Hygiene

Entgiftung – im wörtlichen Sinn

Interdisziplinäre Notfallzentren optimal für Sepsis-Therapie

14.04.2010 -

In Deutschland ziehen sich pro Jahr etwa 110.000 Erwachsene eine Blutvergiftung (Sepsis) zu. Bei beinahe der Hälfte dieser Neuerkrankungen handelt es sich um eine schwere Sepsis, die häufig nach Eingriffen im Krankenhaus auftritt und deren Mortalitätsrate bei 55% liegt. Jörg Raach sprach im Vorfeld des 116. Internistenkongresses, der Infektionserkrankungen in den Mittelpunkt stellte, mit Priv.-Doz. Dr. Christian E. Wrede, Chefarzt des Interdisziplinären Notfallzentrums am Helios Klinikum Berlin-Buch, über optimale Therapien.

M&K: Wie entsteht eine Sepsis und welche Symptome hat sie?

Priv.-Doz. Dr. Christian E. Wrede: Die Ursache einer Sepsis sind Infektionen. Dringen Bakterien z.B. an einer kleinen Verletzung in die Haut eines abwehrschwachen Menschen ein, vermehren sie sich - mitunter explosionsartig. Damit rufen sie eine überschießende Entzündungsreaktion des Körpers hervor, die feinen Blutgefäße entspannen sich und werden durchlässig. In der Folge gelangt immer weniger Sauerstoff in die äußeren Gewebe. Unbehandelt verstärkt sich dieser Vorgang in einem Teufelskreis, einem Circulus vitiosus, immer weiter, es kommt zum Versagen lebenswichtiger Organe. Die Symptome sind: eine schnelle Atmung, ein hoher Puls, eine deutliche Blutdrucksenkung, Fieber, aber auch Sinken der Köpertemperatur auf unter 36°C. Aufgrund dieser unspezifischen Symptome ist die Schulung der Ärzte zur schnellen Diagnose und Therapie von hoher Bedeutung.

Wie sieht die Therapie der Sepsis aus?

Wrede: Entscheidend ist es, den durch eine Sepsis in Gang gesetzten Kreislauf früh zu durchbrechen. In weniger schweren Fällen helfen reichlich Flüssigkeit und breit wirksame Antibiotika. Wichtig ist auch, den Infektionsherd zu finden und ggf. zu sanieren. Verschlechtert sich der Zustand, drohen Organversagen oder sogar Tod, dann reicht dies aber nicht aus, hier sollte zusätzlich die Gabe von aktiviertem Protein C in Betracht gezogen werden. Besonders gefährlich ist der septische Schock, er verläuft in bis zu 70% der Fälle tödlich. Spricht er auf keine Therapie an, kann die Gabe von Hydrocortison dem Patienten helfen. Obwohl eine Sepsis relativ häufig ist und zudem eine hohe Mortalität aufweist, wird die Diagnose oft noch immer zu spät und zu selten gestellt.

Wo im Krankenhaus sollte die Sepsis vor allem behandelt werden?

Wrede: Da die Diagnose und Therapie der Sepsis sehr zeitkritisch ist und das optimale Zusammenwirken von Ärzten verschiedener Fachrichtungen erforderlich ist, werden inzwischen organisatorisch und medizinisch unabhängige Interdisziplinäre Notfallzentren als optimal für die Initialtherapie angesehen, sie sind der anzustrebende, leider in vielen Krankenhäusern noch nicht ereichte Standard. Die weitere Behandlung erfolgt dann in der Regel auf einer Intensivstation.

Gibt es zur Behandlung von Sepsis medizinische Leitlinien und Nachweise über ihre Wirksamkeit?

Wrede: 11 internationale medizinische Organisationen haben die „surviving sepsis campaign" gegründet und erstmals 2004 Leitlinien zur Behandlung der Sepsis mit dem Ziel publiziert, die Sterblichkeit zu senken. Eine überarbeitete Version dieser Leitlinien mit 71 Empfehlungen wurde 2008 veröffentlicht. In einer 2009 publizierten multinationalen Studie von Levy und Kollegen mit über 15.000 Patienten war die Teilnahme der Zentren an der Studie über durchschnittlich zwei Jahre sowohl mit einer verbesserten Einhaltung der Leitlinien als auch mit einer Reduktion der Mortalität um 5,4% assoziiert. In einer gleichfalls 2009 publizierten Studie von Ferrer waren eine frühzeitige, breit wirksame Antibiotikatherapie und die Gabe von aktiviertem Protein C mit einer reduzierten Mortalität verbunden. Welche Kombinationen von Leitlinien-Empfehlungen tatsächlich sinnvoll sind, muss allerdings in weiteren Studien geklärt werden.

Wo gibt es weiteren Forschungsbedarf?

Wrede:
Viele Empfehlungen der Leitlinien müssen nochmals in qualitativ hochwertigen Studien überprüft werden. Darüber hinaus ist es dringend notwendig, die Erforschung der septischen Abläufe im Körper zu intensivieren, um Ansätze für neue Therapien zu finden. Ein Beispiel hierfür ist, dass eine Sepsis häufig damit einhergeht, dass die im Gehirn gelegenen hormonellen Steuerungsorgane Hypothalamus und Hypophyse versagen. Diese komplexen, lebensnotwendigen Vorgänge sind bislang leider nicht ausreichend untersucht.

Kontakt

Helios Klinikum Berlin-Buch

Schwanebecker Chaussee 50
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+49 30 9401 54700

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