Digitales OP soll die Patientensicherheit in der Heidelberger Neurochirurgie weiter optimieren

  • Prof. Dr. Andreas Unterberg, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg. Prof. Dr. Andreas Unterberg, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Die Neurochirurgische Universitätsklinik hat auf ein digitales OP-Management-System aufgerüstet. Davon soll sowohl die Patientenversorgung, aber auch die Facharzt-Weiterbildung profitieren. Prof. Andreas Unterberg, Ärztlicher Direktor, sprach über die Herausforderungen.

M&K: Was ist das Besondere an Ihrem neuen digitalen OP Management System?

Prof. Andreas Unterberg: Wir haben unsere vier neurochirurgischen Säle in der Kopfklinik mit einem System auf Basis des Buzz On-Wall der Firma Brainlab ausgerüstet. Dieses System fasst viele unterschiedliche Daten, insbesondere auch Bilddaten, zusammen. Dazu gehören unter anderem Daten aus dem Krankenhausinformationssystem (KIS), dem elektrophysiologischen Monitoring und der intraoperativen Bildgebung. In jedem OP hängt ein Monitor, der Bilder oder auch den Operationsablauf darstellen kann. Dank Buzz können Bilddaten aus der Kernspin- und Computertomografie (CT) und diverse in­traoperative Messwerte wie z. B. elektrophysiologische Hirnnervenableitungen in beliebiger Kombination – „picture in picture“ – gemeinsam auf einem Großbildmonitor im OP geladen werden. Sie können präoperativ gewonnene Daten darstellen lassen, können ausschneiden und drehen. Vieles ist möglich. Magnetresonanztomografie(MRT)-, CT-, Angiografie-Daten können zum Teil fusioniert werden. Mittels MRT können Traktografien, die den Verlauf größerer Nervenfaserbündel rekonstruieren, dargestellt werden. Ein intraoperatives CT und MRT ermöglicht bei uns eine in­traoperative Bildgebung. Wir können mit allen Daten arbeiten. Und wir können zum Beispiel den gesamten Operationsablauf wie ein Videostreaming laufen lassen, gleichzeitig mit einer Elektrophysiologie, um Ereignisse in der Operation, die eventuell dafür verantwortlich sind, dass sich elektrophysiologische Veränderungen ergaben, retrospektiv abzuarbeiten und zu analysieren. Wir können so zum Beispiel prüfen, wo sich bei einer Operation evozierte Potentiale geändert haben, ob dies mit einem speziellen chirurgischen Eingreifen verbunden ist oder mit der Traktion oder mit anderen Dingen. Vieles davon war auch ohne das neue System abrufbar. Es konnte aber nicht verknüpft dargestellt werden.

Nun führen wir die Daten auf einer Plattform zusammen. Wir glauben, dass man damit zum Beispiel die Patientensicherheit erheblich verbessern kann. Auch die wissenschaftliche Arbeit wird profitieren.

Wann ist diese Datenverknüpfung besonders wichtig?

Prof. Andreas Unterberg: Die Verknüpfung unterschiedlichster Datensätze ist wichtig zum Beispiel bei Operationen von Rückenmarkstumoren, bei Tumoren der Schädelbasis und Tumoren im Brückenwinkel – also auch bei Akustikusneurinomen. Sie ist überall dort wichtig, wo komplexe Nervenfunktionen abgeleitet und dokumentiert werden können. Ich verspreche mir davon, dass das Operationsergebnis weniger belastet wird durch neue funktionelle neurologische Defizite. Wir müssen in der Neurochirurgie einerseits möglichst radikal operieren. Andererseits müssen wir so vorsichtig sein, dass die Funktion nicht beeinträchtigt wird. Unser Eingreifen soll nicht zu neuen Defiziten führen. Dies wird die Dauer der Operationen nicht verlängern. Wir glauben sogar, dass die Operationszeiten kürzer werden. Die Verkürzung der OP-Zeiten ist aber nur ein Nebenprodukt.

Wie oft gibt es so was in Deutschland?

Prof. Andreas Unterberg: Buzz On-Wall gibt es in verschiedenen Kliniken, zum Beispiel bei uns in der Kieferchirurgie. Allerdings benutzen sie dies anders, hauptsächlich zur Navigation, Darstellung und Fusion der präoperativen Daten mit dem intraoperativen Befund. Die Installation mit den gesplitteten Screens bei uns ist singulär.

Haben Sie keine Angst vor einem „Data Overkill“?

