Bauen, Einrichten & Versorgen

Schwelle zum sanften Licht

Wettbewerb: Entwurf für die neue Palliativstation am Herz-Jesu-Krankenhaus

07.01.2021 - Eine Terrasse wäre schön, um mit den Patienten an die Sonne gehen zu können

Eine Terrasse wäre schön, um mit den Patienten an die Sonne gehen zu können. Diesen Wunsch für die neue Palliativstation des Herz-Jesu-Krankenhauses in Münster-Hiltrup hatte der Krankenpfleger Jens Stegemann beim Start des großen Projekts geäußert – seit vielen Jahren betreut er dort Schwerstkranke und kennt deren Bedürfnisse. Der Entwurf, der nun beim Wettbewerb am Fachbereich Architektur der FH Münster, der Münster School of Architecture (MSA), auf Platz eins landete, hat eine Terrasse. Und noch viel mehr. Die Gewinner Juan González Blanco, Shari Brunsmann und Jan Bröker stellen ihr Konzept vor.

Die Initiatoren des Herz-Jesu-Krankenhauses planen einen Neubau der vorhandenen Palliativstation, da die zur Zeit genutzte Station nicht mehr den heutigen Anforderungen hinsichtlich Ausstattung und Größe entspricht. Insbesondere die fehlenden Nasszellen und Lagermöglichkeiten für Pflegezubehör bedingen einen besser strukturierten Neubau. Da auf der vorhandenen Palliativstation kein weiterer Platz bereitgestellt werden kann, wurde beschlossen, dass die Station als Aufstockung des Anbaus aus dem Jahr 2008, welcher eine größere Grundfläche aufweist, ausgeführt werden soll. Hier stehen ca. 400qm zur Verfügung, in der das Raumprogramm sinnvoll untergebracht werden soll.

Ziel ist es, einen städtebaulich und architektonisch ansprechenden, funktional für die Bedürfnisse der Palliativstation geeigneten und wirtschaftlich tragfähigen Entwurf zu erhalten. Der Neubau soll sich dabei gut in die vorhandenen Strukturen einfügen. Die Anordnung auf dem Bestandsgebäude ist so vorzunehmen, dass Funktionsabläufe innerhalb des Gebäudes optimal aufeinander abgestimmt sind. Das Herz-Jesu-Krankenhaus liegt am Rande der Ortsbebauung von Münster Hiltrup. Das bauliche Umfeld ist geprägt von Gewerbegebieten, Ackerlandschaften und vereinzelter Wohnbebauung. Das Grundstück liegt nah an einer viel befahrenen Straße, weshalb auf Emissionsschutz (Lärm) zu achten ist.

Vorbereitung
Der Entwurfskurs „Palliative Care – Schwelle zum sanften Licht“, fand im Rahmen eines sogenannten Superstudios statt, sodass auch der soziologische Aspekt und das von den Studenten zu erstellende Raumbuch eine große Rolle im Entwurfsprozess spielten. Der soziologische Input gab Anregung, den Entwurf von einer anderen Seite zu sehen und neue Erkenntnisse mit einfließen zu lassen. Das Ziel des Superstudios ist es, eine Palliativstation zu entwerfen. So ist es von existenzieller Bedeutung, solch ein sensibles Thema begreifen, fassen und wiedergeben zu können. Was bedeutet es für den betroffenen Menschen, seinen Angehörigen und dem medizinischen Umfeld, stetig mit der schweren Krankheit und dem Tod konfrontiert zu werden? Wie kann man als Planer und Architekt diesen Menschen im Ansatz gerecht werden und eine wohlwollend schützende Hülle schaffen? Antworten auf diese Fragen kann nicht allein die Architektur finden, sie muss sich anderer Wissenschaften bedienen und annehmen.

Aus dieser Schlussfolgerung heraus, war es im Entwurfsprozess für uns von großer Bedeutung, mit verschiedensten Bausteinen vertraut zu werden, um aus den gewonnenen Blickwinkeln eine würdevolle Architektur definieren zu können.

Themen, die dabei einen direkten Bezug zueinander erfahren, sind die Architektur selbst und die Soziologie, schlussendlich die Architektursoziologie als eigenes Fach. Doch auch der Tod an sich ist tiefgründiger und facettenreicher als er im ersten Moment von vielen wahrgenommen wird. So spielen Philosophie, Psychologie im Zusammenhang mit dem Tod eine ebenso große Rolle, wie der Wandel der Gesellschaft und das dadurch veränderte Bild vom Tod. Überlegungen über den Tod als Gut oder Übel werden behandelt. All diese Themen sind für den leidenden Menschen in einer Palliativstation psychisch präsent, im besten Fall jedoch nicht wahrnehmbar, doch gehören sie genauso zum Sterbeprozess wie das physische Leiden. Unter behutsamer Rücksicht aller unumgänglichen Sichtweisen stellen wir uns als Planer die Frage: „Kann Architektur der Gesellschaft dabei helfen, mit dem Tod umzugehen?“

Konzept für ein sensibles Thema
Unter Berücksichtigung aller Bedingungen und gelernter Empathie kann die Architektur der Gesellschaft beim Umgang mit dem Tod helfen. Eine Architektur mit seiner Geste sollte respektvoll, schützend und lindernd – auf physischer sowie auf psychischer Ebene – im Kontext mit der letzten Lebensphase eines Menschen interpretiert werden. Den Patienten weiterhin große Verbundenheit zur Außenwelt geben zu können, ist ebenso ein großes Ziel, wie eine warme und schützende Architektur zu schaffen und auch der Wunsch von Funktionalität und Geborgenheit war im Entwurfsprozess immer präsent.

