Bauen, Einrichten & Versorgen

Ein nonverbales Kommunikationsmittel

Teil 2: Farbe im Seniorenheim - Anknüpfen an fest verankerte Ur-Assoziationen

08.04.2021 - Als größte sichtbare Oberfläche jedes Gegenstandes ist die Farbe bewusst oder unbewusst ein dauerhaftes Mittel der Kommunkation mit dem ­Betrachter.

Seine Sprache kann man sich zur Unterstützung einer Raumwirkung zunutze machen. Im in medAmbiente 4/2020 erschienenen ersten Teil befasste sich die Farbdesignerin und Interior-Designerin Sonja I. Graeff-Schimmelpfennig mit der Farbwirkung im Raum, an Boden, Wand und ­Decke. Im folgenden zweiten und abschließenden Teil geht es unter anderem um die Erarbeitung raumbezogener Farbkonzeptionen.

Farben haben eine Gewichts- und eine Größenwirkung. Sie haben einen Helligkeitswert und eine Entfernung. Sie treten hervor oder zurück, je nachdem, in welchem Zusammenhang man sie anschaut. Kurzum: Farbe hat im Gehirn eine plastische Wirkung. Als non-verbales Kommunikationsmittel ist Farbe die Musik der Augen. Die Farben sind die Noten und die Farbkompositionen sind die Symphonien. Man benötigt Erfahrung und Feingefühl, um ihre Sprache zu sprechen.

Die theoretischen Grundlagen über Farbe sind wichtig, um sie und ihre Wirkung besser zu lesen und zu verstehen. Denn eine Farbe wirkt nicht allein: Sie steht immer im Zusammenspiel mit benachbarten Tönen. Je nach Komposition erzeugt dieses Zusammenspiel eine Aussage.

Etagenbezogene Farbkonzeption
In meinem letzten Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie man ein Farbkonzept thematisch für ein gesamtes Haus entwickelt und einige Beispiele aus meinem letzten Projekt gezeigt. Die Grundassoziationen zu bestimmten gesättigten Primär- und Sekundärfarben, die tief im Menschen verankert sind, werden dafür zu Grunde gelegt. Daraus entwickelt man etagenbezogene Themen, die farblich umgesetzt werden. Blau-Türkis zu Meerlandschaften, Grüntöne zu Wald- und Wiesenlandschaften, etc. Diese Themen sind ein Ankerpunkt in der Etage, um das Zugehörigkeitsgefühl und die Orientierung zu leiten.

Im Folgenden widme ich meine Aufmerksamkeit der Farbkomposition einzelner Räume zur Hervorhebung und Sichtbarmachung ihrer Funktionen und zur Akzentuierung wichtiger Elemente, wie essenzielle Alltagsgegenständen und unterstützende Technik in den Räumen, die „stummen Dienstleister“ des Bewohners.

Mit bestimmten Farbkompositionen bestimmte Sinne ansprechen
Um eine bestimmte Farbe in einer Komposition sinnvoll einzusetzen, muss man wissen, was sie kann. Die physiologische Wirkung einer Farbe ist eng mit ihrer emotionalen Wirkung und der Wahrnehmung über unsere Sinne verbunden.
Da wir wissen, dass Farben...,

▪    ein Gewicht (z. B. braun ist schwer, hellblau ist leicht)
▪    eine Form, (z. B. gelb ist rund, violett ist eckig)
▪    einen Geruch (matschgrün ist stickig, türkis ist frisch)
▪    einen Geschmack (rosa ist süß, grün ist herb)
▪    und eine Lautstärke (rot ist laut, beige ist leise)

haben, so können wir uns auch gut vorstellen, dass Farben oder Farbkompositionen ebendiese Sinne ansprechen und über die Rezeptoren im Gehirn sinnesbetonte (synästhetische) Gefühle in uns auslösen. Um zu wissen welche Farbzusammensetzung und Wirkung ein Raum benötigt, gehen wir, ebenso wie bei der Gesamtkomposition in im ersten Teil dieses Beitrags, analytisch vor.

