Bauen, Einrichten & Versorgen

Demenzsensible Krankenhausarchitektur

Ein Beitrag der Architektin Dr. Ing. Birgit Dietz auf der 18. AKG Fachtagung ­Demenz/Geriatrie, die am 17. September 2021 in Dresden stattfand

06.10.2021 - Die Covid-19-Pandemie wirkt wie ein Brennglas, sie zeigt die offenen Baustellen unseres Gesundheitssystems überdeutlich.

In einer Zeit, in der das Robert-Koch-Institut bei Ärzten dafür plädiert, Senioren nur im Notfall einzuweisen, also eine Krankenhausvermeidung als Infektionsschutzmaßnahme empfiehlt, erreichen uns im Bayerischen Institut für alters- und demenzsensible Architektur besonders viele Anfragen zu Verbesserungsmöglichkeiten der Versorgungsangebote von Krankenhäusern.

Egal ob elektive Aufnahme oder Notfallaufnahme – die Einweisung in ein Krankenhaus wird von den meisten Menschen als verunsichernd und beängstigend empfunden. In deutschen Allgemeinkrankenhäusern ist die Mehrheit der zu versorgenden Patienten mittlerweile über 65 Jahre alt. Bei rund 40 % der über 65-jährigen Patienten sind kognitive Störungen und Demenzen festzustellen. Die Patienten in dieser Gruppe wiederum zeigen zu nahezu 80 % neben kognitiven Beeinträchtigungen auch nichtkog-nitive Symptome und herausforderndes Verhalten, was bereits die Aufnahme und dann die Behandlungspflege erschwert. Doch immer noch gibt es kaum spezialisierte Aufnahmen für kognitiv eingeschränkte Patienten.

Mit steigender Tendenz werden täglich etwa 76.000 Patienten mit der Nebendiagnose Demenz im Akutkrankenhaus behandelt. Diese Nebendiagnose ist bei Aufnahme oft nicht bekannt. Berichtet wird von Mitarbeiterstress und Patientenstress, denn:

  • Krankenhausaufenthalte dauern oft länger als bei nicht an einer Demenz erkrankten Patienten, die Pflege ist zeitaufwendiger.
  • Es kommt zu Einbrüchen bei den kognitiven Fähigkeiten sowie der Fähigkeit, sich selbst zu versorgen.
  • Delirien (Verwirrtheitszustände) treten vermehrt auf.
  • Die Wahrscheinlichkeit ist groß, nach der Entlassung wieder eingewiesen zu werden, weil das Therapieergebnis nicht befriedigend ist.

Die Anfälligkeit für nosokomiale, d.h. im Krankenhaus erworbene Infektionen steigt – und damit das Mortalitätsrisiko. Der Großteil sind endogene Infektionen, verursacht durch invasive Eingriffe am Patienten. Doch bei den etwa 20 bis 30% exogenen Krankenhausinfektionen, die durch Kontakt mit anderen Patienten oder mit den Mitarbeitern des Krankenhauses erfolgen, spielen bauliche Gegebenheiten eine Rolle.

Normen und Gestaltungsspielräume
Normen und Leitlinien wie die DIN 18040 (Barrierefreies Bauen) gilt es umzusetzen. Um die einmal definierten Schutzziele erreichen zu können, müssen die in der Norm gegebenen Gestaltungsspielräume, besonders auch für Menschen mit Demenz, ausgeschöpft werden, auftretende Zielkonflikte sind möglichst früh mit den Interessensvertretern zu diskutieren. Noch nicht ganz geklärt ist, wie mit der neuen EN 17210 (Barrierefreiheit und Nutzbarkeit der gebauten Umgebung, insbesondere 18.4 Gebäude im Gesundheitswesen) umzugehen ist. Sie wird vermutlich bei einer Überarbeitung der DIN 18040 integriert. Die Vielfältigkeit der Benutzer und deren Fähigkeiten stehen in dieser Norm im Fokus, damit auch kognitive Fähigkeiten.

Wie aktuell berichtet wird, ist der durch die aufreibende Zeit der Pandemie nochmals erhöhte Personalstress ein häufiger Grund für den „Pflexit“, die Kündigung des Pflegepersonals. Der damit weiter verstärkte Personalmangel macht die Arbeit für die verbleibenden Mitarbeiter enorm schwierig. Die Personaluntergrenzen, wie u.a. für die Geriatrie festgesetzt, können kaum mehr eingehalten werden. Eine Negativspirale hat sich in Gang gesetzt.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich insbesondere für Krankenhäuser ein akuter Handlungsbedarf, sich organisatorisch, personell und eben auch räumlich auf die besonderen Bedürfnisse der viel Pflegezeit bindenden Patienten einzustellen. Wo die Anpassungsfähigkeit des Menschen an unterschiedliche Umgebungen abnimmt, muss die gebaute Umwelt zunehmend unterstützend und ausgleichend gestaltet werden – ganz besonders gilt dies für die belastende Situation im Krankenhaus.

