Fortschritt versus Vernunft: Hygiene in unserer modernen Gesellschaft

  • Magisches Dreieck: Voraussetzungen und Einflussfaktoren der Basishygiene. Das magische Dreieck zeigt die zueinander in Beziehung stehenden Komponenten der Basishygiene sowie die entsprechenden Fehlereinflüsse (markiert als Blitze) (Quelle: Kaden, 2020)Magisches Dreieck: Voraussetzungen und Einflussfaktoren der Basishygiene. Das magische Dreieck zeigt die zueinander in Beziehung stehenden Komponenten der Basishygiene sowie die entsprechenden Fehlereinflüsse (markiert als Blitze) (Quelle: Kaden, 2020)
  • Magisches Dreieck: Voraussetzungen und Einflussfaktoren der Basishygiene. Das magische Dreieck zeigt die zueinander in Beziehung stehenden Komponenten der Basishygiene sowie die entsprechenden Fehlereinflüsse (markiert als Blitze) (Quelle: Kaden, 2020)
  • Aufbau von hygienischen Mindestanforderungen bei der Patientenversorgung Basishygiene ist Voraussetzung der medizinischen Versorgung, vor allem aber auch Grundlage aller weiteren Hygienemaßnahmen.

Hygienemaßnahmen haben das größte, effektivste und wirksamste Potential gegen Infektionskrankheiten, denn die Behandlung wird zunehmend kritischer und ist teilweise schon unmöglich.

Der Entwicklungsstand der Hygiene innerhalb unserer modernen Gesellschaft könnte kaum widersprüchlicher sein. Desinfektionsmittel und zugehörige Technologien befinden sich auf einem Stand, der es erlaubt, die meisten Krankheitserreger schnell und effizient abzutöten. Diesbezüglich haben Industrie und Wissenschaft in den vergangenen Jahren erhebliche Vereinfachungen in der Anwendbarkeit hocheffizienter, materialverträglicher und schnell wirksamer Präparate bewirkt.

„Übertriebene Hygiene“ gibt es nicht

Der größte Abhängigkeitsfaktor der Wirksamkeit bedingt sich jedoch aus der Umsetzung durch das medizinische Personal sowie an den betroffenen Schnittstellen. Versuche, die Patientencompliance zu stärken, diese vor allem in die Händedesinfektion mit einzubeziehen, verlaufen zwar tendenziell eher positiv, scheitern jedoch an der Kontinuität und können nicht flächendeckend veranlasst werden. Zudem besteht weiterhin die Exposition des Patienten hinsichtlich seines Umfelds sowie gegenüber dem behandelnden und pflegenden Personal. So lange es in diesen Bereichen Lücken in der Umsetzung der Hygiene gibt, sind Infektionsübertragungen anzunehmen, die eigentlich präventiv ausgeschlossen werden könnten.

Instrumente und Medikamente kommen bei falscher Handhabung als Infektionsquellen in Frage. Eine dauernde und relevantere Gefahr geht von den Händen und Flächen im Patientenumfeld aus. Es ist nicht vermeidbar, dass diese ständig rekontaminiert werden. Daher muss in regelmäßigen Intervallen eine Reduktion der mikrobiellen Belastung erfolgen. Die besondere Schutzbedürftigkeit von Immunsupprimierten und Kranken, ist dieser Planung zugrunde zu legen. „Übertriebende Hygiene“ – wie sie gern im häuslichen, privaten Umfeld genannt wird – gibt es nicht. Es gibt auch keinen Grund, die hohen Wirkungspotentiale von Desinfektionsmitteln nicht zu nutzen. Was soll denn schon passieren? Schlimmstenfalls können sich Infektionen nicht weiterverbreiten, Patienten nicht an ihnen erkranken oder sogar versterben.

Dass Hygiene das kann, ist längst bewiesen. Dass es so einfach nicht ist, leider auch.

Doch woran scheitern wir?

Ist es wirklich so einfach alles auf Personalressourcen, Zeit und finanzielle Mittel zu schieben? Hygiene ist Voraussetzung aller medizinischer und pflegerischer Tätigkeiten. Sie ist kein zusätzlicher Aufwand, sondern bedingt alles andere, sie läuft mit. Es gibt Methoden und Verfahren, die unter Anwendung eines Desinfektionsmittels ein Ergebnis erzielen, das ist die Voraussetzung, nicht aber das Problem. Es werden doch auch keine unvollständigen Abstriche genommen oder Zugänge nur teilweise gelegt – weil es auch nicht funktioniert. Es braucht demnach Rahmenbedingungen und ein umfassendes Verständnis, dass Hygiene überhaupt die Chance hat, zu funktionieren.

Auf die Ausbildung kommt es an

Nun da wir uns entwicklungstechnisch an einem Punkt befinden, wo Desinfektionen kaum einfacher, wirksamer und schneller umgesetzt werden können, braucht es mehr Handlungskompetenz in der Anwendung notwendiger Maßnahmen. Dafür ist es unerlässlich Grundkenntnisse und Wirkungsweisen bereits in den medizinischen Ausbildungen zu verankern, vor allem aber kontinuierlich anzupassen. Stigmatisierte Fortbildungsinhalte, die sich immer nur auf ein gesetzliches MUSS beziehen, können kaum erfolgreich sein. Vielmehr ist zu verdeutlichen, welche Macht von der Umsetzung von Hygienemaßnahmen ausgeht und dass dieses Potential von jedem Beteiligten zum Selbstschutz und zum Schutz Dritter beitragen kann.

