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Energie: Ein Effizienz-Index macht Sinn

08.02.2021 - Trotz Corona ist die Bedeutung der Energie-Effizienz gestiegen - zumindest in den produzierenden Unternehmen.

Das stellt Prof. Alexander Sauer, Leiter des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion EEP der Universität Stuttgart, in seinem halbjährlichen Effizienz-Index fest. Der Experte sieht steigende Handlungsbereitschaft in der deutschen Wirtschaft. Einen derartigen Effizienz-Index kann sich Sauer auch für den Gesundheitsbereich vorstellen.

M&K: Die Energieeffizienz hat ein Aufmerksamkeitsdefizit, haben Sie noch im letzten Jahr konstatiert. Sie beklagen einen Kommunikationsmangel seitens der Forschung, die nicht bei den Energieverbrauchern ankommt. Im Corona-Jahr dürfte sich die Aufmerksamkeit ebenfalls kaum in diese Richtung gewandt haben…  

Prof. Alexander Sauer: … In Bezug auf die Energieverbraucher im Industriekontext haben wir diesen Sachverhalt anhand unseres halbjährlichen Energieeffizienz-Index untersucht.   
Dabei haben wir festgestellt, dass die Handlungsmöglichkeiten der Unternehmen eingeschränkt sind. Aber auch, dass das zur Verfügung stehende Kapital zur Finanzierung von EE-Maßnahmen durch die Pandemie reduziert wurde. Dennoch ist die Energieeffizienz in den Unternehmen in der Bedeutung gestiegen. Die Mehrheit der befragten Unternehmen plant, die Effizienzpläne wie gehabt zu verfolgen oder gar vorzuziehen oder auszuweiten. Wir treffen auch auf Unternehmen, die sagen: “Wenn wir jetzt nicht tätig werden, sind wir weg vom Fenster” Die Covid-19 Pandemie hat aber auch Auswirkungen auf die Forschung und den Transfer. Wir stellen fest, dass unsere digitalen Formate für Unternehmen attraktiv sind und gut besucht werden.

Ist mehr Aufmerksamkeit für Effizienzentwicklungen aktuell auch begründet? Ist Effizienz überhaupt noch ein bewusstes Thema?  

Sauer: Unter Fachleuten ist Effizienz ein essentieller Aspekt bei der Energiewende. Die meisten Unternehmen sind überzeugt, dass die Klimaziele nur mit mehr Energieeffizienzmaßnahmen zu erreichen sind, zudem investierten sie bis Corona so viel wie noch nie. Jedweder Erfolg der Neutralitätsbestrebungen in Europa kann nur auf einer breiten Basis an Effizienzmaßnahmen funktionieren. Haben in den vergangenen Jahren Windräder und Stromleitungen die Diskussionen dominiert, ist es derzeit der Wasserstoff. Aber das Bundeswirtschaftsministerium ist bereits wieder auf der Suche nach neuen Impulsen für die Energieeffizienz – und die wird, wenn man es richtig macht, auch bei der dezentralen Wasserstofferzeugung berücksichtigt.

Die bekannten Herausforderungen bei der Realisierung von Energieeffizienz-Maßnahmen sind uns erhalten geblieben und werden durch den aktuellen Fokus auf die bilanzielle CO2 Neutralisierung noch verstärkt. Tragisch, denn das Umsetzen der schnellen oder einfachen Lösung, wie etwa das Umsteigen auf erneuerbare Energiequellen oder die Kompensation der eigenen Emissionen, ohne dabei auch die Effizienz zu steigern, wird auf lange Sicht zu höheren Kosten führen.  

Krankenhäuser sind bekannt für den exorbitant hohen Energieeinsatz. Ist der dabei aber effizient?  

Sauer: Eine pauschale Antwort gibt es hier ebenso wenig wie für die Industrie. Krankenhäuser sind sehr unterschiedlich (Vollversorgungskrankenhäuser, spezialisierte Krankenhäuser, etc.  und benötigen ganz individuelle Mengen an Energie sowie Versorgungssicherheit. In einem Krankenhaus entfallen ca. 50% des Energieverbrauchs auf die Raumlufttechnik und ca. 30% auf Heißwasser und Dampferzeugung. Hier liegen entscheidende Ansatzpunkte für Effizienzmaßnahmen. 

Der Quadratmeterverbrauch an Energie lag nach einer Studie aus Baden-Württemberg im Jahr 2016 meilenweit vor allen anderen gewerblichen und industriellen Bereichen. Hat die Gesundheitswirtschaft beim Energieverbrauch geschlafen?  

