Medizin & Technik

Medizinische Hilfe für ukrainische Kriegsverletzte

04.04.2022 - Unfallchirurgen bieten mit dem TraumaNetzwerk DGU professionelle Strukturen bei der Versorgung Kriegsverletzter.

Aktuell laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, die ersten kriegsverletzten Patienten aus der Ukraine zur medizinischen Behandlung nach Deutschland einzufliegen. Die Patienten wurden vom ukrainischen Zivilschutz ausgewählt und hier bereits den Kliniken des TraumaNetzwerks der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) zugeordnet. „Innerhalb des Netzwerks ist eine medizinisch sinnvolle Verteilung schwerverletzter Patienten in geeignete Krankenhäuser unkompliziert binnen kürzester Zeit möglich. Wir haben die Strukturen in vielen Jahren aufgebaut und immer wieder erweitert, auch auf die Thematik schwerer Verletzungen bei Terroranschlägen. Jetzt stellen wir uns auf die Versorgung von Kriegsopfern ein“, sagt DGU-Präsident Prof. Dr. Benedikt Friemert. Die Ärzte verurteilen entschieden den barbarischen Gewaltakt und stehen den verletzten Opfern des Krieges mit all ihren Kräften unterstützend zur Seite.

Künftig ist mit einer vermehrten Anzahl Kriegsverletzter aus der Ukraine zu rechnen. Grundsätzlich soll die zentrale Verteilung von Verletzten aus dem Ukraine-Krieg über das Kleeblatt-Prinzip der Länder erfolgen, das für Covid 19 aufgebaut wurde. In die Verteilung werden nun die Unfallchirurgen aus dem TraumaNetzwerk DGU professionell als Berater eingebunden, um den Schweregrad der Verwundung zu beurteilen. Darüber hinaus können sie eine Einschätzung der notwendigen Versorgungsressourcen vornehmen und Verletzte innerhalb des Netzwerks schnell und systematisch Krankenhäusern mit geeigneten Kapazitäten und Spezialisten zuordnen.

Strukturen der Unfallchirurgie

Welche Aufgaben auf die Unfallchirurgen zukommen, erläutert Benedikt Friemert, der in die Zuordnung der ersten Schwerverletzten eingebunden war: „In einem ersten Schritt haben wir beraten, welcher Patient in einem lokalen oder regionalen Zentrum behandelt werden kann. Hierbei musste darauf geachtet werden, die Kapazitäten der überregionalen Zentren für schwerste Fälle zu erhalten. Zudem ging es um die Beurteilung, wer aufgrund der Komplexität der Verwundung dringend in ein Zentrum der Maximalversorgung muss. Auch welche spezielle chirurgische Fachrichtung im behandelnden Krankenhaus vorhanden sein muss, spielte eine Rolle.“ Als Klinischer Direktor für Unfallchirurgie und Orthopädie, Septische und Rekonstruktive Chirurgie sowie Sporttraumatologie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm verfügt Benedikt Friemert über umfangreiche Erfahrung bei der Behandlung von Kriegsverletzungen. „Beispielsweise unterscheidet sich eine durch eine Bombenexplosion entstandene Brandverletzung wesentlich von der Brandverletzung bei einem Haus- oder Fahrzeugbrand. Davon abhängig ist auch die Auswahl eines speziell dafür ausgestatteten Krankenhausbetts, das gelingt nur mit Expertenwissen“, sagt Friemert.

Die Verteilung nach dem Kleeblatt-Prinzip hat sich in der Pandemie-Zeit gut bewährt. „Das Verteilungsprinzip macht Sinn, allerdings wurde es für eine Pandemie entwickelt und muss nun für die Behandlung Kriegsverletzter angepasst werden. Dafür braucht es die Strukturen der Unfallchirurgie. In den Bundesländern Berlin und Brandenburg werden die Unfallchirurgen bereits fest in die Koordination mit eingebunden“, sagt Prof. Dr. Gerrit Matthes, Leiter der DGU-Sektion Notfall-, Intensivmedizin und Schwerverletztenversorgung (NIS) und Bundeslandmoderator der TraumaNetzwerke Brandenburg. In einigen Bundesländern, wie Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sind Bundesland-Verantwortliche des Netzwerks für die Koordination der ukrainischen Kriegsverletzten zuständig und können damit die vorhandenen Strukturen vollständig nutzen. „Wir empfehlen, dieses Prinzip auch auf andere Bundesländer anzuwenden, hier ist die jeweilige Landespolitik gefragt“, sagt Matthes.

Gut etablierte Zusammenarbeit

Die medizinische Behandlung in deutschen Kliniken stellt eine Ergänzung zur medizinischen Behandlung in Krankenhäusern der Ukraine oder anderen helfenden Ländern dar. Künftig werden vermehrt Patienten erwartet, bei denen Schuss- und Explosionsverletzungen oder andere kriegstypische Verwundungen bereits erstversorgt wurden und die nach Komplikationen oder zur Rekonstruktion in Deutschland nachbehandelt werden müssen.

Dabei ist die gut etablierte Zusammenarbeit im Team von Unfallchirurgen, Viszeralchirurgen, Anästhesisten, Pflegekräften und anderen Fachrichtungen von höchster Bedeutung. „Für diese langwierigen Behandlungen ist spezielle unfallchirurgische und interdisziplinäre bzw. interprofessionelle Expertise gefragt, die schnell über das TraumaNetzwerk koordiniert werden kann. Es arbeitet bereits seit 2008, die Abläufe sind dank täglicher Routine eingespielt und zusätzliche Organisationselemente sind nicht vonnöten, um hier kompetent und schnell helfen zu können. Wir wollen damit unseren Beitrag zur Minderung der Kriegsfolgen leisten“, sagt DGU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig. Um Ärzte für die Behandlung von Schuss- und Explosionsverletzungen zu schulen, bietet die Sektion Einsatz-, Katastrophen- und Taktische Chirurgie (EKTC) der DGU verschiedene Kurse an. „Viele Unfallchirurgen hatten bislang noch nie mit Kriegsverletzungen zu tun, die Behandlung erfordert besonderes Fachwissen. Speziell dafür haben wir ein wöchentliches Webinar zu Kriegsverletzungen entwickelt“, sagt Oberfeldarzt Prof. Dr. Axel Franke, Leiter der Sektion EKTC.

Die TraumaNetzwerk‐Kliniken sind jederzeit bereit, ukrainische Patienten zu behandeln. Viele dieser Kliniken haben bereits angefragt, ob und wie geholfen werden kann. Die DGU hat bereits dem Botschafter der Ukraine in Deutschland, Dr. Andrij Melnyk, das Hilfeangebot unterbreitet und steht mit dem Bundesministerium für Gesundheit in engem Austausch.

Kontakt

Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie e.V. (DGU)

Straße des 17. Juni 106-108
10623 Berlin
Deutschland

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