Unternehmen

Kompetenzzentrum Demenz München

Zwischen den Welten

08.06.2016 -

 

Als gemeinsames Projekt der Diakonie Neuendettelsau und der Arbeiterwohlfahrt München ist das Kompetenzzentrum Demenz München speziell auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz zugeschnitten. Das gilt insbesondere auch für die Architektur. Der Entwurf des Neubaus stammt von Feddersen Architekten. Es bietet unter anderem Raum für familiär strukturierte Wohngruppen. Eine Besonderheit liegt darin, dass diese Wohngruppen für verschiedene Stadien der Demenz jeweils unterschiedlich ausgestattet sind. Stefan Drees, Mitinhaber und Geschäftsführer von Feddersen Architekten, stellt das Haus vor.

 

An klaren Tagen sehen die Bewohner der Gruppe „Pfaffenwinkel“ von ihrer Dachterrasse aus die Zugspitze. Zwar bieten nicht  alle  Etagen  Alpenblick,  doch  jede  Wohngruppe des Kompetenzzentrums Demenz hat an der Südseite des Hauses ihre eigene Terrasse oder Loggia. Sie blicken in die abwechslungsreich angelegten Gärten des Zentrums, die direkt an die benachbarten Reihenhäuser grenzen. Hier ist dasHaus selbstverständlicher Teil des Österreicher-Viertels, einer ruhigen Wohnlage im Münchner Westen. Ganz  anders  die  Straßenseite: Von der vielgleisigen Bahntrasse nur durch einige Supermärkte getrennt, ist an der vierspurigen Landsberger Straße von der grü- nen Idylle hinter dem Haus nichts mehr zu spüren. Unterschiedlicher könnte das Umfeld eines Gebäudes kaum sein. Und so liegt zwischen der Stadtstraße im Norden und der sonnigen  Gartenseite  ein  Haus, das zwischen Gegensätzen und verschiedenen Sphären vermittelt. Der von der Diakonie Neuendettelsau   und   der   Arbeiterwohlfahrt München gemeinsam errichtete und betriebene Neubau vereinigt in  drei  Abschnitten  unterschiedliche  Funktionen  in  sich. Das Kopfgebäude in Richtung Stadtmitte beherbergt eine Kindertagesstätte, soziale Beratungsdienste und eine Musikschule. Westlich schließen sich die zwei Bauteile des fünfgeschossigen Wohn-Pflegegebäudes an, die über eine Galerie miteinander verbunden sind. Neben 117 Plätzen in den verschiedenen Wohn- gruppen umfasst  das  Haus  im  Erdgeschoss  eine  Tagesspflege  mit zwölf Plätzen, einen Andachtsraum und die Verwaltung. Im zurückgesetzten vierten Obergeschoss entstanden elf barrierefreie Wohnungen. Die Kombination von stationärer Pflege und Wohnen innerhalb eines Gebäudes braucht bei aller Nähe eine getrennte innere Erschließung. Bewohner wie auch Besucher betreten das Haus über eine gemeinsame repräsentative Lobby, die sich in den südlich gelegenen Garten öffnet. Die Aufzüge werden so gesteuert, dass nur Wohnungsmieter Zugang zum Dachgeschoss haben. Hier trennen sich die Sphären zwischen dem Wohnen und dem gemein- samen Leben in der stationären Pflege.

Autarke Gruppen

Das schmale Grundstück führte zu einem langgezogenen Baukör- per, der auch den Wohngruppen eine gestreckte Form gibt. Sie funktionieren als eigenständige Gemeinschaften, in denen acht bis zwölf Menschen mit Demenz leben. Die Dienstzimmer  zwischen den Gruppen im westlichen Gebäudeteil sind „durchgesteckt“: Mitarbeiter können direkt von einer Gruppe zur anderen wech- seln und in der Nacht beide betreuen.  Die  Bewohner  verlassen wie in einem herkömmlichen Wohnhaus ihr Zuhause durch eine „Wohnungstür“, durchqueren den kurzen Flur und können dann wieder durch die nächste Tür die benachbarte Gruppe besuchen. Diese eigene Adresse unterstreicht die Selbstständigkeit jeder Gemeinschaft.