Am Stadtrand in Münster Hiltrup, ist der zu beplanende Bestand des Herz-Jesu Krankenhauses in einer Ost-West Ausrichtung, im direkten Bezug zum grünen Krankenhauspark gelegen. Das Thema Sonnenlicht bringt sich durch gezielt ausgerichtete Oberlichter in das Gesamtkonzept mit ein und ermöglicht den Patienten die Tageszeit durch Licht- und Schattenspiel zu erfahren. Eine frei sichtbare Holzkonstruktion des Daches bringt ein vertrautes und warmes Material in ein insgesamt reizarmes Materialkonzept ein und wirft beruhigende Schatten des Sonnenlichts an die Wände der Patientenzimmer.

Um eine bestmögliche Funktionalität gewährleisten zu können, war es wichtig, die zehn Patientenzimmer auf einer Ebene, in direkter Abhängigkeit zum Pflegestützpunkt, welcher zusammen mit dem öffentlich gestalteten Wohn- und Essbereich das Herzstück der Palliativstation bildet, unterzubringen.

Entwurf
Der Entwurf für die neue Palliativstation ist eine hölzerne, räumliche Struktur, die leicht auf dem Dach des bestehenden Krankenhausgebäudes ruht. Die Konstruktion besteht aus Kanthölzern mit einem Maß von 6x6cm, die sich auf verschiedene Arten miteinander verbinden, wodurch die Struktur leicht und für das Sonnenlicht durchlässig wird. Das Dach ruht auf einem System aus Holzstützen mit einem Raster von 1,80m, welches der vorhandenen Tragstruktur des Bestandsgebäudes folgt. Die Holzstützen und die Holzdecke erinnern an die Zweige der Bäume, des Parks, welcher das Krankenhaus umgibt.

Der Boden der Station schwebt mit geringem Abstand und im gleichen System über dem Bestand. Der Boden ist mit einem warmen Parkett belegt, wohingegen in den Nassbereichen ansprechende Terrazzofliesen eingesetzt werden. Die Wände sind weiß verputzt. Die Fassade ist mit dünnen Aluminiumpaneelen verkleidet, die den Himmel und die umgebende Natur reflektieren und diese damit optisch aufgreifen. Bei dem Konzept des Grundrisses wurde ein Raster festgelegt, welches sich an dem Bestandsgebäude orientiert. Der breite Hauptkorridor verbindet den Flur des Krankenhauses mit dem Zentrum der Station, wo die Rezeption, das gemeinsame Wohnzimmer, der Kommunikationskern und andere Funktionen angeordnet sind.

Im Zentrum der Station tritt das Sonnenlicht wie eine Kaskade mit einer quadratischen Aussparung aus Metall ein. Der Korridor ist groß genug, um Möbel und eine kleine Bibliothek für die Patienten zu ermöglichen und ist damit mehr als bloße Erschließungsfläche, er ist ein Lebensraum, der von Patienten genutzt werden kann. Zwischen dem Hauptkorridor bieten kleine quadratische Nebenflure Zugang zu den Patientenzimmern und Therapieräumen und geben den Patienten durch den kleinen Architektonischen Moment des Abknickens, Privatsphäre und Intimität. Die Wände der Therapieräume sind aus transparenten Materialien und bringen Licht in den Korridor. Im Eingang jedes Patientenzimmers befindet sich ein Schrankelement, welches den Eingang und die Verbindung zum Badezimmer herstellt. Am Ende der Station endet das Gebäude mit einem Fenster nach Westen, dem Raum der Stille.

Das Projekt
Auf Initiative des Vereins Domfreunde Münster entstand das Projekt Neubau Palliativstation des Herz-Jesu-Krankenhauses Münster-Hiltrup – mit interdisziplinärer Unterstützung der FH Münster. Studierende des Fachbereichs Wirtschaft entwickelten Konzepte für die Finanzierung, Design-Studierende kreierten ein Kampagnenlogo, der Fachbereich Gesundheit steuerte die notwendigen Kriterien für eine Palliativstation bei. Danach hatten MSA-Studierende im Seminar bei Prof. Victor Mani erste Ideen für die architektonische Umsetzung entwickelt. Für den aktuellen Wettbewerb „Schwelle zum sanften Licht“ vergab die Jury einen 1., 2. und 3. Platz und spontan zwei Anerkennungspreise. Die Jurymitglieder waren Designer Dieter Sieger als Vorsitzender, Prof. Kazu Blumfeld Hanada, die Architekten Prof. Peter Wilson und Prof. Martin Korda, Dr. Wolfgang Clasen, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Herz-Jesu-Krankenhaus, Elke Bertels-Janett, Leiterin der Palliativstation, Tobias Krüer vom Krankenhausträger St. Franziskus-Stiftung Münster und Dr. Ulrich Müller, Vorsitzender des Fördervereins Herz-Jesu-Krankenhauses

Kontakt

Fachhochschule Münster

Hüfferstr. 27
48149 Münster

+49 251/83-64090

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