Nadelstichverletzungen: Umfrage zeigt Lücken beim Mitarbeiterschutz

  • Das größte Optimierungspotential sehen die Experten bei Schulung und Training für den sicheren Umgang mit den Instrumenten. Hier sind unmittelbar die Kliniken in der Verantwortung, Schulungsmaßnahmen nachzuholen und aufzufrischen (Abb.: DBfK).Das größte Optimierungspotential sehen die Experten bei Schulung und Training für den sicheren Umgang mit den Instrumenten. Hier sind unmittelbar die Kliniken in der Verantwortung, Schulungsmaßnahmen nachzuholen und aufzufrischen (Abb.: DBfK).

Eine Befragung zum Thema „Schutz vor Nadelstichverletzungen im Krankenhaus" zeigt Erfolge, aber auch deutlichen Handlungsbedarf. Wichtigste Maßnahme: das Training der Anwender von Sicherheitskanülen.

„Um Beschäftigte vor Verletzungen bei Tätigkeiten mit spitzen oder scharfen zu schützen, sind diese Instrumente unter Maßgabe der folgenden Ziffern 1 bis 7 - soweit technisch möglich - durch geeignete sichere Arbeitsgeräte zu ersetzen, bei denen keine oder eine geringere Gefahr von Stich- und Schnittverletzungen besteht." So heißt es in der TRBA 250 (Technische Regeln für Biologische Arbeitsstoffe), die ab Schutzstufe 2 den Einsatz sicherer Instrumente und besserer Schutzmechanismen im Gesundheitswesen vorschreibt.

Lange hat es gedauert, bis die ersten Kliniken in Deutschland ihren Verpflichtungen nachkamen und mit der Umstellung auf sichere Instrumente (Kanülen, Lanzetten, Venenverweilkanülen usw.) begannen. Immer wurde auf hohe Kosten verwiesen, die Alltagstauglichkeit der neuen Produkte angezweifelt. Ohne eine Verschärfung der Regel in 2006 und zunehmenden Druck aus Brüssel würden die Beschäftigten wohl noch heute auf den technisch machbaren Schutz vor Stichverletzungen am Arbeitsplatz warten müssen.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) und die Initiative Safety First! haben sich von Anfang an für die konsequente und flächendeckende Umsetzung der TRBA 250 stark gemacht. Beim diesjährigen European Biosafety Summit in Dublin standen zwei Themenschwerpunkte auf der Agenda:

  1. Die Auswirkungen von Nadelstichverletzungen (NSV) im Gesundheitswesen, und
  2. Der Grad der Umsetzung der Europäischen „Sharps Directive" in den europäischen Staaten und ihr Eingang in nationale Gesetzgebung.

Aus diesem Anlass führten DBfK und Safety First! im Frühjahr 2011 eine kleine, nicht repräsentative Online-Umfrage „Schutz vor Nadelstichverletzungen - Anspruch und Realität im Arbeitsalltag" durch. Die Befragung richtete sich ausschließlich an Pflegefachpersonen in Krankenhäusern. Mit insgesamt 35 Fragen zum Kenntnisstand und zur Verwendung sicherer Instrumente, zu deren sachgemäßer Anwendung und technischen Qualität war die Umfrage recht umfangreich und zeitaufwendig, umso bemerkenswerter ist die erfreulich hohe Rücklaufquote.

Während der Laufzeit von fünf Wochen gingen 460 auswertbare Antworten ein.

Die Teilnehmer

Gut die Hälfte der Befragten gab als Berufsbezeichnung Gesundheits- und (Kinder-)Krankenpfleger an, hinzu kommen etwa 40% mit Zusatzqualifikation für spezielle Arbeitsfelder der Kliniken. Die Verteilung auf die Fachbereiche wie z.B. Innere, Chirurgie, Intensivstation oder Notaufnahme war ausgewogen. Auch die Herkunft nach Größe des Krankenhauses entsprach etwa dem Bundesschnitt. Mit durchschnittlich 17,1 Berufsjahren nahmen sehr erfahrene Pflegefachkräfte teil, was ihre Aussagen inhaltlich verstärkt. Sie kennen das Gesundheitssystem, haben viele Entwicklungen kommen und gehen sehen und wissen, wo es hakt. Mehr als 70% der Befragten gab an, schon von einer NSV betroffen gewesen zu sein, über 45% sogar mehr als einmal. Dies belegt die große Relevanz des Themas, aber auch die hohe Dunkelziffer in Bezug auf gemeldete Verletzungen.

Kenntnisse und Schulungen

Das Wissen um den gesetzlichen Schutz und die Fertigkeiten in der Anwendung sicherer Instrumente sind verbesserungswürdig. Knapp 32% der Befragten waren nicht informiert darüber, dass die TRBA 250 immer dort, wo eine Infektion durch NSV möglich ist, den Einsatz sicherer Instrumente zum Schutz von Mitarbeitern zwingend vorschreibt.

