Farbe hilft heilen

  • Prof. Markus Schlegel: Mit Bedeutungscodes breite Nutzergruppen ansprechen. Foto: HAWKProf. Markus Schlegel: Mit Bedeutungscodes breite Nutzergruppen ansprechen. Foto: HAWK

Auch für den Klinikbereich etabliert sich eine Erwartungshaltung der Patienten für bewusst gestaltete Räume: Wohlfühlen ist angesagt.

Damit werden Behandlung- und Aufenthaltsräume zum Genesungfaktor, sagt Prof. Markus Schlegel von der HAWK, der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, in Hildesheim. Der Gestalter lehrt dort seit 2002 Farbdesign – aber auch Trendscouting.

M&K: Der Raum sei ein Genesungsfaktor, haben Sie einmal geschrieben. Wie lässt sich diese Behauptung belegen?

Prof. Markus Schlegel: Unser Umfeld, also auch die Qualität des Raumes, steht in engem Zusammenhang mit Verhaltensmustern und kann wesentlichen Einfluss auf empfundene Aufenthaltsqualität oder unser Wohlbefinden haben. Befinde ich mich also in einem gesundheitlich eher labilen Zustand, dann ist eine Atmosphäre, die elementar Vertrauen, Sicherheit und Wohlbefinden schafft, wesentlich. Vertrauen und Wohlbefinden stehen gestalterisch für ein Spektrum von bekannten Dingen und Themen die unsere Sehgewohnheit ansprechen, an unser kulturelles Gedächtnis appellieren, von wohnlichem aber auch verlässlichem. Zum Thema Farbe wären das natürliche Farbprofile und der Einsatz von Nachbarschaftsfarben, also Farbtöne mit sogenannten Farbverwandtschaften. Aber auch Kontraste sind hier wichtig, also Farbe an sich, Kontraste, Helligkeitsabstufungen oder auch Material- und Oberflächenkontraste.  Sicherheit steht z.B. für eine gute Lesbarkeit, Orientierung und gestalterische Ordnung im Raum. Uns kann hier die entsprechende Farbigkeit unterstützen.

Ist in deutschen Kliniken ein therapeutischer Farbansatz erkennbar?

Schlegel: Wenn therapeutischer Farbansatz für bewusste Gestaltung steht, dann findet diese zumindest zunehmend häufiger statt. Aber bewusste Gestaltung ist nicht immer die richtige für den jeweiligen medizinischen oder Nutzerbereich. Grundsätzlich wissen wir noch sehr wenig über messbare oder nachweisbare Farbwirkungen im Raum. Und dieses spezifische Wissen zur Farbe liegt natürlich äußerst selten bei Planer und Architekten vor.

Wem kommt die Verantwortung für ein Konzept der Farbgestaltung zu? Wer kann beraten?

Schlegel: Beraten können sollten Farbgestalter. Wesentlich dabei ist, dass eine Farbleitplanung auf einer tragfähigen Analyse basiert und das entstandene Konzept die theoretisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse integriert. Wir beschäftigen uns seit Jahren im Rahmen der Studie Farbe und Emotion damit, wie Farbtöne, Farbprofile auf den Betrachter im Raum wirken. Wir arbeiten bei dieser sehr subtilen Fragestellung mit einem sprachfreien Beurteilungssystem, der SAM- Methode.

Die Ergebnisse übersetzen wir in mögliche Farbbereiche für spezifische Anwendungsszenarien. Das ist zunächst noch sehr abstrakt und theoretisch. Die Ergebnisse bilden aber ein sehr wichtiges Fundament für grundsätzliche Farbentscheidungen.

Wie reagieren Patienten auf eine situationsgerechte Farbgestaltung?

Schlegel: Wenn wir unsere Farbkonzepte richtig einstellen, dann unterstützen wir die Lesbarkeit des Raumes, was z.B. in komplexen Raumsystemen wie Krankenhäusern sehr wichtig ist. Die Lesbarkeit und bessere Orientierung gibt Sicherheit. Sicherheit unterstützt das Wohlbefinden. Weiter reagieren Patienten, aber auch die Krankenhausmitarbeiter zufriedener, ruhiger oder motivierter durch eine durchdachte, nutzer- und raumspezifische Farbgebung. Dort wo die Menschen lange Verweilzeiten haben ist es wichtig, dass dem Auge ein Angebot präsentiert wird, Raum zu ertasten. Die Farbtöne und Materialien sollen eine ausgewogene Mischung zwischen Natürlichkeit und Wärme bieten aber auch eine technische und sachliche Präzision ausstrahlen. Krankenhäuser sind eben keine Wohnzimmer, sollten aber in Nischen, Teilbereichen oder in der Grundstimmung wohnlich Aspekte mit sich führen. Im Kinder- und Jugendkrankenhaus gelten dabei in Nuancen andere Regeln als im ‚klassischen‘ Krankenhaus. Spezifische Abteilungen sind spezifisch zu gestalten. Wenn wir das richtig machen, so zeigen erste Evaluierungen, werden Genesungsprozesse und -geschwindigkeiten beschleunigt.

