Aus den Kliniken

Mobile Stroke Unit: Durchführbarkeit in der klinischen Praxis bewiesen

11.02.2011 -

Eine Mobile Stroke Unit wurde erstmals im Rahmen einer vom UKS Langzeitstudie erfolgreich eingesetzt. Insgesamt wurden bereits 80 Patienten im Rahmen dieser Langzeitstudie (Ziel 200) eingeschlossen. Die weltweit ersten Patienten, die bereits am Notfallort, anstelle wie bisher in der Klinik behandelt wurden, belegen bereits eindeutig:

  1. Die prähospitale Behandlung des Schlaganfalles ist in der klinischen Realität durch-führbar, dadurch dass das Krankenhaus (Mobile Stroke Unit) zum Patienten kommt.
  2. Eine Zeitersparnis (Notruf-Therapiebeginn) durch die Behandlung bereits am Notfallort gegenüber der Krankenhausbehandlung von bis zu 40 Minuten ist machbar! Entsprechend dem allgemein akzeptierten Prinzip „Zeit ist Hirn", ist dies von äu-ßerster klinischer Relevanz.


Prof. Klaus Faßbender, Direktor der Klinik für Neurologie des UKS in Homburg, hat diese weltweit einzigartige Mobile Stroke Unit entwickelt, die über ein CT, Laborgeräte und Telemedizinanbindung zum Krankenhaus verfügt. „Das Krankenhaus kommt damit direkt zum Patienten", so Prof. Faß-bender. „Patienten verlieren durch Diagnose und Behandlung am Notfallort keine Zeit. Die praktische Umsetzung des innovativen Rettungskonzepts wurde durch zahlreiche Kooperationspartner ermöglicht. Die Entwicklung des UKS in Homburg und der Universität des Saarlandes hilft in der Zukunft die Folgen eines Schlaganfalles und das damit verbundene Leid drastisch zu reduzieren."

In Deutschland erleiden etwa 200.000 Patienten pro Jahr einen Schlaganfall. Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache, die zweithäufigste Ursache von Demenz und die häufigste Ursache von bleibender Behinderung in den westlichen Ländern. Neben dem erheblichen menschlichen Leid hat der Schlaganfall auch enorme ökonomische Auswirkungen, welche zukünftig aufgrund der demografischen Veränderungen in Deutschland weiter zunehmen werden. Die Lyse ist die Therapie der Wahl bei einem durch einen Thrombus verursachten Schlaganfall. Leider kann diese Therapie nur in 2 bis 4 % der Fälle erfolgreich eingesetzt werden. Die Anwendung der Lysetherapie setzt eine sorgfältige Diagnose voraus. Durch die Anfahrt des Rettungsfahrzeuges zum Schlaganfallpatienten, den Transport des Patienten in die Klinik und die Diagnose in der Klinik vergeht in der Regel so viel Zeit, dass die Lysetherapie nicht mehr erfolgreich eingesetzt werden kann.

Das saarländische Ministerium für Gesundheit und Verbraucherschutz unterstützt das Vorhaben sowohl ideell als auch finanziell. Für die Jahre 2010, 2011 und 2012 stehen bis zu 182.000 Euro für Wartungs- und Betriebskosten zur Verfügung. Gesundheitsminister Weisweiler: „Dieses innovative Projekt kommt direkt der besseren Gesundheitsversorgung der Saarländerinnen und Saarländer zugute. Ich bin mir sicher, dass dieses Projekt ein Gewinn für unser Land ist und bin sehr gespannt auf den weiteren Verlauf."

Prof. Wolf-Ingo Steudel, Ärztlicher Direktor der UKS: „Ich bin besonders stolz, dass dieses erfolgreiche Projekt weltweit einmalig in Homburg durchgeführt werden konnte. Dies zeigt, dass wir im Bereich Innovation und Forschung auf allerhöchstem Niveau mitspielen."

Lebensrettung durch Paradigmenwechsel.

