Aus den Kliniken

Medizinische Hochschule Hannover rutscht in die roten Zahlen

23.05.2012 -

So viele Patienten behandelt wie noch niemals zuvor, ein Höchststand bei den Drittmitteln, und trotzdem ist 2011 kein gutes Jahr für die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) geworden. "Wir haben unser Ziel deutlich verfehlt, ein ausgeglichenes Ergebnis zu erwirtschaften und mit einem negativen Jahresergebnis von 15,9 Mio. € abgeschlossen", betonte Vizepräsident Holger Baumann, zuständig für das Ressort Wirtschaftsführung und Administration, am Dienstag (22. Mail 2012) während der Bilanz-Pressekonferenz. Nach sieben Jahren in Folge mit positiven Bilanzen ist die MHH im vergangenen Jahr in die roten Zahlen gerutscht. "Wir werden den Kopf nicht in den Sand stecken", ergänzte MHH-Präsident Prof. Dr. Dieter Bitter-Suermann, "denn die MHH ist exzellent aufgestellt."

Baumann zählte eine Reihe von Gründen auf, die zu Mehrbelastungen von 23 Mio. € geführt hätten. Neben Steigerungen der Personalkosten durch Tariferhöhungen (+ 4,4 Mio. €), Sachkostensteigerungen (+ 3,2 Mio. €), ein Plus bei den Energiekosten (+ eine Million Euro) und Mindereinnahmen wegen der EHEC-Epidemie (- 2,9 Mio. €) - alle in den Fallpauschalen nicht ausgeglichen - führte der Vizepräsident einen überproportionalen Anstieg bei der Belegschaft um 170 Vollkräfte an, ohne dass es im vergangenen Jahr entsprechende Mehrleistungen gegeben habe.

"Hinzu kommt, dass in der Krankenversorgung die Preise für unsere stationären Dienstleistungen über den niedersächsischen Landesbasisfallwert gesunken sind", sagte Baumann, was ein Minus von einer halben Million Euro ausmacht. Prof. Dr. Dieter Bitter-Suermann ergänzte an dieser Stelle: "Käme ein bundesweit einheitlicher Basisfallwert zum Einsatz, hätte es uns 2011 fünf Mio. € Mehrerlös gebracht, ganz zu schweigen vom saarländischen oder rheinland-pfälzischen Landesbasisfallwert, der uns für die gleichen Leistungen 22 Mio. € mehr eingespielt hätte."

Da bei einer Auslastung der Klinik von mehr als 90% und einem Allzeithoch bei den ausgegebenen Drittmitteln von mehr als 86 Mio. € kaum noch Leistungssteigerungen zu realisieren sind, will die MHH mit einem Sparkurs gegensteuern. Der Personalbestand soll auf den Durchschnitt des Jahres 2010 zurückgeführt werden. Damit müssten etwa 170 Vollkraftstellen eingespart werden bei 7.610 Vollkräften insgesamt. Außerdem will die Hochschule versuchen, auch den Anstieg der Sachkosten zu bremsen, in dem bestimmte Kostenarten gedeckelt werden. Schließlich sollen auch Prozesse weiter optimiert und damit Abläufe schneller gemacht werden.

Die Krankenversorgung


Die MHH hat im vergangenen Jahr mit 57.181 stationären Behandlungsfällen (plus 2.306 Fälle) so viele Patienten betreut wie noch niemals zuvor. Auch im ambulanten Bereich konnte die Hochschule die Behandlungskontakte noch einmal um 52.095 auf 385.437 Behandlungskontakte steigern, rechnet man die Ambulanzzentrum GmbH hinzu waren es sogar 415.782 Behandlungskontakte. Ein Teil dieser Leistungssteigerung geht auf die Übernahme der Hautklinik Linden zurück. Die Verweildauer der Patienten sank erneut leicht von 8,28 Tage im Jahr 2010 auf nunmehr 8,09 Tage. "Wir sind im vergangenen Jahr so fleißig gewesen wie noch nie", sagte MHH-Vizepräsident Dr. Andreas Tecklenburg, "versuchen seit einem Jahrzehnt im gedeckelten Gesundheitskostensystem durch Optimierung zu überleben und doch reichen die Erlöse hinten und vorne nicht." Da die Erlöse über die Fallpauschalen gedeckelt seien, die Kosten aber ständig stiegen, müsse zwangsläufig jede Klinik irgendwann in die roten Zahlen rutschen. "Gerade die EHEC-Edipemie oder die H1N1-Fälle im Jahr zuvor haben gezeigt, wie leistungsfähig die deutsche Spitzenmedizin ist. Dafür werden wir zwar gelobt, doch am Finanzierungssystem im Gesundheitswesen ändert sich nichts." Damit will der Klinik-Manager nicht von eigenen Problemen der MHH ablenken: "Wir werden unsere Hausaufgaben machen und alle gemeinsam an einem Strang ziehen, damit wir unseren erfolgreichen Weg weitergehen können."