Aufenthaltsparameter der Bewohner
Die Funktionen eines Raumes, die Verweildauer und die Menge der Menschen, die sich darin aufhalten, die Gerüche, Lichtverhältnisse und vieles mehr, müssen bei der Farbwahl berücksichtigt werden. Bei einem langen Aufenthalt darf die Intensität der Farbe nicht zu hoch sein, um den Menschen darin optisch nicht zu überfordern. Eine zu hohe Sättigung der Farbe strengt das Auge stark an und erzeugt Überlastung. Pastelltöne oder gebrochene helle Farben an den Wänden sind hier beispielsweise angebracht. In diesem Zusammenspiel ist die Akzentuierung umso wirkungsvoller.

Akzentfarben setzten wir bewusst zur Hervorhebung wichtiger Hilfsmittel im Raum ein.

Das bezieht sich auf Handläufe, Türklinken, Klingelknopf, Lichtschalter, Ablagen, Haltegriff oder WC-Deckel im Bad. Und genau darauf kommt es im Pflegeheim besonders an.

Zur Rolle der Raumfunktion
Die Funktion eines jeden Bereichs muss herausgefiltert werden. Daraus ergibt sich automatisch ein Bewusstsein für die Gestaltung des jeweiligen Raumes. Konkret kann man anhand von vier Beispielen eine ausgewogene und zielgerichtete Farbkonzeption durchspielen:

Empfang
Er ist die Visitenkarte des Hauses und sollte das Gesamtbild wie eine Ouvertüre in der Musik unverfälscht widerspiegeln. Repräsentativ, aber auch offen, fröhlich einladend und vor allem Orientierung ermöglichend. Die Verweildauer der Menschen, die diesen Raum begehen, ist eher kurz, sodass man ohne Sorge punktuell gesättigte Farben wählen darf.

Eleganz durch gebrochene Töne, Fröhlichkeit und Einladung durch die Akzente und Orientierung durch einen besonders hervorgehobenen Bereich (Tafel, Wand). Wichtig ist es dabei, dass die anderen Wände zurücktreten, damit das Auge die Informationen auf Anhieb finden kann. Das Ergebnis dieser Komposition ist: der Besucher oder Bewohner findet sein Ziel schnell und fühlt sich willkommen, heimisch und freundlich empfangen.

Flur
Auch dieser Bereich ist öffentlich und dient meist kurzen Verweildauern. Der Flur ist primär die Hauptbewegungsader und Straße des Hauses. Hier werden Funktionswagen für die Hauswirtschaft und Pflege der Bewohner bewegt und geparkt. Die Bewohner des Hauses gehen hier spazieren und gelangen über den Flur zu anderen Zielen. Mitunter sitzen sie vereinzelt am Fenster oder in offenen Nischen und beobachten das Treiben.

Für die Gestaltung ergibt sich folgendes: Dieser Bereich muss räumlich betrachtet breit und mit Wandschutz ausgestattet sein, um langfristig eine ansehnliche Oberfläche zu erhalten, da hier besonders durch Rollstühle etc. die Wände stark beansprucht werden. Weitende, frische Wandfarben wie Hellblau, Grün, Türkistöne sind besonders bei dunklen schmalen Fluren ideal. Neben den Haupt- und Nebenfarben in Boden und Decke kann die Akzentfarbe für den Handlauf und die Türzargen oder einen Streifen neben der Türe gewählt werden. Diese müssen äußerst gut, auch von weitem sichtbar sein, damit der Bewohner sie wie einem zielführenden Pfeil intuitiv folgen kann.

Das Gleiche gilt für einen Gemeinschaftsraum. Dieser kann bereits vom Flur schon einige Meter vor der Eingangstür durch eine dem Inneren des Raumes entsprechende Wandfarbe eingeleitet werden. So wird der Bewohner optisch wie durch einen sanften Sog von außen in den Raum geführt und verliert sich nicht.

Durch Farbe kann man auch kaschieren: Im Flur gibt es auch Versorgungsbereiche hinter Türen, die für Besucher und Bewohnern uninteressant bleiben sollen. Indem man den Türen die Wandfarbe zuteilt, verschwinden sie optisch und werden automatisch nicht aufgesucht.