Die Lyse ist die Therapie der Wahl bei einem durch einen Thrombus verursachten Schlaganfall. Leider kann diese Therapie nur in 2 bis 4 % der Fälle erfolgreich eingesetzt werden, u.a. weil die Patienten zu spät die Klinik erreichen. Die Anwendung der Lysetherapie setzt eine sorgfältige Diagnose voraus. Es muss zweifelsfrei gesichert sein, dass bei den Patienten ein Thrombus vor-liegt. Sollte der Schlaganfall z. B. auch durch eine Hirnblutung verursacht worden sein, so wäre die Lysetherapie kontraindiziert. Das zeitliche Therapiefenster beträgt 3 Stunden. Durch die Anfahrt des Rettungsfahrzeuges zum Schlaganfallpatienten, den Transport des Patienten in die Klinik und die Diagnostik in der Klinik vergeht in der Regel so viel Zeit, dass die Lysetherapie nicht mehr erfolgreich eingesetzt werden kann.

Hier setzt die Innovation ein:

Ein Rettungsfahrzeug wird ausgestattet mit einem Computertomografen, einem neuartigen „Point-of-Care-Labor" und Telemedizintechnik. So kann der Patient vor Ort diagnostiziert und therapiert werden. Innovation durch Paradigmenwechsel: Nicht der Patient kommt in die Klinik, sondern die Klinik kommt zum Patienten.

Nach der erfolgreichen Entwicklung und ersten Erprobung in der klinischen Praxis (PLOS one 2010:e 13748), werden nun größere klinische Studien zur Analyse des besten Settings (ländliches versus urbanes Umfeld), und des gesundheitsökonomischen Nutzens durchgeführt.

Ausführliche Beschreibung

Diese weltweit einzigartige Mobile Stroke Unit beherbergt einen Computertomografen und Laborgeräte, die für die Diagnostik des Schlaganfalls unentbehrlich sind. Per Telemedizin können darü-ber hinaus die Bilddaten und Videos der Patientenuntersuchung in die Klinik gesandt werden, um ggf. weitere Expertise einholen zu können.

Das Besondere: Patienten verlieren keine Zeit für den Transport in die Klinik, da bereits vor Ort eine Diagnose gestellt und dann auch eine Behandlung eingeleitet werden kann. Zudem werden kritische Schnittstellen zwischen den verschiedenen Berufsgruppen und verschienen Ärzten (Rettungswesen, Klinikmitarbeiter etc.) reduziert, da die Diagnostik und Therapie in den Händen von einem einzigen spezialisierten Team liegt. Es gilt: Je schneller die Behandlung, desto geringer der Hirnschaden ("time is brain"!).

Die Mobile Stroke Unit ist ein Rettungswagen, welcher, außer der konventionellen Rettungswa-genausstattung, ein akkumulatorbetriebenes und bleiabgeschirmtes CT beinhaltet, sowie ein Telemedizinsystem, welches die Übertragung von DICOM-Daten der CT-Scans sowie Real-Time-Video-Aufnahmen der Patientenuntersuchung via UMTS (high speed downlink packet access) direkt in die Klinik ermöglicht (Bildeinspeisung in das PACS System der Klinik).

Zudem finden die seitens der Zulassungskriterien und der Leitlinien geforderten schlaganfallspezifischen Laborunter-suchungen (Blutplättchen, Erythrozyten, Leukozyten, Hämoglobulin, Hämatokrit, INR, aPTT, γGT, P-Amylase, Glukose) mittels eines „Point-of-care"-Laborsystems statt.

Seit Ende 2008 analysieren wir die Durchführbarkeit dieses Konzepts. Im Einsatz ist neben dem Rettungssassistenten ein intensivmedizinisch geschulter Neurologe. Es besteht eine telemedizinische Verbindung zur Neuroradiologie des Krankenhauses.
Die ersten Erfahrungen ergaben, dass nicht nur aufgrund der kürzeren Wege, sondern insbesondere aufgrund der gesteigerten Effizienz an den relevanten Schnittstellen zwischen Rettungsdiens-ten, Notärzten, Neurologen, Neuroradiologen, Neurochirurgen und Laborpersonal durch das „Mobile Stroke Unit"- Konzept wichtige Zeit eingespart wird. So wurden die bisherigen Zeitgrenzen des Schlaganfallmanagements dramatisch unterschritten.
Die ersten Einsätze dokumentieren bereits das breite Spektrum neuer medizinischer Möglichkeiten, die sich durch die MSU Strategie eröffnen:

