Räume für fließende Arbeit … und heilende Ruhe

  • Prof. Christine Nickl-Weller (Foto: Nickl & Partner Architekten)Prof. Christine Nickl-Weller (Foto: Nickl & Partner Architekten)
  • Prof. Christine Nickl-Weller (Foto: Nickl & Partner Architekten)
  • Projekt im Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (Foto: Stefan Müller-Naumann).

Wie eine bedürfnisorientierte Planung zum Wettbewerbsvorteil für Krankenhausanbieter werden und dabei Patienten bei ihrer Genesung aktivieren und Mitarbeiter bei ihrer Arbeit motivieren kann.

Seit über 35 Jahren konzipiert und realisiert Prof. Christine Nickl-Weller Bauten für Gesundheit, Forschung und Lehre sowie sozialen Wohnungs- und Städtebau. Seit 1989 führt sie gemeinsam mit ihrem Mann, Prof. Hans Nickl, das Büro Nickl & Partner Architekten mit Standorten in München und Berlin.

Seit 2004 führt sie den Lehrstuhl für das Fachgebiet „Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens" an der Technischen Universität Berlin.

Neben Forschung und Lehre organisiert sie im zweijährigen Rhythmus das internationale Symposium „Health Care der Zukunft", das kürzlich im März wieder in der Berliner Akademie der Künste stattfand. Hier sprach Nickl-Weller mit Insa Lüdtke über ihre Gedanken zum Krankenhaus von morgen.

M & K: Der Fachkräftemangel in Pflege und Medizin ist die Herausforderung der Zukunft. Kann Architektur dazu z. B. im Hinblick auf den Wettbewerb von Klinik-Anbietern - also aus Arbeitgebersicht - einen Beitrag leisten?

Prof. Christine Nickl-Weller: In meiner Überzeugung sogar einen ganz wesentlichen, denn das Personal der Zukunft wird sich den „besten Arbeitsort" heraussuchen und damit Qualität und Ruf des Krankenhauses bestimmen. Und das bedeutet letztlich, dass das Arbeitsumfeld höchste Priorität genießt.

Es müssen daher attraktive physische Rahmen geschaffen werden, die durch Freizeitangebot, Einrichtung, Farben, Kunst, Innenklima, Tageslicht und Schallbedingungen die Mitarbeiter positiv beeinflussen, und die gleichzeitig dazu beitragen, Freude bei der Arbeit zu haben und Engagement zu fördern. Das bedeutet, dass vor allem Platz und Raum vorhanden sein müssen, damit die Mitarbeiter ihre Aufgaben erfüllen können, sich wohlfühlen und sich weiterentwickeln.

Welchen Einfluss hat Architektur auf die Effizienz im Sinne der Arbeitsabläufe und der Motivation der Mitarbeiter?

Prof. Christine Nickl-Weller: Das Stichwort lautet patientenzentrierte Pflege und beginnt bei der Organisation der Grundrisse. Aber auch Tageslicht spielt eine entscheidende Rolle, d. h., alle Arbeitsräume müssen Tageslicht haben. Viel Tageslicht ist zurzeit für uns ein zen­traler Punkt im Entwurfsprozess. Und das nur beim Krankenhausbau.

Ich bin der Meinung, dass der Gesetzgeber hier im Zuge der Nachhaltigkeit und Energieeffizienz regulierend eingreifen wird. Andere Nachbarländer sind uns diesbezüglich weit voraus.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Effizienz der Mitarbeiter und dem Genesungsprozess der Patienten? Welchen Anteil daran hat die Architektur?

Prof. Christine Nickl-Weller: Meiner Ansicht nach besteht ein wesentlicher Ansatz dar­in, den „Menschen" in den Mittelpunkt aller Überlegungen und Entscheidungsprozesse zu stellen. Das bedeutet, nicht allein dem Patienten, sondern auch dem Arbeitsplatz im Krankenhaus unsere Aufmerksamkeit zu widmen.

Der Patient der Zukunft wird der „aktive Patient" sein und muss darin unterstützt werden - als ein aktiver Empfänger von Gesundheitsdienstleistungen. Er muss deshalb Teil seines eigenen Behandlungsverlaufs werden und dafür Mitverantwortung übernehmen. Eine bessere Einbeziehung der Patienten verbessert sowohl die individuell erlebte als auch die fachliche Qualität. Dies führt schließlich auch zu einer besseren Ausnutzung der Ressourcen des Krankenhauses. Die Fokusbereiche für den aktiven Patient werden unter anderem in der IT-Zugänglichkeit, Information, Einbeziehung und Kommunikation liegen.

Welche Bedeutung sollte die architektonische Gestaltung - im Sinne „nice to have" oder „must have" - im Bereich Krankenhaus haben?

