Bauen, Einrichten & Versorgen

„Healing Architecture“ – wie Räume heilen helfen

28.07.2020 -

Der Ruf nach Bauten wird immer lauter, die nicht nur funktional gestaltet sind, sondern aus der Perspektive des Patienten geplant werden, so dass Menschen sich in Ihnen wohlfühlen und besser gesund werden.

Nicht nur einfühlende Intuition, sondern auch wissenschaftliche Studien sagen, dass eine angenehme Atmosphäre und Stimmung die Genesung von Patienten fördern kann.  Erkenntnisse von Psychologie und Neurowissenschaften bilden die Grundlage, auf denen die Auswirkungen von Emotionen auf Krankheit in Betracht zu ziehen sind.

Eine beispielhafte und wegweisende Studie der Healing Architecture Bewegung war eine 1984 im Wissenschaftsmagazin Science veröffentliche Untersuchung des Architekturprofessors Roger Ulrich zur positiven Wirkung von Natur auf Genesende. Er verglich zwei Gruppen von Patienten, die im Krankenhaus nach identischen Operationen (Gallenblasen-OP) durch ihre Zimmerfenster entweder auf einen Park mit Bäumen oder auf die Betonmauer des Nachbargebäudes sehen konnten. Patienten mit Parkblick benötigten deutlich weniger Schmerzmittel, litten seltener an Depressionen und konnten im Durchschnitt einen Tag früher nach Hause entlassen werden als Patienten der Vergleichsgruppe. In der Folgezeit erschienen zahlreiche weitere Studien, die sich mit ähnlichen Fragestellungen befasst haben. Seitdem wurde immer wieder gezeigt, dass menschenfreundliche Gestaltung in der Gesundheitspflege heilsam und manchmal heilend wirkt, stärkt, entspannt, Bequemlichkeit bietet und insgesamt das Wohlbefinden steigert.

Stressfreie Räume gestalten

Ganz entscheidend ist aber auch die Vermeidung von Stress durch schlechte Gestaltung, da die Wirkung der Umgebung von kranken Menschen intensiver als bei gesunden wahrgenommen wird. Je weniger wir uns in unserem Körper wohlfühlen, umso empfindlicher und verletzlicher reagieren wir auf unangenehme sensorische Reize wie laute Geräusche, sehr helles oder flackerndes Licht, schlechte Gerüche, grelle Farben, hohe Dichte. Neben einer Überstimulierung durch Reize kann auch monotone und lieblose Gestaltung Stress erzeugen. Noch immer sind viele Gesundheitsbauten charakterisiert durch lange, abweisende Korridore, unwohnliche Räume, verwirrende Unübersichtlichkeit, störenden Lärm und zu geringe interpersonelle Distanzen. Das Patientenzimmer der Zukunft wird eher einem angenehmen Hotelzimmer gleichen, einerseits mit einem ansprechenden Design, das Ruhe und Wohlfühlatmosphäre bietet, dann aber auch mit einer Vielzahl technischer Hilfsmittel und Highlights sowie den medizinischen und hygienischen Standards. Das Patientenzimmer soll Privatsphäre und eine größere Kontrolle des Patienten über Situation und Geschehen ermöglichen. Bereits das Aufstellen eigener Bilder oder das selbstständige Bedienen von Heizung und Licht wirken sich positiv aus. Statt weißer Wände bestimmen immer mehr sanfte Farbtöne die Räume im Krankenhaus der Zukunft.

Auch Rückzugs- und Erholungsräume sind für die Genesung der Patienten wichtig. Dabei sind die gestalterischen Möglichkeiten einfach: wie ein leichter Zugang zu geschützten Ruhe-Oasen, Sesseln mit hohem Rückenschutz und Rückzugsorte in der Natur z.B. auf Dachterrassen, Veranda, Wintergarten und Gärten. Ein weiteres positives Gestaltungsmittel ist biophiles Design mit dessen Hilfe Stress reduziert, Wohlbefinden verbessert und Heilung begünstigt werden kann. Biophiles Design stellt auf eine vielfältige Weise eine Verbindung zur Natur her und zwar nicht nur über Grünpflanzen. Wenn wir z.B. natürliche Materialien wie Stein, Ziegel, Holz, Bronze verwenden, stellen wir eine indirekte Verbindung zur Natur her. Auch natürliches Licht ist elementar für unser Wohlbefinden. Fehlendes Tageslicht, wie aber auch zu grelles Licht kann zu einer negativen Atmosphäre beitragen. Bekommen wir zu wenig oder kein Tageslicht, wird der Tag-Nacht-Rhythmus gestört. Deshalb ist die Dynamik der Lichtverhältnisse entscheidend für unsere für Gesundheit und Wohlbefinden. Viele Menschen unterschätzen den Einfluss, den künstliches Licht auf die biologische Uhr hat. Sie haben dann Probleme beim Einschlafen und können sich nicht erholen. Biophiles Design wirkt stark angstlösend bei Angstpatienten, verkürzt die gefühlte Zeit in Wartezimmern erheblich, reduziert postoperative Genesungszeiten und lindert Schmerzen.

