Gesundheitsökonomie

„Ein riesiges Geschäft“

Fazit des Gesundheitswirtschaftskongresses 2009 in Hamburg

30.03.2010 -

Leere Kassen, ein unterfinanziertes Gesundheitssystem, Ärztemangel, Zwei-Klassen-Medizin. Es hapert an vielem, doch genauso werden ständig neue Konzepte und Wege entworfen, wie Probleme beseitigt werden können. Der Gesundheitswirtschaftkongress in Hamburg wollte auch in diesem Jahr einen Beitrag dazu leisten. Susan Röse sprach für Management & Krankenhaus mit Prof. Heinz Lohmann, Kongresspräsident, über sein Fazit. Dieses viel überraschend positiv aus.

M&K: War der Gesundheitswirtschaftskongress in Hamburg ein Erfolg für die Wirtschaft und ein Weg aus der Krise?

Prof. Heinz Lohmann: Die Gesundheitswirtschaft hat sich resistenter gegenüber der Finanzkrise gezeigt als andere Branchen. Das hat viele Gründe. Ein Grund ist, dass in allen postindustriellen Gesellschaften wegen der Demografie die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sehr stetig gewachsen ist. Ein zweiter Grund ist, dass ein Großteil der Finanzierung des Gesundheitssystems über den Sozialtransfer stattfindet. Auch der private Konsum von Gesundheitsleistungen ist weiter gestiegen. Grund hierfür ist, dass ältere Menschen andere Konsumbedürfnisse haben als jüngere.

Rückt der Patient und Konsument tatsächlich in den Mittelpunkt der Gesundheitsbranche?


Lohmann: Davon bin ich persönlich überzeugt. Stärker als das in der Vergangenheit der Fall war, bestimmt der Patient heute mit, da die Transparenz zunimmt, und es gibt immer mehr Möglichkeiten, ihm dabei Hilfestellungen zu leisten.

Transparenz und Netzwerke, aber auch das Internet waren wichtige Begriffe ...

Lohmann: Hintergrund der Zunahme der Patientensouveränität ist die steigende Transparenz. Ohne Rat bin ich auch in anderen Märkten häufig hoffnungslos überfordert. Deshalb brauchen wird im Gesundheitssektor Erklärungen und benötigen Marken, die Vertrauen schaffen. Das war auch Thema auf dem 5. Gesundheitswirtschaftskongress. Mit der „Normalisierung der Branche" normalisieren sich auch viele Instrumente. Das Internet ist in ganz besonderer Weise daran beteiligt. 35% der Menschen gehen, bevor sie einen Arzt aufsuchen, ins Internet, 40% wenn sie wieder vom Arzt kommen. Sie informieren sich zu ihrer Diagnose und überprüfen den Rat zur Weiterbehandlung. In Patientenportalen werden zudem die Erfahrungen anderer Patienten mit den Gesundheitsangeboten überprüft.

Also eine durchweg positive Entwicklung aus der Sicht der Patienten?

Lohmann: Das sehe ich so. Ich halte „Ökonomisierung sei negativ" für falsch. Medizin ist zwar keine Ware, war aber immer schon ein riesiges Geschäft und somit auch eine ökonomische Angelegenheit. Die Medizin bleibt ein wachsendes Geschäft. Darauf sind auch die Hoffnungen von Volkswirtschaften gerichtet, gerade auf dem Arbeitsmarkt.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die beste Optimierung der Gesundheitsleistungen aus?

Lohmann: Der Wandel, um den es jetzt geht, ist die Medizin vom „Kopf auf die Füße" zu stellen. Ziel ist, eine definierte Medizin zu realisieren, um dann die dafür notwendigen Ressourcen zu beschaffen, nämlich die Baustruktur, das Personal, die Organisation und die technische Ausstattung.

Welchen Stellenwert hat und wird die Gesundheitswirtschaft in der Wirtschaft haben?

Lohmann: Die Gesundheitswirtschaft wächst. Wir haben heute schon einen Anteil von über 10% am Bruttosozialprodukt. Die entscheidenden demografischen Effekte treten aber erst in etwa zehn Jahren ein. Ältere Menschen brauchen mehr Gesundheitsleistung. Was für jüngere Menschen die Disco, ist für die Älteren die Apotheke.

Wie sieht die Zukunft aus? Haben wir die Zeichen der Zeit erkannt? Ihr Motto für die Zukunft ist: „Jammern wir nicht, sondern schauen mutig nach vorne."

Lohmann: Bisher ist im Gesundheitsbereich zu sehr auf der Kostenseite diskutiert worden. Das ist viel zu einseitig. Es geht vielmehr um Produktivität. Unwirtschaftlichkeit ist zudem unethisch, gerade in einem System, das über Sozialtransfer finanziert wird. Weil aber auch eine gute Qualität erreicht werden muss, ist Wettbewerb wichtig. Am Beginn des 21. Jahrhunderts müssen deshalb Technologien, die andere Branchen längst erprobt haben, zum Einsatz kommen. Wir haben in der Medizin praktisch die Industrialisierung nicht übernommen. Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch vernünftig. Damals waren die Verfahren noch zu simpel. 100.000 Mal das gleiche Auto zu bauen, wie bei Henry Ford, nach dem Motto: „Sie können jede Farbe haben, nur schwarz muss es sein", passt natürlich nicht für die Medizin. Die digitale Industrialisierung unserer Zeit ist etwas völlig anderes. So können sie heute von einem einzigen Porschemodell 320.000 Varianten bekommen. Das Auto ist praktisch individualisiert. Das Produktionsmodell der Industrie kann durchaus auf die Medizin, natürlich entsprechend angepasst, übertragen werden. Diese moderne Technologie ermöglicht individualisierte Standardisierung und wird damit den Patienteninteressen gerecht. Es gibt also keinen Grund zum Jammern. Richtig ist aber, dass viele gesetzliche Regelungen nicht mit den neuen Entwicklung mithalten. Viele Gesetze und Verordnungen basieren auf einem Geschäftsmodel für die Medizin, welches eher dem ausgehenden 19. Jahrhundert als dem beginnenden 21. Jahrhundert entspricht. Ein behandelnder Arzt und sein Patient, das war im 19. Jahrhundert die Grundlage. Heute ist die Medizin interdisziplinär, interprofessionell und technikbasiert. Deswegen gibt es Brüche in der Medizinorganisation, die zurzeit improvisatorisch überwunden werden müssen. Das frustriert viele Mediziner, weil sie sich fast mehr mit Dokumentation und Umorganisation beschäftigen müssen als mit dem Patienten. Deshalb dürfen wir auf den Einsatz moderner Technologie nicht verzichten. Ich wünsche mir, dass die Medizinanbieter diese Entwicklung sehr früh antizipieren und in die Veränderung ihrer Geschäftsprozesse einbringen. Da sehe ich an vielen Stellen noch Handlungsbedarf. Im Gesundheitsbereich sitzen noch zu viele Menschen in Bremserhäuschen. Dort werden keine Weichen gestellt. Nutzen wir die vor uns liegende Zeit, um mutig nach vorne zu gehen. Und treffen wir uns alle wieder auf dem 6. Gesundheitswirtschaftskongress am 1. und 2. September 2010 in Hamburg.

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