Sauer: So einfach ist das nicht zu vergleichen. Krankenhäuser haben, wie gesagt, einen hohen Energiebedarf für die technische Gebäudeausstattung und Heißwasser bzw. Dampferzeugung. Viele industrielle Verbraucher sind in diesen Bereichen wesentlich anspruchsloser. Dennoch ist die Dynamik zur Energieeffizienzsteigerung insbesondere in energieintensiven Industrien in der Vergangenheit sicherlich höher gewesen als in Krankenhäusern – das ist aber m.E. systembedingt. Besonders interessant sind allerdings die sogenannten ‚multiple benefits‘ der Energieeffizienz für Krankenhäuser. Z.B. ein behaglicheres Gefühl durch gute Gebäudedämmung, weniger Zugluft durch intelligente Lüftung, weniger Geräuschbelastung durch effizientere Systeme und gegebenenfalls sogar schnellere Genesung durch besseres Wohlbefinden.

Sie sind Erfinder des Energieeffizienz-Index für die deutsche Industrie. Könnte vergleichbares für den Gesundheitssektor förderlich sein?  

Sauer: Absolut. Die Logik kann genau die gleiche sein. Dadurch kann innerhalb des Sektors Aufklärung erfolgen, in welche Richtung die Trends gehen, wie auf politische Entwicklungen reagiert wird und wo Unterstützung notwendig ist. Und schließlich wird auch die Möglichkeit eines ersten Benchmarks gegeben.   

Welche Defizite machen Sie insbesondere im Bereich der Gesundheitsversorgung aus?  

Sauer: Aus Sicht der Energieeffizienz sehe ich kein Technologieproblem, sondern vielmehr Implementierungshürden. Neben der Verfügbarkeit des entsprechenden Personals zur Maßnahmenimplementierung ist das Thema Finanzierung auch gerade in vielen Krankenhäusern eine große Herausforderung. Mittlerweile gibt es aber viele Angebote, die bei unzureichenden Mitteln für Effizienzinvestitionen Projektierung und Finanzierung übernehmen. Es muss aber auch auf der Management-Ebene der Krankenhäuser eine Energiepolitik erarbeitet und eine Energiestrategie bestimmt werden, an der sich die Effizienzmaßnahmen ausrichten.

Ihr Arbeitsschwerpunkt liegt in der Energieoptimierung im Produktionsbereich. Was können die Krankenhäuser hierbei von den Industriebetrieben lernen?  

Sauer: In der Industrie hat sich die kontinuierliche Verbesserung als Strategie sehr weit verbreitet und mittlerweile auch in vielen Betrieben auf den Umgang mit Energie übertragen. In der ISO 50001 hat dies auch niedergeschlagen. Aufgrund der möglichen komplexen Wirkbeziehungen der unterschiedlichen Energiebedarfe auch in Krankenhäusern sind jedoch nicht alle Energieeffizienzpotenziale durch kontinuierliche Verbesserung zu erschließen. Zusätzlich sollten Krankenhäuser einen Blick für die Optimierung des Gesamtsystems behalten.  

Ich sehe aber auch sehr große Chance in der Adaption des Konzepts der Energieeffizienz-Netzwerke auf Krankenhäuser. Hierbei schließen sich mehrere Krankenhäuser zu einem Netzwerk zusammen, werden von einem Experten moderiert und beraten und gehen Effizienzmaßnahmen gemeinsam an und tauschen sich aus. Dieser Ansatz wurde auch bereits erfolgreich auf Kommunen übertragen. 

Welche Hemmnisse technischer Art stehen im Vordergrund, wenn die Energieeffizienz im Klinikbereich warten muss?   

Sauer: Die höchste Priorität hat die Ausfallsicherheit, sie muss bei 100% liegen und steht somit im Vordergrund. In vielen Fällen handelt es sich bei Krankenhäusern um energetisch ineffiziente Gebäude bzw. sie wurden in Zeiten gebaut, in denen die Gebäudesubstanz nicht im Vordergrund stand. Umbaumaßnahmen im laufenden Betrieb behindern erheblich die Abläufe, z.B. die Schließung einer Abteilung, Lärmbelastung im weiteren Umfeld, dem Staubverteilung oder Vibrationen.

Ein Gutteil der Klinikbetriebe arbeitet seit Jahren defizitär und hat deswegen Probleme bei der Umsetzung von Effizienzmaßnahmen. Stehen ausreichend Fördermittel zur Verfügung?

Sauer: Die Fördertöpfe sind derzeit gut ausgestattet. Kommt es zu Engpässen, wird in der Regel relativ zügig aufgestockt. Viele geeignete Förderprogramme finden sich bei der KfW. Eine Alternative bei Finanzierungsengpässen bieten aber auch Kontraktoren, die die Energieversorgung übernehmen, oder die Finanzierung neuer Anlagen und sich über die Einsparungen refinanzieren.

Aus Erhebungen des Energieeffizienz-Index wissen wir, dass vielen Unternehmen die Beantragung zu kompliziert ist – das könnte bei Krankenhäusern ähnlich sein.

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Dipl- Kfm. Alexander Sauer ist Leiter des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion, EEP der Universität Stuttgart und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA. Den Effizienz-Index der Industrie betreut er bereits seit 2013.

 

Autor: Bernd Waßmann, Herrenberg

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