Prof. Christine Nickl-Weller: Dazu muss man sich eine der bedeutendsten Änderungen in Deutschland vor Augen führen, und diese betrifft die Rolle des Staates: Er zieht sich aus haushaltspolitischen Gründen immer mehr aus seiner Versorgungspflicht zurück und überlässt die Gesundheitslandschaft dem Markt. Fürsorgeeinrichtungen müssen sich zu Unternehmen entwickeln und sich als Dienstleister dem Konkurrenzkampf stellen.

Wie beurteilen Sie das im Hinblick auf „das Krankenhaus von morgen" - also auf die nächsten 20 Jahre?

Prof. Christine Nickl-Weller: Durch die aktuelle demografische Entwicklung gewinnen andere Krankheitsbilder als bisher an Bedeutung, die neue Aufgabenstellungen im Gesundheitswesen mit sich bringen. Deutlich wird dies in der Differenzierung im Pflege-, Diagnostik- und Therapiebereich, der sich an die veränderten Anforderungen einer immer älter werdenden Gesellschaft anpassen muss.

Einige weitere unter vielen bekannten Beispielen sind die Entwicklung der minimal-invasiven Chirurgie, der radiologischen Diagnostik und der zunehmend kürzeren Verweildauer im Krankenhaus. Diese genannten Entwicklungen haben naturgemäß Einfluss auf die Krankenhausarchitektur. Krankenhausarchitektur hat immer durch ihre spezifische Komplexität eine eigene Typologie entwickelt, die sich den jeweils aktuellen, politischen, gesellschaftlichen, technischen und medizinischen Anforderungen zu stellen hatte und weiterhin zu stellen hat.

Gleichzeitig hat das Selbstbewusstsein der Menschen bzw. ihr Verantwortungsbewusstsein gegenüber sich selbst deutlich zugenommen. Wie die Architektur, unsere gebaute Umgebung, allgegenwärtig ist, so ist auch unser Umgang mit der Gesundheit allgegenwärtig. Auch die technische und pharmakologische Entwicklung der Medizin schreitet so rasant vor­an, dass einigen Abläufen und Bereichen neue Bedeutung zukommt bzw. alt­bekannte Vorgänge nicht mehr existieren. Was also wird sich verändern?

Der Pflegebereich erfährt eine viel stärkere Differenzierung durch die bedürfnisgerechte und individuelle Ausrichtung. Auch die Verweildauer für Patienten wird sich deutlich reduzieren, sodass letztlich nur noch Schwerstkranke im Krankenhaus bleiben. Ich möchte hierbei auf die ­zunehmende Bedeutung von Tagespflegen hinweisen.

Eine zunehmend wichtigere Rolle wird Angehörigen zukommen, auf die sich verstärkt Aufmerksamkeit richten wird.

Die rasante technische Entwicklung macht die Zusammenfassung hochinstallierter Bereiche unabdingbar, um Änderungen vornehmen zu können. Die uns bekannten OP-Zentren werden andere Aufgaben mit übernehmen aufgrund der medizintechnischen Entwicklung. Den niedergelassenen Ärzten muss ein größeres Mitspracherecht in Kliniken eingeräumt und eine bessere Integration ermöglicht werden. Um nur einige gravierende Beispiele zu benennen.

Erkennen Sie hier eine Tendenz oder auch widersprüchliche Ansichten innerhalb eines Unternehmens?

Prof. Christine Nickl-Weller: Der Krankenhausbau steckt meiner Beobachtung nach in einer tiefen Führungskrise. Die meisten Klinikmanager werden zurzeit auf drei bis fünf Jahre bestellt. Dazu tragen die VOF-Verfahren bei, da so in den wenigsten Fällen Wettbewerbe für neue bzw. Erweiterungsprojekte ausgeschrieben werden. Das einzige messbare Kriterium bei diesen Verfahren ist die Quantität, über Qualität wird nicht gesprochen. Für die Verwaltung und den Planer zählt nur noch das kurzfristige Ergebnis.

Die Zahl der Menschen mit Demenz (heute 1,2 Mio.) verdoppelt sich bis 2030. Wie beeinflusst diese Perspektive die Arbeit(-sprozesse) im Krankenhaus und die Klinikarchitektur?

Prof. Christine Nickl-Weller: Diese Entwicklung wird sich sehr deutlich auf die Klinikarchitektur auswirken. Menschen mit Demenz sind in herkömmlichen Krankenhäusern nicht mehr unterzubringen, da ihnen eine spezielle Behandlung zukommt und z. B. die Möglichkeit für kleinere Gruppen gegeben sein muss. Langfristig gesehen entstehen neue Krankenhäuser mit speziellen, auf die Abläufe und Bedürfnisse angepassten Grundrissen.

 

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