Atmosphären als Therapeutikum

Positive Atmosphären können Menschen beruhigen, positive Gedanken fördern, Angst und Stress auflösen, Vertrauen und Sicherheit vermitteln und einen direkten Einfluss auf einen besseren Genesungsverlauf der Patienten haben. Wir möchten hier vier konkrete Projekte vorstellen aus den Bereichen der Psychiatrie, der Onkologie, der Palliativmedizin und der Intensivmedizin, die zeigen wie der gebaute Raum heilsam wirken kann.

Die psychiatrische Station Soteria

Beispielsweise bewirkt die entspannte, vertrauensfördernde, familiäre, ruhige und Geborgenheit vermittelnde Atmosphäre in der psychiatrischen Station Soteria an der Berliner Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig-Krankenhaus, dass die Patienten sich schneller erholen. In dieser kleinen Station werden Kranke mit möglichst wenig Medikamenten behutsam durch die Krise begleitet. Hier zielt alles darauf ab, ein Milieu zu schaffen, das stressfrei, ruhig und möglichst reizarm ist. Die wohnliche und hochwertig ausgestattete Atmosphäre gleicht eher einer Patienten-WG als einer üblichen psychiatrischen Station. Patienten und Mitarbeiter begegnen sich in therapeutischer Gemeinschaft auf Augenhöhe und gestalten gemeinsam den Tagesablauf unter anderem durch gemeinsames Kochen und Essen. Die wertschätzende und nicht stigmatisierende Atmosphäre, die kaum an übliche sterile, alltagsferne und teilweise beängstigende psychiatrische Krankenhausmilieus erinnert, hat zur Folge, dass Patienten sich frühzeitig und freiwillig bei ersten Anzeichen einer Psychose in die Klinik begeben und nicht erst zwangsweise eingewiesen werden müssen. Hier im Bereich der Gesundheitsbauten können Atmosphären als Therapeutikum wirken.

Maggie’s Centres – Räume für Krebspatienten

Beispielhaft für heilsame Architektur im Gesundheitswesen sind in Großbritannien so genannte Maggie‘s Centres, benannt nach der Krebspatientin Maggie Keswick Jencks. Maggie‘s Centres sind an Krankenhäuser assoziierte Entspannungs- und Begegnungsräume, die Krebspatienten Stress, Ängste und Unsicherheiten bei der Bewältigung ihrer Krankheit nehmen sollen. Margaret Keswick Jencks „Maggie“ war eine Schriftstellerin, Künstlerin und Gartenarchitektin. Maggie erkrankte mit 47 Jahren an wiederkehrendem Krebs mit der Prognose: Nur noch wenige Monate habe sie zu leben. Doch nicht nur der Schreck, die Angst und die Krankheit machten ihr zu schaffen, sondern auch, in welcher Umgebung sie ihre Diagnose verarbeiten musste. Angesichts der kalten und anonymen Atmosphäre der Warteräume des Krankenhauses, entwickelte Maggie zusammen mit ihrem Mann, dem berühmten Architekturtheoretiker Charles Jencks einen liebevoll gestalteten freundlichen Ort zum Verweilen und Auftanken zwischen Diagnosen und Therapien. Das Paar entwickelte die Vision eines beispielhaften, auch architektonisch wohltuenden Zentrums, eines heilsamen Ortes, wo Krebspatienten Unterstützung vielfältiger Art finden, um Lebensmut und Lebensfreude zu nähren oder überhaupt erst wieder zu gewinnen. Seit Mitte der 90er Jahre sind bereits mehr als 20 solcher Zentren mit großem Erfolg und enthusiastischen Zuspruch an Krankenhäusern in Großbritannien entstanden. Erste Zentren befinden sich im Ausland wie in Barcelona, Hong Kong und Tokyo. Gebaut wurden die Maggie´s Centers von zahlreichen berühmten Architekten wie Zaha Hadid, Frank O. Gehry, Richard Rogers und anderen.