Die Forschung

"Die Luft ist für die MHH dünner geworden." So umriss MHH-Präsident Prof. Bitter-Suermann, zuständig für die Ressorts Forschung und Lehre, das Jahr 2011 aus sicht der Forschung. Mit mehr als 86 Mio. € ausgegebenen Drittmitteln erzielte die MHH zwar ein Spitzenergebnis und zählt nach wie vor zu den forschungsaktivsten Hochschulen. "Gleichzeitig ist aber die Zahl der nicht verlängerten oder abgewiesenen Anträge gewachsen, denn die Konkurrenz schläft nicht." So schied das Klinische Studienzentrum aus der Förderung des Bundesforschungsministeriums aus, auch der Biobank-Antrag der MHH wurde vom Ministerium nicht berücksichtigt. Beide sind aber unverzichtbar und werden nun aus eigenen Mitteln etabliert. Während die MHH beim Deutschen Zentrum für Lungenforschung und beim Deutschen Zentrum für Infektionsforschung mit zu den geförderten Standorten gehört, wurde die Hochschule beim Deutschen Zentrum für Herzforschung nicht berücksichtigt.

Der Mangel an Laborfläche konnte mit Bau des Pädiatrischen Forschungszentrums aus Mitteln des Konjunkturprogrammes II gemindert werden. "Und mit den Neubauten des CRC, des Klinischen Studienzentrum Hannover, und des NIFE, des Niedersächsischen Zentrum für Biomedizintechnik, Implantatforschung und Entwicklung, haben wir gleich neben der MHH zwei hervorragende Kooperationsprojekte am Start", ergänzte der Präsident. Gespannt wartet man an der MHH auf den 15. Juni: Dann entscheidet sich, ob der Exzellenzcluster REBIRTH zu Regenerativer Medizin und die Graduiertenschule Hannover Biomedical Research School (HBRS) weiterhin von der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder gefördert werden und ob die MHH innerhalb eines Oldenburger Exzellenzclusters zum Thema Hören berücksichtigt wird.

Die Lehre

Die Lehre im Modellstudiengang HannibaL hat den ersten Höhepunkt erreicht: Der erste Jahrgang hat das Staatsexamen erfolgreich absolviert. "Unter den deutschen medizinischen Fakultäten gewinnt HannibaL als Modell- und Reformstudiengang zunehmend Ansehen und Vorbildcharakter", erklärte Professor Bitter-Suermann. Die Leistungsorientierte Mittelvergabe (LOM) zieht auch in die Lehre ein. "Von diesem Jahr an wird es erstmals eine Million Euro Lehr-LOM geben." Die Qualität der Masterstudiengänge Biomedizin und Biochemie ist ungebrochen hoch. Ihr Erfolg lässt sich damit belegen, dass die Absolventen hervorragende Chancen in den Promotionsstudiengängen der Hannover Biomedical Research School haben.

Die Stiftungsdiskussion


Um der MHH einen höheren Freiheitsgrad bei wichtigen Entscheidungen zu geben, hat der Präsident 2011 die Diskussion um eine Rechtsformänderung hin zu einer Stiftungshochschule begonnen. Der Senat, der eine solche Änderung mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit beschließen könnte, hat in der vergangenen Woche Entwürfe für eine Satzung und Ordnung einer Stiftung beschlossen - wie in einem notwendigen Prüfungs- und Genehmigungsverfahren vorgeschrieben -, die man berücksichtig haben möchte. Diese Liste ist an das Wissenschaftsministerium übermittelt worden. "Wir haben den Ball ans Ministerium weiter gespielt", betonte Professor Bitter-Suermann, der als Präsident auch Vorsitzender des Senats ist.

 

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