Biophile Architektur  
Alle in diesem Zusammenhang bekannten Möglichkeiten, wie eine klar gegliederte Krankenhausstruktur mit gut abgegrenzten Funktionsbereichen begleitet durch biophile Architektur, die im Haus Orientierung unterstützt und außen begehbare Freianlagen, Höfe, und Terrassen anbietet, in denen Begegnungen gestaltet werden können, müssen genutzt werden. Ein verständliches Leitsystem trägt zu einem Gefühl von Sicherheit und Orientiertheit bei.

Die Stationen sollen klein und möglichst ohne Durchgangsverkehr sein, sowie mit differenzierten Blickbeziehungen u.a. zu Aufenthaltsangeboten und dem Schwesternstützpunkt. Räumliche Ankerpunkte, die zum Verweilen in angenehmer Atmosphäre einladen, dürfen nicht fehlen.

Besonders im Mehrbettzimmer können mit sorgfältiger Territorienbildung, ausreichend Abstand zu Mitpatienten, klug angeordneten Abstellflächen etc., Infektionen vermieden werden. Darüber hinaus werden mit einer besonders sorgfältig gestalteten Umgebung, die Wohlgefühl und Behaglichkeit vermittelt, nicht nur Stressfaktoren für den Patienten minimiert, sondern auch ein kleiner Anteil der endogen bedingten Infektionen reduziert.

Das Empfinden von Behaglichkeit wird durch gute Belichtung und Beleuchtung, angenehme Farben, angemessene Raumakustik, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung sowie Temperaturverteilung im Raum beeinflusst. Auch die chemische Zusammensetzung der Luft, beispielsweise der Gehalt an CO2 und anderen Reiz- und Schadstoffen, spielt eine Rolle. Ebenso zu berücksichtigen sind olfaktorische Faktoren.

Seife, Desinfektion und Co.
Auch vermeintliche Kleinigkeiten dürfen nicht vernachlässigt werden. Für altersassoziierte Stationen ist z. B. der geeignete Standort eines Händedesinfektionsmittelspenders wichtig. Studien weisen zwar nach, dass bei bettnaher Anbringung die Händehygiene deutlich verbessert werden konnte, doch gilt es bei kognitiv eingeschränkten Patienten und Patienten mit Demenz z.B. Verwechslungen mit Wasserspendern wie auch das „Spielen“ am Spender zu minimieren. Je nach räumlichen Verhältnissen ist die Anbringung in einer Nische neben der Türe weniger aufmerksamkeitsbindend. Kittelflaschen oder Spender am Visitenwagen sind ebenfalls gute Alternativen, um Fehlgebrauch zu vermeiden. Im Bad sollten der Seifenspender und der Desinfektionsmittelspender nicht unmittelbar nebeneinander am Waschtisch angebracht werden.

Eine noch vor dem Ausbruch der Pandemie gestartete Pilotstudie in bayerischen Akutkrankenhäusern zum Zimmerwunsch der Patienten zeigte, dass das Einzelzimmer nicht wie erwartet dem Unterbringungswunsch aller Patienten gleichermaßen entsprach, mehrheitlich Ältere bevorzugten Zweibettzimmer. Gerade die Patienten mit Demenz profitieren von der Unterbringung im Mehrbettzimmer, allerdings muss hier eine den Mitpatienten belastende Einbindung vermieden werden. Derzeit könnte übrigens nur rund die Hälfte der Patienten, die ein Einzelzimmer wünschen, auch eines bekommen.

Faktor im Genesungsprozess
Neben der Entwicklung veränderter Organisationsstrukturen sowie Personalentwicklung und -schulung werden demenzsensible architektonische Konzepte mehr und mehr zu einem wichtigen Faktor im Genesungsprozess. Architektur schafft Ablesbarkeit und gibt Orientierungshilfen, fördert Kompetenzen und somit Selbstständigkeit. Eine angemessene Innen- und Außenraumgestaltung gibt sensorische Anregungen und ermöglicht soziale Interaktion.

Architektur wird vermehrt in vielerlei Hinsicht einen positiven Einfluss auf die in den Krankenhäusern bestehenden Stressfaktoren für Patienten und Personal nehmen. Sie kann damit auch einen Beitrag zur Entlastung des Personals, im besten Fall auch einer Personalbindung, leisten und die Patientensicherheit, besonders die der kognitiv eingeschränkten und an Demenz erkrankten Patienten, unterstützen.

AKG-Termine:

Ab 17.11.2021
Virtueller AKG-Beitrag zur MEDICA in Düsseldorf

Dezember 2021
Auslobung des AKG Preises 2022

Frühjahr 2022
Herausgabe der AKG-Festschrift zum 50jährigen Jubiläum

28.04.–01.05.2022
AKG-Frühjahrstreffen in Lübeck

Kontakt

AKG Bund Architekten für Krankenhaus und Gesundheitswesen im BDA e.V.

Köpenicker Str. 48 - 49
10179 Berlin
Deutschland

+49 30 278799 14

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