IT & Kommunikation

Telemedizin: Vernetzten Lösungen fehlt die einheitliche Basis

04.02.2011 -

Telemedizin bietet viele Möglichkeiten, um Patienten besser zu helfen und Gesundheitseinrichtungen die Arbeit zu erleichtern. Doch fehlende Standards stehen einer breiten Umsetzung entsprechender Lösungen noch im Weg.

Das Nutzenpotential von telemedizinischen Anwendungen ist groß. Darüber gibt es unter den Experten kaum Unstimmigkeiten. Telemedizin ermöglicht die Diagnose und Therapie über weite Entfernungen hinweg. Ärzte können z.B. miteinander arbeiten, obwohl sie räumlich voneinander getrennt sind. So lässt sich die Qualität der medizinischen Versorgung verbessern. Außerdem können mithilfe von Telemedizin Kosten gesenkt werden, weil sie z.B. Alternativen zur stationären Behandlung ermöglicht. Patienten können etwa mithilfe von Telemonitoring-Lösungen rund um die Uhr betreut werden, obwohl sie sich nicht in der Klinik befinden. Krankenhäuser sparen sich außerdem Ausgaben für Dienstreisen, da ihre Ärzte Besprechungen mit Kollegen aus anderen Häusern vom eigenen Arbeitsplatz aus erledigen können.

Doch trotz dieser Vorteile verbreiten sich telemedizinische Anwendungen in Deutschland nur langsam. „In den vergangenen Jahren gab es bestimmt einige Hundert Projekte", stellt Thomas Königsmann fest. „Aber nur eine Handvoll davon ist nach wie vor im Betrieb." Königsmann beschäftigt sich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer Institut für Software- und Systemtechnik (ISST) mit Telemedizin.

Seiner Meinung nach gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die dem Erfolg von telemedizinischen Projekten bisher im Weg standen. Dazu zählen u. a. fehlende Geschäftsmodelle und rechtliche Hindernisse. Doch ein grundlegendes Problem ist die mangelnde Standardisierung in diesem Bereich. Es gibt schlicht zu viele technische Möglichkeiten, um z.B. Lösungen für Telekonsultation oder -monitoring umzusetzen.

„Es ist sehr schwierig, den Dschungel aus Spezifikationen zu durchblicken", meint Königsmann. Kliniken und andere involvierte Einrichtungen könnten kaum beurteilen, welche Technologie zukunftsfähig sei und in welche Systeme sie daher investieren sollten. Das Ergebnis: In verschiedenen Projekten werden jeweils andere Infrastrukturen aufgebaut. Das Rad wird also immer wieder neu erfunden. Das verschwendet finanzielle Mittel und behindert eine größere Vernetzung der unterschiedlichen telemedizinischen Projekte.

In Zusammenschlüssen wie etwa der IHE (Integrating the Healthcare Enterprise) versuchen daher Anwender und Technikanbieter gemeinsam Standards zu fördern bzw. Empfehlungen für den Einsatz bestimmter Technologien zu geben. Ziel ist es, dass alle Unternehmen im Gesundheitswesen mit einheitlichen Normen arbeiten - etwa für den Austausch von Daten zwischen Messgeräten, PCs und mobilen Endgeräten.

Anders als im Ausland konnten sich die empfohlenen telemedizinischen Standards in Deutschland bisher allerdings nur schwer durchsetzen. Bedenken in Sachen Datenschutz stehen hierzulande vielen Telemedizin-Projekten noch im Weg. Es gibt aber auch technische Schwierigkeiten. Viele Systeme wie etwa PACS-Lösungen sind noch nicht kompatibel zu den Vernetzungsstandards. Immerhin: Es sind bereits Integrationsplattformen auf dem Markt, an die sich die Systeme andocken können und welche die Formate in IHE-konforme Varianten konvertieren.

Es gibt jedoch auch Initiativen, die Telemedizin innerhalb der speziellen deutschen Gegebenheiten zum Erfolg führen wollen. So versucht etwa das Fraunhofer ISST mit einem Projekt unter dem Namen Telemedizin Repository, die bisherigen Erfahrungen der Anwender in diesem Bereich zu sammeln und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Ziel ist es, eine offene Infrastruktur bereitzustellen, auf deren Basis Krankenhäuser und andere Einrichtungen telemedizinische Dienste erstellen können. Die Fraunhofer-Wissenschaftler wollen quasi verschiedene Bausteine entwickeln, die sich jeweils für die individuellen Einsatzszenarien unterschiedlich zusammensetzen lassen. Eine besondere Bedeutung kommt dabei laut Königsmann den aktuellen Datenschutzkonzepten zu, die in diese Wissensdatenbank einfließen sollen.

Derzeit arbeiten das Fraunhofer Institut und seine Projektpartner noch daran, die Informationen aus bisherigen Telemedizin-Anwendungen zu sammeln und auszuwerten. Schon jetzt steht aber fest, dass die Wissenschaftler den Einsatz von Webservices als technische Basis für Telemedizin-Lösungen empfehlen.

Auf Grundlage einer passenden Infrastruktur und Datenschutzstrategie ergeben sich für die Telemedizin vielfältige Anwendungsmöglichkeiten. So berichtet Königsmann z.B. davon, wie adipöse Patienten nach einer stationären Behandlung mithilfe von mobilen Lösungen weiter unterstützt werden können. Dabei fungiert ein mobiles Endgerät quasi als digitaler Begleiter. Über diesen kann ein Betreuer, der sich in der Klinik befindet, dem Patienten individualisierte und an die Situation angepasste Informationen sowie Dienste zur Verfügung stellen. Das Gerät - etwa ein Smartphone - hilft somit bei der Bewegungs-, Ernährungs- und Essensplanung. Die ambulante Nachsorge von adipösen Patienten ist laut Königsmann ohne solche technischen Hilfen sehr teuer und überdies schwierig umzusetzen.

Ein weiteres Anwendungsbeispiel sieht der Fraunhofer-Mann im Zusammenführen von Experten für schwere Erkrankungen wie etwa Tumoren. Denn diese Spezialisten arbeiten häufig an verschiedenen Orten. Mithilfe einer Online-Konferenz könnten sie für prä- und postoperative Besprechungen miteinander vernetzt werden, so Königsmann. Dabei ließen sich auch Systeme wie PACS- oder KIS-Lösungen einbinden, um deren Informationen in dem Meeting zu nutzen und zu einer Konferenzakte hinzuzufügen. Mithilfe einer Signaturfunktion kann diese Akte anschließend signiert werden. An einer solchen Besprechung können Spezialisten aus unterschiedlichen Fachgebieten teilnehmen. Dazu zählen neben Pathologen, Onkologen und Radiologen auch niedergelassene Ärzte und Apotheker. Auch in diesem Fall erhöht Telemedizin zum einen die Qualität der Behandlung. Zum anderen spart sie Kosten, die sonst anfallen würden, um alle Experten an einen Tisch zu bekommen.
Dass dies möglich ist, zeigt sich mittlerweile in der Praxis. Laut Königsmann werden sowohl die Tumorkonferenz als auch der Adipositas-Begleiter bereits in Pilotprojekten eingesetzt.

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