Prof. Andreas Unterberg: Der Operateur fokussiert natürlich auf den Operationssitus. Aber er kann nun zum Beispiel auch zum Bildschirm an der Wand sehen, ob sich aktuell die elektrophysiologischen Daten ändern. Oder er sieht genau, wo er operiert, indem man den Pointer nutzt. Das ist für ihn wichtig, aber das ist auch für alle anderen im OP wichtig. Die neue Technologie führt viele Modalitäten zusammen. Wenn an jedem Gerät jemand anderes sitzt, dann ist das Zusammenführen gar nicht so einfach. Wir versprechen uns von der Neuerung, dass sie die Daten übersichtlicher darstellt, die OP besser steuerbar und letztlich besser auswertbar macht. Wir arbeiten seit rund drei Monaten mit dem digitalen OP und haben damit erste sehr gute Erfahrungen gesammelt.

Ist eine besondere Expertise notwendig, um diesen OP so zu betreiben, wie er jetzt ist?

Prof. Andreas Unterberg: Wir benötigen in allen Sälen täglich die Navigation, Bildgebung und so weiter. Das ermöglichen bei uns zwei sogenannte Navigatoren. Das sind speziell weitergebildete technische Assistenten, die den ganzen Tag nichts anderes machen, als diese Geräte bedienen, zusammenführen, einrichten und so weiter. Sie sind sehr speziell eingearbeitete Mitarbeiter auf einem extrem hohen technischen Niveau.

Die Daten werden nicht nur verknüpft, sondern auch archiviert und bleiben abrufbar. Fließen auch die Operationsergebnisse ein?

Prof. Andreas Unterberg: Ja, natürlich. Das ist im KIS abgelegt, wo z. B. Arztbriefe und Nachuntersuchungsdaten jederzeit abrufbar sind. Sie können entweder prospektiv oder retrospektiv arbeiten. Sie haben einen wirklich viel besseren Zugriff auf zahlreiche Daten, als wenn sich jeder seine eigene kleine Briefmarkensammlung zusammenstellen müsste.

Das wird das wissenschaftliche Publizieren erleichtern?

Prof. Andreas Unterberg: Das wollen wir hoffen. Die eigenen Operationen auszuwerten, das ist auch klinische Forschung.

Wozu dient die 3-D-Darstellung?

Prof. Andreas Unterberg: In der Neurochirurgie nutzt nur der Operateur, vielleicht auch der Assistent, ein Okular. Nur der Operateur sieht also wirklich 3-D. Alle anderen im OP sehen normalerweise 2-D. Unser ebenfalls neues Trenion-System ermöglicht nun die Darstellung virtueller 3-D-OP-Planungsmodelle und die dreidimensionale Übertragung aus dem OP-Mikroskop auf einen großen 3-D-Monitor. Das machen wir erstens für unsere Mitarbeiter, zweitens für Gäste und drittens für Studenten, die der Operation nun in 3-D folgen können. Das ist beispielsweise dann wichtig, wenn Aneurysmen schwierig lokalisiert sind. Das können sie viel besser nachvollziehen, wenn das Bild auch Tiefe hat.

Was ist der nächste Schritt?

Prof. Andreas Unterberg: Wir sind immer noch dabei, uns mit dem gesamten System vertraut zu machen, zum Beispiel bei Rekon­struktionen von Gefäßanomalien. Es wird noch ein paar Monate dauern, um alles wirklich gut zu beherrschen. Wir wollen ein Jahr lang genau dar­über Buch führen, in welchen Situatio­nen uns dieses System hilft, und wo es vielleicht auch ein Overkill ist. Wir sind in beide Richtungen offen.

Wäre der nächste Schritt eigentlich schon der Roboter im OP-Saal?

Prof. Andreas Unterberg: Der Roboter im OP wird seit Jahrzehnten postuliert. Die Einsätze in der Neurochirurgie sind aber noch höchst bescheiden. Man kann natürlich auch im menschlichen Gehirn gesteuert arbeiten, mit Robotern oder Instrumenten, die digital geführt werden, zum Beispiel mit einem Joystick. Bei gewissen Dingen ist dies aber nicht unbedingt sehr hilfreich. Der Monitor bleibt eine unerlässliche Schnittstelle zwischen Computer und Mensch.

 

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Unterberg ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Heidelberg und spezialisiert auf Hirntumorchirurgie. Er war unter anderem an der EBIC-guidelines for management of severe head injury in adults beteiligt. Zudem war er 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie.

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