich wie bei Fotoapparaten, die automatisch die Strahlendosis anpasst, um eine gute Bildqualität zu erreichen. Stark übergewichtige Patienten können somit einer höheren Belastung ausgesetzt sein. Dies bewegt sich alles in einem gesundheitlich vertretbaren Rahmen, und da die behandelnden Ärzte die Untersuchungen umsichtig indizieren, bewegen sich die Betroffenen im sicheren Bereich.

Abseits von Technik und ­Daten

Selbst bei minimaler Strahlenbelastung, optimaler Geräteeinstellung und belastbaren Röntgentischen - für schwer übergewichtige Menschen ist der Gang zur Untersuchung auch aus emotionalen Gründen eine Hürde. Spätestens wenn Fachkräfte die Betroffenen in den Aufnahmesystemen positionieren und dies bisweilen mit Hindernissen verbunden ist, sind Kommunikation und Empathiefähigkeit gefragt. Die Betroffenen begrüßen es, wenn Ärzte und Fachkräfte offen und sachlich mit der Tatsache des extremen Übergewichts umgehen. Meist liegt eine Historie des Leidens hinter den Betroffenen, wenn sie in einer radiologischen Abteilung für die Aufnahme vorbereitet werden. Die Worte der Fachkräfte werden dann schon mal auf die Goldwaage gelegt und möglicherweise als diskriminierend oder geringschätzig aufgefasst - ohne dass dies beabsichtigt war.

In Online-Foren oder Selbsthilfegruppen machen die Betroffenen dann ihrer Enttäuschung Luft und tauschen negative Beurteilungen aus. Die Qualität von Behandlung und Infrastruktur wird zur Seite geschoben, und soziale Kompetenz und natürliche Offenheit entscheiden. „Es ist wichtig, dass wir Patienten, die nicht der Norm entsprechen, ebenso professionell und freundlich begegnen", beschreibt Dr. Tobias Baumann, Radiologe an der Universitätsklinik Freiburg, seine Empfehlung für den Umgang mit den Betroffenen. Ein aufrichtiges Wort des Verständnisses hilft oft mehr als zusätzliche Zentimeter im Röhrendurchmesser. Dies gilt jedoch nicht nur für schwer Übergewichtige. Auch Menschen mit durchschnittlichen Körpermaßen empfinden den Aufenthalt im Engen überwiegend als unangenehm bis unerträglich, und sie entspannen sich eher, wenn sie mit ihren Bedenken und Ängsten aufgefangen werden.

Ein Lichtblick? Selbst wenn Hersteller wie Siemens, GE, Philips oder Toshiba mit ihren Healthcare-Divisionen an immer effektiveren Lösungen arbeiten, ist es für die Patienten am besten, wenn sie diesen Grad an Übergewicht gar nicht erst erreichen, und Adipositas im Vorfeld verhindert oder im frühen Stadium behandelt wird. Mithilfe des MRT lässt sich beispielsweise bei Risikopatienten präventiv eine Fettquantifizierung durchführen und die Verfettung von Organen in einem frühen Stadium aufzeigen. Dann setzen Bewegungs- und Ernährungspläne ein, um das Gewicht zu regulieren und dauerhaft im Rahmen zu halten. Dieser langfristige Ansatz basiert auf ganzheitlicher Behandlung und bezieht psychosoziale und emotionale Betreuung und Stressbewältigung mit ein. Am Anfang dieser Abläufe liegt ebenfalls der Aufenthalt in der engen Röhre, was sich jedoch zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise harmlos anfühlen dürfte.

 

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