  • Entscheidung für oder gegen eine Thrombolyse in der Prähospitalphase des Schlaganfalles
  • Organisation eines „Bridgings" mit IV Thrombolyse am Notfallort und anschließender intraarterieller Rekanalisation im Krankenhaus, z. B. bei Hinweisen auf Mediaverschluss
  • Prähospitale Klärung hinsichtlich der Notwendigkeit chirurgischer oder anderer Interventio-nen durch telemedizinische Interaktion mit Krankenhausexperten
  • Leitlinienkonformes und ätiologiespezifisches prähospitales Management physiologischer Variablen (Blutdruckmanagement bei hämorrhagischem Schlaganfall
  • Prähospitale Triage hinsichtlich des Zielkrankenhauses (weiter entferntes Krankenhaus mit Stroke Unit, Neurochirurgie oder Neuroradiologie versus näher gelegene Institution ohne diese Ressourcen)

Hintergrund

Der Schlaganfall ist die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache von bleibender Behinderung im Erwachsenenalter in den westlichen Ländern. Laut Statistischem Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2006 ca. 200.000 Betroffene gezählt. Neben dem erheblichen individuellen Leid entstehen hierdurch enorme Kosten, insbesondere für die Langzeitpflege.

Es ist heute möglich, Blutgerinnsel in den Hirngefäßen durch eine sogenannte Lysetherapie aufzulösen. Das Hirngewebe kann dann wieder mit Blut versorgt werden. Die Infusion des Lysemedikaments stellt gegenwärtig die einzige zugelassene Therapie des akuten Schlaganfalls dar. Allerdings kann die Lyse nur dann zur Anwendung kommen, wenn ein Blutgerinnsel der Hirnarterie den Schlaganfall (85 % der Fälle) verursacht. Nicht geeignet ist die Lyse bei einer Hirnblutung (15 % der Fälle). Hier würde die Lysetherapie die Krankheit verschlimmern. Die Symptome beider Schlaganfallformen (Mangeldurchblutung und Hirnblutung) sind in der Regel die gleichen: plötzlich einsetzende Lähmung, Gefühlsstörung oder Sprachstörung.

Die Unterscheidung der beiden Schlaganfallformen gelingt mit dem Computertomografen. Nach dem Ausschluss einer Hirnblutung durch Bildgebung und nach Durchführung verschiedener Labortests ist die rettende Lysetherapie vor Ort im Rettungswagen in gleicher Weise wie im Krankenhaus möglich.

Bei kaum einer Erkrankung ist die Zeit zwischen Symptombeginn und Therapie so wichtig für den Erfolg der Behandlung wie beim Schlaganfall. Die Heilungschancen sind bei frühzeitigem Thera-piebeginn um ein Vielfaches höher. Trotz der unumstrittenen Wirksamkeit der Lysetherapie kommt sie in den meisten Kliniken nur bei 1-2 % und selbst in Schlaganfall-Zentren nur bei 4-7 % der Schlaganfallpatienten zum Einsatz. Der häufigste Grund hierfür ist verspätetes Eintreffen der Patienten in der Klinik.

Beteiligte Einrichtungen und Kooperationspartner

Die praktische Umsetzung für das innovative Rettungskonzept wurde ermöglicht durch zahlreiche Kooperationspartner und Sponsoren.

Kooperationspartner:

  • Universitätsklinikum des Saarlandes
  • Klinik für Neurologie
  • Klinik für diagnostische und interventionelle Neuroradiologie
  • Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie
  • DRK Kreisverband Homburg
  • Rettungszweckverband Saar
  • Fa. Medicor GmbH
  • Fa. Meytec GmbH, Informationssysteme
  • Acute Vascular Imaging Centre, John Radcliffe Hospital, Oxford, England


Sponsoren:

  • Ministerium für Gesundheit und Verbraucherschutz
  • Dr. Werner Jackstädt-Stiftung
  • Else Kröner-Fresenius-Stiftung
  • Universitätsklinikum des Saarlandes
  • Sanofi Aventis GmbH
  • Stadt Homburg
  • Rettungsstiftung Saar
  • RettungsDienstlogistik GmbH
  • Karlsberg Brauerei GmbH, Homburg
  • Daimler AG

Kontakt

Universitätsklinikum des Saarlandes

Kirrberger Straße 100
66421 Homburg
Deutschland

+49 6841 16 0
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