Sukhavati: Erstes Modellprojekt Spiritual Care für Sterbende

Im Bereich der Palliativmedizin geht es weit mehr als nur um eine angenehme Wohlfühl-Atmosphäre der Patienten. Gerade in der Krankheit können seelische Bedürfnisse existenziell werden, die in Komfort und erlebter Wohligkeit keineswegs ihre Erfüllung finden: etwa die Suche nach dem Sinn des Leidens, des eigenen Lebens und des Ganzen, der tiefe Wunsch, sich mit der Situation und der Endlichkeit des Lebens zu versöhnen, mehr Weisheit, Achtsamkeit, Mitgefühl, Liebesfähigkeit zu entwickeln. „Spiritual Care“ nimmt diese im weitesten Sinne spirituellen Bedürfnisse und Sehnsüchte ernst als für den Menschen und gerade für den Kranken bedeutsame Dimension des Lebens. Diese existenzielle Dimension ist der körperlichen Dimension letztlich übergeordnet. „Spiritual Care“ kann noch seelisch heilend wirken, wo die Hoffnung auf körperliche Heilung aufgegeben werden muss. Im Sukhavati in Bad Saarow bei Berlin werden Sterbende in Ihrer letzten Zeit nicht nur medizinisch, sondern auch psychologisch und spirituell von Ärzten, Therapeuten und Pflegern unterstützt. Auch gestalterisch wurden wesentliche Aspekte, die Krebspatienten als Wunsch äußerten, wie „Weite, Aufbruch, Licht, Aussicht, Stille und Leere“, bedacht und einbezogen. Ein wesentliches Merkmal des Sukhavati ist der besondere Ort am Scharmützelsee. Alle Patientenzimmer haben einen Blick auf den See und in die Natur und sind somit gleichwertig. Alle Zimmer auf der Palliativstation haben überdies einen direkten Zugang zur erholsamen Natur. Eine typische Krankenhausatmosphäre gibt es hier nicht. Alle Fußböden und Fenster sind aus Eichenholz, so dass eine schöne warme angenehme Atmosphäre entstanden ist. Dieser ganzheitliche Ansatz berücksichtigt neben der medizinischen Behandlung eine integrale Sichtweise auf den Menschen. Hier tragen auch die räumlichen Atmosphären dazu bei, dass die Patienten sich leichter auf ihre spirituellen Bedürfnisse einlassen.

Humanere Intensivstation zur Reduktion von Delirien

Wer sterbende Angehörige auf der Intensivstation begleitet hat, empfindet die Atmosphäre, die von den lauten technischen Apparaten bestimmt wird, als seelenlos und inhuman. Wie Intensivstationen auch anders gestaltet werden können, zeigen zwei Intensivzimmer-Prototypen der Berliner Charité in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Graft und den Mediendesignern von ART+COM nach den Prinzipien heilenden Designs. Das Intensivzimmer-Pilotprojekt wirkt wohnlicher und ruhiger als traditionell üblich. Der Großteil der Apparate befindet sich hinter Wandverkleidungen versteckt. Technische Störgeräusche sind, so weit es geht, vermieden oder gedämpft. Der Patient wird viel weniger gestört. An der Decke befinden sich Lichtspiele, deren Lichtintensität und -temperatur sich individuell steuern lässt.

Die Tageszeiten werden mittels des Deckenstreams simuliert, wobei auch extrem hohe Lichtstärke erreicht werden können, die beispielsweise einem Mittagslicht entsprechen. Dadurch sollen der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus der Patienten unterstützt und Delirien reduziert werden. Außerdem wird ein Blick durch ein Blätterdach nachempfunden. Je mehr Schmerzen der Patient empfindet, umso länger ist das „Blätterdach“ zu sehen, um den Stresslevel der Patienten abzusenken und zu ermöglichen, dass weniger Schmerz- und Beruhigungsmedikamente verabreicht werden müssen. Während das Thema heilsame und heilende Architektur für Gesundheitsbauten in Ländern wie den USA, Großbritannien oder den Niederlanden bereits boomt, stehen wir im deutschsprachigen Raum noch am Anfang, obgleich es durchaus vielversprechende Ansätze gibt und es eine zunehmende Offenheit gibt. Nun gewinnt die Vision einer für Patienten, Besucher und Personal heilsamen Gesundheits-Architektur immer mehr an Leben und Ausstrahlung.

Der Beitrag ist in der aktuellen Ausgabe M&K kompakt "Bauen, Einrichten & Versorgen" erschienen.

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