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Corona hat die Kliniküberwachung verändert

05.03.2021 - Sicherheitskonzepte gewinnen im Klinikbereich an Bedeutung. Insbesondere die Zutritts- und Besuchsbeschränkungen machen Überwachungen vordringlich.

Mit der Nutzung industriell bewährter Konzepte und einer strukturierten Umsetzung ist die Sicherheit im Krankenhaus kein Vabanque-Spiel mehr, meint der Erkelenzer Experte Sascha Puppel.

M&K: Überwachen, detektieren, Beobachten, Erkennen, Identifizieren, Begutachten: Für die Videoüberwachung stehen zahlreiche Aufgaben an…

Sascha Puppel: Die Anforderungen können in Krankenhäusern recht vielseitig sein. Hier spricht man in den relevanten Normen, wie z.B. DIN EN 62676-4 auch von den Betriebsanforderungen. Die Normenreihe DIN EN 62676-x bietet für alle Beteiligten, wie Auftraggeber, Planer und Fach-Errichter zahlreiche Hilfestellungen. Dort, wo früher im Bereich der VSS eher subjektive Bewertungsstandards zugrunde gelegt wurden, kann nun auf objektive und normativ festgelegte Werte zurückgegriffen werden.

Und was die Qualität betrifft?

Puppel: Teilweise war es früher sehr schwierig, forensisch wertvolle Bildqualitäten zu definieren. Oftmals musste dies erst später in gerichtlichen Auseinandersetzungen teuer und langwierig geklärt werden, ob nun die gelieferte Bildqualität „gut“ oder „nicht gut“ ist.

Was ist bei der Planung eines Videosicherheitssystems vorrangig zu beachten?

Puppel: Erfreulicherweise sind wir bei einem Video Security System (VSS) heutzutage in der vorteilhaften Lage, auf bewährte Industriestandards zurückgreifen zu können. Um eine strukturierte Umsetzung eines zielgerichteten Projektes gewährleisten zu können, empfiehlt es sich, die Einhaltung der bewährten Projektphasen sicherzustellen.

Wichtig ist, vor Projektbeginn alle Projektbeteiligten, wie Auftraggeber, Endnutzer, Bediener, Datenschützer, Betriebsrat, Sicherheitsdienstleister, IT-Abteilung, Interventionsstellen, Einkauf sowie extern ggf. Polizei, Behörden und Versicherer in das Projekt den Rollen entsprechend „einzuweihen“, um dadurch sicherzustellen, dass alle Anforderungen und Restriktionen Berücksichtigung finden können.

Am Anfang einer jeden Planung eines Sicherheitssystems, wie einem Videosicherheitssystem (VSS), sollte ein Sicherheitskonzept stehen. Ein allumfassendes Sicherheitskonzept ist die Grundlage eines Kick-Offs, da aufgrund dieses Konzepts z.B.: Sabotage, Einbruch, Diebstahl, Vandalismus, Extremismus, Terrorismus, etc. sein.

Welche Kliniksektoren bedürfen der besonderen Überwachung?

Puppel: Pauschal kann man sagen, dass natürlich alle Eingangsbereiche relevant sind, aber oftmals gibt es je nach Krankenhaus auch besonders schützenswerte Bereiche, wie die Zugänge zu Neugeborenen-Stationen etc. Beispielsweise ist aber auch an manchen Kliniken die Gerichtsmedizin angegliedert.

Das ergibt ja unterschiedliche Bedrohungslagen…

Puppel: Vor dem VSS-Entwurf sollte zur Unterstützung des Verständnisses ihrer Zweckbestimmung eine Grundlagenermittlung durchgeführt werden. Diese mündet in einer Bedrohungsabschätzung und einer Risikoanalyse, welche in einem gesamtheitlichen Audit mit allen Beteiligten unter Anleitung eines qualifizierten

Risk-Managers erarbeitet wird.

Um eine valide Planung durchführen zu können, ist aufgrund meiner Erfahrungen dringend zu empfehlen, als grundlegende Voraussetzung für jedes professionelle und individuelle VSS, eine Gefahren- und Risikoanalyse nach ISO 31000 durchzuführen.

Die Bedrohungen und Risiken für das jeweilige Objekt werden mit Hilfe dieser Analyse identifiziert und bezüglich ihrer Wahrscheinlichkeit und ihrer Auswirkungen in einer Risikomatrix gewichtet. Diese stellt das Risiko für das Objekt oder die Organisation dar.

Also ist eine Risikobewertung ein wesentlicher Schritt?

Puppel: Eine Risikobewertung sollte durchgeführt und die VSS so geplant werden, dass die beurteilten Risiken hierdurch reduziert werden. Mit Hilfe der Risikomatrix ist es nunmehr möglich, die Risiken transparent zu priorisieren und Maßnahmen zielgerichtet zu veranlassen sowie ggf. die folgenden Ziele zu erreichen:

•          Minimierung des Risikos;

•          Senkung der messbaren Kosten (z.B. Versicherungsprämien, etc.);

•          Kostensenkung durch effektiveren Personaleinsatz, z. B. Reduzierung der Bestreifungen;

•          Optimierung der Betriebsabläufe, z.B. durch situationsabhängige Intervention mit Hilfe der optischen Alarmverifikation.