Ein Drittel der Pflegefachkräfte gab an, dass in ihren Krankenhäusern keine jährlichen sicherheitstechnischen Unterweisungen stattfinden. Mehr als die Hälfte der Befragten wurde nicht in der Anwendung der neuen Instrumente geschult. Positiv allerdings, dass stattgefundene Schulungen durchgängig als hilfreich und ausreichend bewertet wurden. Zum Thema Training und Schulung gaben die Umfrageteilnehmer auch wichtige Empfehlungen ab:

  • Mehr praktisches Training inkl. Testmöglichkeit an Puppen;
  • verpflichtende Teilnehme von Ärzten und Teilzeitkräften;
  • jährliche Updates, und
  • Schulungen für alle Stationsbereiche.

Rahmenbedingungen

Ein Drittel der Umfrageteilnehmer gab an, dass ihre Klinikleitung die Umstellung auf sichere Instrumente nicht fördere. Die meisten, ca. 77%, berichteten, dass sie bei der Auswahl der neuen Instrumente nicht mit einbezogen wurden, sie konnten also nicht die Produkte mehrerer Hersteller testen und eine Empfehlung abgeben. Immerhin ist bei 89 % der Befragten ein Ablaufplan für das Vorgehen nach NSV vorhanden bzw. den Mitarbeitern bekannt.

Umgang mit sicheren Instrumenten

In diesem Teil der Befragung wurde jeweils getrennt für die verschiedenen Kanülenarten abgefragt. Danach finden die sicheren Instrumente durchaus breite Zustimmung und sind akzeptiert: 80 % der Befragten sind der Meinung, dass sie helfen, das Verletzungsrisiko zu verringern. Die beste Bewertung mit der Note 2,1 erhielten die Venenverweilkanülen, gefolgt von Flügelkanülen, Blutentnahmesets und Blutentnahmekanülen mit jeweils Note 2,5.

Um Hinweise auf mögliche Produktverbesserungen zu erhalten, wurde ausführlich nach der Qualität der im Gebrauch befindlichen sicheren Instrumente gefragt. Hier gaben mehr als 70% der Pflegenden an, dass der Sicherheitsmechanismus problemlos mit einer Hand zu bedienen sei.

Offenbar ist aber das Prinzip der neuen Instrumente nicht genügend verinnerlicht: Um die 40% gaben an, dass der Sicherheitsmechanismus nach einer Blutentnahme nicht unmittelbar nach Gebrauch aktiviert werde. Knapp die Hälfte der Umfrageteilnehmer berichtete, dass die Aktivierung des Schutzmechanismus kein fühl- und hörbares Signal übermittelt. Die Antworten in Bezug auf die Qualität der verwendeten Instrumente könnten darauf hindeuten, dass in einigen Kliniken Produkte im Einsatz sind, die den von der TRBA 250 vorgegebenen Anforderungen nicht entsprechen. Beispielsweise wird dort verlangt: „Der Sicherheitsmechanismus muss durch ein deutliches Signal (fühlbar oder hörbar) gekennzeichnet sein ..." (4.2.4. Ziffer 7).

Wichtiges Kriterium für die Qualität eines Produkts ist die Sicherheit für den Patienten. Immerhin 18% der Befragten gab an, dass durch die neuen Instrumente eine Gefährdung für den Patienten entsteht bzw. entstehen kann. Folgende Gründe wurden u. a. benannt:

  • Schlechte Sicht auf die Einstichstelle mit Schwierigkeiten bei der Punktion.
  • Penkanülen verursachen einen erhöhten Druck an der Injektionsstelle, vollständige Insulingabe gelingt nicht immer.
  • Schmerzen durch stumpfe Kanülen bei Fertigspritzen.
  • Für Patienten mit schlechten Venen und feinen Gefäßen sind die Nadeln häufig zu starr.

Auf die Frage nach Verbesserungsvorschlägen für die Einführung der sicheren Instrumente zeigten sich die Befragten sehr engagiert. Die Möglichkeit zum Freitext wurde rege genutzt, viele Empfehlungen detailliert und ausführlich erläutert. Dies betraf sowohl technische Aspekte der Produkte als auch Hinweise für die Umsetzung. An die Adresse der Produktentwickler gingen beispielsweise die folgenden Wünsche:

  • Mehr verschiedene Kanülengrößen bei den Flügelkanülen,
  • schärfer geschliffene Kanülenspitzen,
  • Optimierung der Einhandaktivierung des Sicherheitsmechanismus,
  • Sicherung sollte weniger sperrig sein.

Das weitaus größte Optimierungspotential sehen die Experten bei Schulung und Training für den sicheren Umgang mit den Instrumenten (siehe Abb.). Hier sind unmittelbar die Kliniken in der Verantwortung, geeignete Schulungsmaßnahmen nachzuholen und aufzufrischen.

 

Authors

Kontaktieren

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe
Alt-Moabit 91
10559 Berlin
Telefon: +49 30 219157 0
Telefax: +49 30 219157 77

Jetzt registrieren!

Die neusten Informationen direkt per Newsletter.

To prevent automated spam submissions leave this field empty.