 

Orte der Erinnerung

Die Gestaltung der Wohngruppen im  Kompetenzzentrum knüpft an die Bedeutung  der  Landsberger  Straße  vor  dem  Haus  an.  Für Generationen von Münchnern begann hier der Wochenend- ausflug hinaus aus  der  Stadt,  ins  Fünf-Seen-Land  oder  weiter  bis in die Allgäuer Alpen. Diese „Erinnerungslandschaften“ mit ihren ganz eigenen Bildern liegen dem innenarchitektonischen Konzept des Kompetenzzentrums zugrunde.  Jede  Wohngruppe  ist   nach   einem   Ort  in   der   Umgebung   benannt   und gestaltet.

Dabei gilt das Prinzip „Je höher, desto weiter“. Die Gruppen im Erdgeschoss „Stadtpark Pasing“ und „Agricolaplatz“ greifen Orte  in angrenzenden Quartieren auf, während die Bewohner im drit- ten Obergeschoss im „Pfaffenwinkel“ und den „Allgäuer Alpen“ leben. Für die Etagen dazwischen stehen weitere Ausflugsziele Pate, die sich alle südwestlich von München befinden. Diese „Patenschaft“ gibt jeder Gruppe eine eigene Identität und ermöglicht ihren Bewohnern, sich an einen angenehmen Ort  zu  erinnern.  Das jeweils Charakteristische vermittelt sich in Farben,  Stoffen und Hölzern und wird durch Fotografien unterstrichen.  Auch  wenn diese Gestaltung zum nachfühlenden Erinnern einlädt, schafft sie doch keine künstlichen Welten, die den Ort imitieren oder ein Idyll  vorgaukeln.

Jedes Gruppenthema  drückt  sich  in  einer  Zusammenstellung von Materialien,  Oberflächen  und  Möbeln  aus.  So  besitzt  der „Agricolaplatz“ noch einen städtischen Charakter, matte Rottöne erinnern an Putzfassaden der  Mehrfamilienhäuser  in dieser Gegend. In der Gruppe „Schlosspark“ gibt eine elegante Farbzusammenstellung gemeinsam mit barocken Mustern und geschwungenen Möbeln den  Ton  an.  Und  die  lichte  Atmosphäre in der Gruppe „Allgäuer Alpen“ erinnert an Felsen und Moose jen- seits der Baumgrenze. Zusätzliche Ausgestaltungen wie beispiels- weise eine Picknicksituation am Wörthsee oder ein Caféhaus am Agricolaplatz können die sinnlichen Erfahrungen der Bewohner intensivieren, zu gegenseitigen Besuchen im  Haus  anregen  und  für Biografiearbeit genutzt werden. Und auch für die  Zukunft  bleibt das Konzept offen: Passende Möbel und Dekorationsstücke können jederzeit ergänzt  werden.

 

Anpassung an die Krankheitsstadien der Demenz

Die Gestaltung unterstützt das pflegefachliche Konzept des Kompetenzzentrums. So ist eine Anpassung  der  Wohnform  an die Stadien der Demenz möglich, Kontraststärke und Intensität der Farben sind unterschiedlich ausgebildet. Besitzt der „Agri- colaplatz“ noch einen reizstarken, animierenden Charakter, vermitteln die Oberflächen in der Gruppe „Allgäuer Alpen“ mit ihren matten Tönen eine ausgeglichene, beruhigende Stimmung. Die neutralen Treppenhäuser und Flure unterbrechen die wohn- liche Gestaltung der Gruppen.  So  entsteht  kein  einheitlicher, kein institutioneller Charakter innerhalb des Hauses, vielmehr vermitteln diese Zwischenräume unter den bewusst unterschiedlichen  Sphären.

Unterschiedliches miteinander zu verbinden – diese Aufgabe erfüllt das Kompetenzzentrum Demenz in München in  besonde-  rer Weise. Das Haus liegt nicht nur an einer Schnittstelle zweier konträrer Stadträume, es  bietet  Menschen  mit  Demenz  und  ihren   Angehörigen   Unterstützung   und   vereinigt    vielgestaltigeWohnwelten unter seinem Dach. Gegensätze  außen  und  Vielfalt im Innern moderiert das Gebäude durch seine klaren Formen und einen lebhaften Wechsel von neutralen und intensiv gestalteten Bereichen.  Es schafft einen Ort,  der  zwischen  Welten vermittelt – zwischen denen des Alltags genauso wie zwischen denen der Erinnerung.

 

 

 

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