Ist es möglich frühzeitig die Betriebskosten einer VSS abzuschätzen?

Puppel: Durch die zuvor genannten. Punkte aus den Betriebsanforderungen ist es einfach möglich, die Betriebskosten der zu installierenden und zu betreibenden Sicherheitstechnik,

•          mit dem Zugewinn der Sicherheit,

•          in Verbindung mit der Minimierung der Risiken,

•          der Kostensenkung,

•          der Optimierung von Betriebsabläufen und

•          des Mitarbeitereinsatz,

•          der Versicherungsbeiträge etc.,

gegenüberzustellen und somit auch zu vergleichen.

Welche Techniken haben sich durchgesetzt oder was steht möglicherweise vor dem Durchbruch?

Puppel: Hier kommt es entscheidend auf die Platzierung der Kameras und auf die technischen Eigenschaften für eine optimale Abdeckung an. Vor jeder Installation eines Sicherheitssystems muss die vorhandene Situation gründlich analysiert und durchdacht werden. Je nachdem welche Gegebenheiten vorhanden sind und welchem Zweck die Videosicherheitstechnik dienen soll, kommen unterschiedliche Kameramodelle infrage.

Die Tendenz geht immer mehr zu besonders lichtempfindlichen Kameras und Objektiven. Dadurch kann man sich in der Praxis oftmals eine zusätzliche Beleuchtung, z.B. mit Infrarot-Scheinwerfern sparen, da diese Kameras mit einer geringen Grundbeleuchtung auskommen.

Aber insbesondere bei der Auswahl der richtigen Beleuchtungsart werden in der Praxis oftmals aus Unwissenheit Planungs- und Installationsfehler begangen. Daher sollte genau geprüft werden, welche Beleuchtungsart bzw. welche Kombinationen für den speziellen Einsatzfall sinnvoll ist. Einige Hersteller bieten mittlerweile auch Hybrid-Scheinwerfer mit Weiß- und Infrarotlicht an, welche dann auch intelligent durch die Kamera gesteuert werden können. IP-Kameras kommunizieren dann mit dem Scheinwerfer per TCP/IP.

Verändert Corona die Überwachungsaufgaben der Klinik?

Puppel: Corona hat zum Teil die Überwachungsaufgaben in den Kliniken drastisch verändert, da es beispielsweise immer öfter Konflikte mit Besuchern gibt, welche sich nicht an die Zugangsbegrenzungen halten wollen. Dies sorgt oftmals für ein deutlich erhöhtes Gewaltpotential an den Zugängen und bei Kontrollen. Hier gehört es dann zu den Betreiberpflichten, entsprechende Anpassungen des vorhandenen Sicherheitskonzeptes vorzunehmen.

Einmal installiert – und dann auf Dauer vergessen. Ist das der richtige Weg oder ist eine permanente Nachjustierung notwendig?

Puppel: Die Instandhaltung von VSS ist elementar wichtig. Der Umfang hängt im Wesentlichen von den eingesetzten Technologien und den Einsatzbereichen ab. Dies beginnt beispielsweise mit der regelmäßigen Reinigung der Kameras im Außenbereich, sollte aber auch die Ausführung von sicherheitsrelevanten Updates der IP-Kameras etc. beinhalten.

„Der Schlüssel für einen erfolgreichen Betrieb liegt in der Planungsphase.“ Das klingt logisch. Aber wo liegen die groben Fehler seitens der Betreiber und wie umgehen sie diese?

Puppel: Das ist richtig. Insbesondere hier bietet die mehrfach erwähnte Normenreihe DIN EN 62676-x zahlreiche Hilfestellungen.

Nicht nur zur Planung von Videoüberwachungsanlagen auf Basis von unterschiedlichen Sicherheitsgraden (1-4), sondern auch zur Erstellung von Angeboten und zu Abnahmen sind hier hilfreiche Definitionen zu finden.

Nur selten werden bei der Planung und dem Vertrieb von Videosicherheitsanlagen zuvor die Leistungsmerkmale, wie Qualitäten, Überwachungsbereiche etc. definiert und mit dem Auftraggeber vereinbart. Insbesondere die oftmals unterschiedlichen Vorstellungen von Bildqualitäten und Auflösungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer werden nicht selten vor Gericht ausgefochten. Wenn allerdings im Vorfeld keine eindeutigen Leistungsmerkmale vereinbart wurden, ist die Klärung schwierig.

www.sicherheit-puppel.de

Zur Person:

Sascha Puppel ist öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der Handwerkskammer Aachen für Sicherheitstechnik im Elektrotechniker-Handwerk inkl. Sicherheitskonzepte. Er ist Mitglied im Vorstand des Bundesverbandes Sicherheitstechnik e.V. BHE und Vorsitzender des Fachausschusses Planer.

Autor: Bernd Waßmann, Herrenberg

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