Entwickeln Patienten bereits eine gewisse Erwartung an die optische Gestaltung der Kliniken und werden dem die Einrichtungen gerecht?

Schlegel: Patienten, Besucher und Personal bewegen sich täglich in Shops, in der Gastronomie, in Büros oder im Urlaub und begegnen dort bewusst und oft gut gestalteten Räumen. Selbst im funktionsgetriebenen Deutschland ist mittlerweile angekommen, dass ein Teil der Funktion die Gestaltung ist. Natürlich haben wir mittlerweile eine ausgeprägte Erwartung an Räume der Medizin, der Rehabilitation, der Gesundung. Aber wie oft fällt die Entscheidung bei der Gestaltung für heterogene Nutzergruppen über die Argumentationskette, zeitlos bis für alle Geschmäcker treffend, schlussendlich zugunsten einer neutral oder schlicht weißen Raumgestaltung.

Eigentlich müssten Wandfarben, Wahl des Bodenbelags und die Lichtausstattung doch einen Dreiklang bilden, der zur Genesung beiträgt?

Schlegel: Human Centric Lighting, HCL, ist ein aktuelles Thema der Lichtgestaltung. Das dynamische und sich am Tagesverlauf orientierende Lichtkonzept soll die Menschen den Tag über begleiten. Das dynamische Licht muss spezifisch von der Lichtfarbe auf die spezifischen Oberflächen und Oberflächenfarben eingestellt werden. Eine Human Centered Color Conception könnten wir zumindest so verstehen, dass wir dem natürlichen Tagesablauf entsprechend unterschiedliche Zonen und Räume schaffen die farblich ein ganzheitliches Szenario abbilden. Dass wir bei allen diesen Konzeptansätzen den Raum und die Gestaltung immer ganzheitlich denken müssen ist Grundvoraussetzung.

Sie verweisen auf die Verweildauer der Besucher und Patienten in den jeweiligen Räumen vom Gang, über Behandlungszentren bis zu Patientenzimmern. Was bedeutet dies in der Wahl der Farben?

Schlegel: Unsere Studie zeigt, dass weißgetrübte helle und eher zarte Farben angenehm entspannend wirken. Intensivere Farbnuancen mit zunehmender Verschiebung zum Rot anregend bis aufregend empfunden werden. Höhere Farbkontraste, oder der Einsatz von mehrerer Buntfarbtöne in einem sichtbaren Spektrum/Raum sind sehr aktivierend.

Zusammengefasst heißt das, dass in Räumen mit langen Verweilzeiten hellere weiche Farbabstufungen, weißnahe Buntfarben, natürliche Materialien und Oberflächen als Leitlinie meist eher richtig sind. In Fluren, die temporär erlebt werden, in denen es um den Raum-zeitlichen Kontext geht, kann etwas intensiver mit mehr Abwechslung zum Beispiel Farbzonierungen gearbeitet werden.

Dem Patientenzimmer kommt für befristete Zeit die Bedeutung eines Zuhauses zu, verlangt also so etwas wie Behaglichkeit. Können Farbgebungen in öffentlichen Räumen dergleichen vermitteln, auch unter Berücksichtigung der häufig wechselnden Bewohner und damit Empfindungen?

Schlegel: Wir gehen auf Basis unserer Studie ebenso davon aus, dass übergeordnete Farbwirkungen auf den Betrachter existieren. Wir wissen an sich auch, welche Bedeutungscodes für Behaglichkeit, Vertrautheit oder Wohnatmosphäre stehen. Führen wir diese zwei Farb- und Bedeutungscodes zusammen, können wir Raumgestaltungen erstellen, die eine klare Aussage treffen und breite Nutzergruppen ansprechen.

Inwieweit nehmen die Bestandteile der Farben und Beläge Rücksicht auf Emissionen und Nachhaltigkeit? Vor allem die Immissionen können die Gesundung möglicherweise beeinträchtigen.

Schlegel: Ich glaube, dass nahezu alle Produkte und Materialien die Nachhaltigkeitszertifikate vorlegen können, im Innenausbau für Krankenhäuser bezüglich der Emission unbedenklich sein sollten. Was die Immissionen angeht, stehen wir ziemlich am Anfang der Forschung. Hier gibt es noch einiges zu tun, um verlässliche Daten zu generieren. Ebenso müssen wir an unseren Studien der Farbwirkung auf den Betrachter weiter forschen.

Zur Person

Prof. Markus Schlegel begann Mitte der 80er Jahre eine Ausbildung zum Siebdrucker und Messebauer bevor er Chemie an der Hochschule Stuttgart studierte. Nach Auslandsaufenthalt und verschiedenen gewerblichen Anstellungen erfolgte 2002 die Berufung zum ordentlichen Professor an die Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Hildesheim, Fakultät Gestaltung Farb-Design.

Authors

Kontaktieren

IT - INSTITUTE INTERNATIONAL TRENDSCOUTING an der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/ Holzminden


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