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Weltweit erstes Passivhaus-Krankenhaus in Frankfurt

07.12.2020 - Aktuell entsteht das weltweit erste Passivhaus-Krankenhaus in Frankfurt am Main im Stadtteil Höchst.

Im Vorfeld führte das Passivhaus Institut in Darmstadt im Auftrag des Landes Hessen eine Grundlagenstudie zur Umsetzung des Passivhaus-Konzepts in Krankenhäusern durch. Als bereits vielbeachtetes Pilotprojekt stehen ab 2021 rund 78.000 m2 Bruttogeschossfläche für den Klinikbetrieb zur Verfügung.

Die strahlend weißen Fassaden des Neubaus sind schon sichtbar, derzeit läuft der Innenausbau auf Hochtouren. Die Fertigstellung des Klinikneubaus nach den Plänen des Architekturbüros wörner traxler richter planungsgesellschaft Frankfurt am Main mit 664 Betten, zehn Operationssälen und einem Hybrid-Operationssaal ist für nächstes Jahr geplant. An den Kosten für den energieeffizienten Ersatzneubau von 263 Mio. € beteiligt sich das Land Hessen mit rund 55 Mio., die Stadt Frankfurt am Main mit rund 208 Mio. €. Zwei Bestandsgebäude aus den sechziger Jahren sollen nach Bezug des Neubaus abgerissen werden. Auf dem Klinikgelände sind anschließend zwei weitere Bauabschnitte geplant. Das Passivhaus Institut in Darmstadt als unabhängiges und international renommiertes Forschungsinstitut zur hocheffizienten Nutzung von Energie bei Gebäuden begleitet den Neubau seit den ersten Planungen und zertifiziert das Projekt als Passivhaus-Pilotprojekt.

Das weltweit erste Passivhaus errichteten vier private Bauherren, dar­unter Dr. Wolfgang Feist, Gründer des Passivhaus Instituts, vor knapp 30 Jahren in Darmstadt-Kranichstein. Mittlerweile gibt es Passivhäuser für alle Nutzungsarten: Neben Wohn- und Bürogebäuden existieren auch Kitas und Schulen, Sporthallen, Schwimmbäder und Fabriken als Passivhäuser. Das Interesse steigt stetig: Mit Blick auf den Ressourcenverbrauch der Industrieländer sowie den Klimaschutz realisieren Kommunen, Unternehmen und Privatleute einen Neubau oder eine Sanierung zunehmend im Passivhaus-Standard. Er erfüllt die Anforderungen der Europäischen Union an Nearly Zero Energy Buildings. Laut der Europäischen Gebäuderichtlinie EPBD müssen die Mitgliedstaaten die Anforderungen an sogenannte Fast-Nullenergiehäuser (NZEB) in ihren nationalen Bauvorschriften festlegen. Die Richtlinie der EU ist seit Januar 2019 für öffentliche Gebäude in Kraft und gilt für alle anderen Gebäude ab dem Jahr 2021.

Drucktest lieferte sehr gute Ergebnisse für Zertifizierung

Zur Zertifizierung des Passivhaus-Neubaus gehört auch ein Drucktest, mit dem die Luftdichtheit des Gebäudes gemessen wird. Das Differenzdruck-Messverfahren dient dazu, eventuelle Leckagen in der Gebäudehülle aufzuspüren, die zu einem unkontrollierten Wärmeverlust führen könnten. Der Drucktest für den Klinikneubau vor einigen Wochen lieferte sehr gute Ergebnisse. Das ist nicht nur für die Energiebilanz des Gebäudes günstig, sondern hilft auch, zukünftige Bauschäden zu vermeiden.

Für das Passivhaus Institut war Oliver Kah während des Drucktests vor Ort. „Der Test in dem achtgeschossigen Gebäude hat sehr gut geklappt. Der Neubau ist hervorragend luftdicht und die Zertifizierung ist wieder einen Schritt näher gerückt“, erläutert Kah. Der Wissenschaftler des Passivhaus Instituts hatte mit Kollegen im Vorfeld des Neubaus die Grundlagenstudie zum Passivhaus-Konzept in Krankenhäusern erarbeitet. Kah lobt auch die am Bau beteiligten und mit der Durchführung des Drucktests beauftragten Firmen für die gute Vorbereitung. Immerhin mussten für den Drucktest die über 1.000 Fenster des Neubaus verlässlich geschlossen sein und ebenso die Klappen von über 50 Geräten der Raumlufttechnik geprüft werden.

Weitere technische Anlagen, darunter auch zahlreiche Aufzüge, deren motorische Klappen im Brandfall nach außen öffnen, mussten ebenfalls überprüft werden. „Allein im Vorfeld alle zu sichten, war eine enorme Aufgabe. Weil alles gut vorbereitet war, konnte der Test im gesamten Neubau innerhalb eines Tages abgeschlossen werden“, so Kah.

Monitoring in der Betriebsphase des Klinikneubaus geplant

„Passiv“ werden Gebäude genannt, da der Wärmebedarf aus „passiven“ Quellen wie Sonneneinstrahlung sowie Abwärme von technischen Geräten und Personen gedeckt wird. Beim Passivhaus-Konzept wird üblicherweise der Wärmeverlust drastisch reduziert. Durch die fünf Prinzipien – gute Dämmung, dreifach verglaste Fenster, Vermeidung von Wärmebrücken, luftdichte Gebäudehülle sowie Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung – benötigt ein Passivhaus nur sehr wenig Energie. Passivhäuser, zumeist Wohnhäuser, können daher auf ein klassisches Heizsystem verzichten. In einem Passivhaus hält sich die Wärme in der Regel bis zu 14 Tagen, da sie nur sehr langsam entweicht. Eine aktive Kühlung ist daher in der Regel nicht nötig.

Ganz anders sieht das in einem Krankenhaus aus, wo zahlreiche Geräte und Menschen sehr viel Abwärme produzieren. Nach Messungen des Realverbrauchs der technischen Geräte sowie der Simulation der Energieströme konnte in der Planung durch eine intelligente Positionierung (kurze Wege) der Haustechnik und eine größere Dimensionierung der Lüftungsleitungen der Energiebedarf zur Kühlung erheblich reduziert werden. Für die Betriebsphase des Klinikneubaus ist ein Monitoring geplant. Damit sollen die im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung erarbeiteten energetischen Zielwerte für Krankenhäuser im Passivhaus-Standard in der Praxis überprüft und daraus weitere Handlungsempfehlungen für die Planung und den Betrieb von Krankenhäusern der Zukunft abgeleitet werden.

Autorin: Insa Schrader, Berlin

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