Gemeinschaftsraum
In diesem Bereich verbringen die Bewohner die meiste Zeit. Er hat mehrere Funktionen: Essen, Aktivierung, Aufenthalt, Nickerchen etc. Vergleichbar mit einem Zuhause ist es das Wohnzimmer, das Herz des Hauses, der Tagesbereich. Hier sind viele Gerüche, Geräusche und Persönlichkeiten.

Eine klare Tag-Nacht-Strukturierung ist sehr wichtig für die Pflege und die Menschen im Heim, denen der natürliche Biorhythmus abhandenkommt.

Um diese Eigenschaften auszugleichen bzw. zu bedienen, muss die Farbwahl in der Wachzone erfrischend und belebend sein. Eine passende Assoziation für den Wohnbereich könnte der Kräutergarten sein: Abmilderung der Gerüche durch frische, aber warme Farben, wie z. B. Salbeigrün. Aktivierung durch Farbakzente, wie Magenta oder andere Rottöne. Auch die Bestuhlung darf wärmende und kräftigende Töne auf der sitzenden Basis des Menschen haben. Gut sichtbare Armlehnen zum Abstützen sind essenziell. Es ist wichtig, dass sich der Holzton gut von Boden und Umfeld absetzt.

Bewohnerzimmer
Der Bewohner verbringt hier einen Großteil des Tages: Die hohe Verweildauer fordert nicht zu gesättigte Farben auf großer Fläche. Es ist der Raum mit der höchsten Privatsphäre. Hier ist der Mensch für sich, kann sich entspannen, ist jedoch auch ohne Ablenkung den eigenen Gedanken ausgeliefert. Am wichtigsten ist hier die Geborgenheit. Warme Holztöne erinnern am meisten ans eigene Zuhause. Die Wände dürfen sowohl in einer wärmenden als auch einer frischen Pastellfarbe gehalten sein. Es kommt auf die Gesamtkomposition mit den anderen Farben im Raum an. Besonders hier ist es sinnvoll, durch eine Akzentwand den Bettbereich (Nacht) vom Tischbereich (Tag) abzuheben – dies unterstützt im Geiste die Gliederung des Tages.

Bei bettlägerigen Patienten ist Ablenkung willkommen. Gerade hier ist eine Deckengestaltung oder eine Deckenfarbe an sich ein bereichernder Gedanke: Womöglich ein helles Blau, das ein wenig den unerreichbaren Außen- in den omnipräsenten Innenbereich holt. Äußerst wichtig ist eine gute Sichtbarkeit der Tür und der wichtigsten „stummen Dienstleister“. Lichtschalter am Bett und an der Tür, Nachtischoberflächenfarbe die sich gut vom Fußboden abhebt für eine hohe Trefferquote beim nächtlichen Suchen nach Wasser etc. im Dunkeln, Abhebung von Haken, WC-Deckel, Haltegriff etc. im Badezimmer. Auch hierfür ist die kräftige Akzentfarbe im Raum von sehr großer Bedeutung. Es gibt dem Bewohner Sicherheit und Selbstwertgefühl zurück, die Farbe ist seine versteckte Hilfe.

Das Wichtigste bei der Gestaltung ist, nach den einzelnen Räumen, auch die Wechselwirkung der Räume in ihrer Abfolge. Die dominante und subdominante Farbe müssen sich ändern, falls wir über den Akzent die Etage definieren. Wenn man den Raum wechselt, ist es wichtig, dies auch zu sehen bzw. zu spüren. Man muss merken, dass man an einem anderen Ort angekommen ist. Die Aufmerksamkeit wird erregt und das Bewusstsein für das Umfeld gesteigert.

In diesem Zusammenhang ist auch der Hell-Dunkel-Wechsel am Boden zu beachten. Er sollte möglichst gleichmäßig bleiben, um nicht einen optischen Höhenwechsel zu erzeugen und eine Stolperfalle darzustellen.

Bei der Komposition aller Räume sind Feingefühl und Erfahrung wichtig. Wenn man sich gut in den Nutzer hineinversetzt und sich drauf einlässt, ist es einfacher als man denkt. Einen Experten hinzuzuziehen, ist jedoch immer ratsam. Es spart viel Zeit und führt zu einem guten Ergebnis.

Kontakt

Pigmentatelier: Graeff-Schimmelpfennig

Martin-Luther-Str. 96
70372 Stuttgart
Deutschland

0711-46996606

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