Basiskompetenzen nicht vernachlässigen

Ein Problem unserer, sich dynamisch entwickelnden Gesellschaft, ist dabei aber auch, dass ständig nach dem „Mehr“ gesucht wird und sich an Fortschritten orientiert wird, die ohne die Basiskompetenzen jedoch nahezu sinnlos sind. Wenn es also eine schlechte Nachricht seitens der Hygiene gibt, dann die: Händehygiene und Flächendesinfektion sind unersetzlich! Sie sind die wichtigsten und effektivsten Maßnahmen im Infektionsschutz. Wenn sie nicht umgesetzt werden, können auch weiterführende Präventionslösungen nicht erfolgreich sein.

Was nützt bspw. die Raumluftdesinfektion, wenn in den Bereichen mit herabgesetzter Keimzahl dann mit kontaminierten Händen gearbeitet wird? In Kombination hingegen macht es einen Sinn. Um Hygiene erfolgreich in den beruflichen Alltag zu integrieren braucht es aber scheinbar noch mehr als gut geplante Voraussetzungen, regelmäßige Fortbildungen und Hygieneverantwortliche. Es stellt sich also die Frage nach einer Parallelität zu anderen Bereichen, in den die Umsetzung weniger fehleranfällig und allgemeiner akzeptiert ist.

Kritische Personalsituation fördert Fehler

Genau genommen funktioniert Hygiene ja sogar zufällig, also auch ohne einen Erreger konkret zu kennen und nachzuweisen, kann dieser bereits eliminiert werden. Diagnostik und Therapie sind da wesentlich komplexer und komplizierter und erfordern eine genaue Differenzierung um aktiv werden zu können. Es wird immer wieder versucht, dem Thema mit Appellen an die Vernunft zu begegnen und so die Dringlichkeit der Hygienemaßnahmen zu verdeutlichen.

Doch so lange es Fehler gibt, muss davon ausgegangen werden, dass es einfach nicht ausreichend ist. Hygienetage und gezielte Aktionen haben oft nur kurze Effekte, können auch nicht erfolgreich sein, wenn das Personal im Tagesverlauf an die Grenzen der Kapazitäten gelangt und Einschränkungen kaum vermeidbar werden. Weiterhin bleiben wirkliche Konsequenzen aufgrund der allgemein kritischen Personalsituation oft aus.

Qualitätsmanagementsysteme leben

Es braucht qualitätsorientierte Systeme, die es gar nicht erst zulassen, medizinische Maßnahmen und Tätigkeiten von der erforderlichen hygienischen Vor- und Nachbereitung zu trennen. Sie müssen als unmissverständliche und nicht teilbare Einheit hinsichtlich aller Ressourcen geplant und berücksichtigt werden sowie auch als solche bei den handelnden Personen akzeptiert werden.

Prävention ist zunächst häufig nicht konkret messbar und wird stattdessen nur anhand ihrer Aufwände bemessen. Der Zusammenhang, welche Folgeaufwände an Diagnostik, Behandlung und Therapie bei entstandenen Infektionen dem jedoch gegenübersteht, sollte auch klar verdeutlich werden. In den meisten medizinischen Einrichtungen und Schnittstellen wird mit Qualitätsmanagementsystemen gearbeitet. Diese werden aber größtenteils von den Mitarbeitern als gegebener Rahmen akzeptiert, in dem sie sich bewegen können, um ihren Pflichten nachzukommen und gleichzeitig ihre Verantwortung nicht zu überschreiten. Sie geben eine wesentliche Orientierung darüber, was wie gemacht werden muss sowie auch Konsequenzen, die bei Nichteinhaltung getragen werden müssen.

Prozesshafte Planung mit realistischen Szenarien

Prozesshafte Planung wesentlicher Hygienemaßnahmen erlaubt die Identifikation und Analyse etwaiger Risiken in den Abläufen sowie auch die entsprechende Strategieableitung zum Umgang mit diesen.

Wenn bereits in der Planung realistische Szenarien betrachtet werden, die sich tatsächlich in den Arbeitsablauf integrieren lassen, werden Hygienemaßnahmen greifbarer, nachvollziehbarer und vor allem sinnhafter. Wenn Konsequenzen mangelnder Hygiene verdeutlicht werden, sowohl für den Mitarbeiter - als auch den Patientenschutz - können die Dringlichkeit und Notwendigkeit besser dargestellt werden.

Stellenwert von Infektionsschutz erhöhen

Infektionsschutz sollte den gleichen Stellenwert bekommen, wie auch die medizinischen und pflegerischen Tätigkeiten selbst. Mitarbeiter müssen im Bewusstsein handeln, mit ihrer kontinuierlichen Durchführung von Desinfektionsmaßnahmen einen wertvollen und nachhaltigen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Patientengesundheit sowie zur Genesung Infizierter beizutragen.

Viele Infektionskrankheiten, vor allem virale, können nicht gezielt behandelt werden, die Bekämpfung bakterieller Infektionen wird zunehmend kritischer und ist teilweise schon unmöglich. Hygienemaßnahmen sind unser größtes, effektivstes und wirksamstes Potential seitens der Infektionsprävention im medizinischen Umfeld und relevanten Schnittstellen.

 

Authors

Jetzt registrieren!

Die neusten Informationen direkt per Newsletter.

To prevent automated spam submissions leave this field empty.