Sind telemedizinische Verfahren auf einem guten Weg?

  • Telemedizinische Verfahren werden seit rund 30 Jahren weltweit erprobt. Ziel ist es, die räumliche Trennung von Arzt und Patient sowie Facharzt und Allgemeinmediziner zu überwinden (nicos/Fotolia).Telemedizinische Verfahren werden seit rund 30 Jahren weltweit erprobt. Ziel ist es, die räumliche Trennung von Arzt und Patient sowie Facharzt und Allgemeinmediziner zu überwinden (nicos/Fotolia).

Telemedizinische Verfahren werden seit rund 30 Jahren weltweit erprobt. Ziel ist es, die räumliche Trennung von Arzt und Patient sowie Facharzt und Allgemeinmediziner zu überwinden.

In medizinisch gut versorgten Gebieten wird Telemedizin mit dem Ziel der Qualitätsverbesserung genutzt, beispielsweise durch Einholung einer Zweitmeinung oder zur Verbesserung der Lebensqualität der Patienten durch eingesparte Wege zum Arzt und zur Vorbeugung von Notfällen durch apparative Beobachtung. Daneben kann Telemedizin auch einen Beitrag zur Verbesserung der Aus-, Fort- und Weiterbildung leisten. Ein Nachteil ist häufig das Fehlen therapeutischer Möglichkeiten, da der Facharzt vor Ort fehlt.

Bis heute haben die Verfechter der Telemedizin in Deutschland mit komplexen Vorbehalten wirtschaftlicher, organisatorischer, rechtlicher, medizinischer, technischer und vielfach auch subjektiver Art zu kämpfen. Ein Blick auf die interaktive e-health@home-landkarte (www.iat.eu/ehealth/) zeigt, dass bundesweit knapp 260 telemedizinische Dienste und Projekte in über 110 Städten und Gemeinden angesiedelt sind. Die meisten sind mit Bundesmitteln gefördert und finden sich in den Bereichen Forschung und Entwicklung. Knapp ein Drittel der Angebote zielt konkret auf die Patientenversorgung ab.

„Die Studienlage deutet darauf hin, dass die Telemedizin das Potential haben könnte, diese Versorgung zu verbessern und gleichzeitig Kosten zu senken", äußert sich Dr. Jennifer Meyer, Bereichsleiterin eHealth und Gesundheitsökonomie im Strategiezentrum Gesundheit NRW. „Jetzt gilt es, genauer nachzuweisen, in welchen Situationen, für welche Patienten und in welchem Gesamtprogramm Telemedizin sinnvoll ist."

Gesamtprogramm Telemedizin

Einzelne Kostenmodelle existieren bereits. Dennoch werden diese Programme meist nicht umfangreich von den Leistungserbringern aufgenommen. Um Telemedizin in die Umsetzung zu verhelfen, ist es vor allem wichtig, entsprechende Inhalte und Praktika auch in die Curricula der Hochschulen und Ausbildungsprogramme aufzunehmen. Gesamtprogramme, die kooperativ individuelle Konzepte mit telemedizinischer Unterstützung bieten - z.B.

zwischen ambulanten Pflegediensten, Krankenhäusern, Haus- und Fachärzten, Apotheken und Physiotherapeuten -, können den Patienten helfen, sich in der Versorgungslandschaft besser zurechtzufinden.

Telemedizin darf dabei jedoch langfristig nicht in den zweiten Gesundheitsmarkt „abgleiten". Sie sollte auch jenen Menschen zugängig sein, die dies privat nicht finanzieren können.

„Informations- und Kommunikationstechnik soll nicht nur die vielfältigen Prozesse im Gesundheitswesen schneller, effizienter und kostengünstiger verwalten helfen; mit telemedizinischen Dienstleistungen können auch Leistungen für die Gesunderhaltung und Heilung über große Distanzen hinweg zeitnah und patientenorientiert erbracht werden", berichtet Priv.-Doz. Dr. Josef Hilbert, Leiter des Instituts für Arbeit und Technik (IAT).

Verbesserte Diagnose - direkte Unterstützung bei der Therapie

Lange Zeit standen beim Thema Telematik im Gesundheitswesen Elektronische Gesundheitskarte und Elektronische Patientenakte im Vordergrund. In den letzten Jahren ist jedoch die Aufmerksamkeit und das Engagement für die Telemedizin deutlich gestiegen, sprich für Leistungen, die als verbesserte Diagnose oder Therapie direkt beim Patienten ankommen oder die ihn bei der Gesunderhaltung unterstützen. Niedergeschlagen hat sich dies vor allem in vielfältigen Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, die allerdings selbst von Fachleuten kaum noch zu überblicken waren.

„Königsdisziplin der Telemedizin ist bislang die Kardiologie", erklärt Hilbert. „Adressaten der Angebote sind in allererster Linie chronisch Erkrankte und ältere Patienten. Ärzte- und Pflegeorganisationen standen der Telemedizin lange Zeit skeptisch gegenüber. Zum Teil übertrugen sie die technischen, finanziellen und datenschutzrechtliche Vorbehalte, die unter ihren Mitgliedern gegen die elektronische Gesundheitskarte und -akte weit verbreitet waren, auch auf die Telemedizin; zum Teil hatten sie sogar die Befürchtung, Telemedizin können ihre Betätigungsmöglichkeiten einschränken. Seitdem mehr und mehr bekannt wird, wie Telemedizin umgesetzt wird und dass sie nur im Verbund mit niedergelassenen Medizinern und mit kompetenten Pflegekräften vernünftig zu realisieren ist, steigt auch bei diesen Berufsgruppen das Interesse."

Ein großes Plus für die Telemedizin sind auch Patienten, die an Telemedizinprojekten beteiligt sind. Oft berichten sie begeistert von dem Plus Sicherheit und Lebensqualität, was durch die neuen Angebote möglich wird. Langfristig könnte dies dazu führen, dass sich weder Leistungsanbieter noch Kostenträger leisten können, auf telemedizinische Angebote zu verzichten - andernfalls drohen Wettbewerbsnachteile.

Personalisiertes Telemonitoring

„In den nächsten Jahren bestehen in Deutschland deutlich verbesserte Chancen, den Sprung von der Forschung in die breite Anwendung zu machen", lautet Hilberts Prognose. „Allerdings ist es ratsam, die Vorteile der Telemedizin weiterhin oder sogar verstärkt durch klinische Studien nachzuweisen. Darüber hinaus empfiehlt es sich, den engen Austausch mit den niedergelassenen Ärzten, der Pflege und den Patienten zu suchen, sodass diese die Vorteile der Telemedizin besser erkennen und souverän nutzen können."

Eyal Lewin, Geschäftsführer von SHL Telemedizin, sieht eine der Chancen für die flächendeckende Verbreitung der telemedizinischen Betreuung von chronisch Kranken im demografischen Wandel: „Die Telemedizin bietet hier die Möglichkeit, chronisch Kranke sektorenübergreifend zu versorgen. Patienten profitieren von einem patientenorientierten und personalisiertem Telemonitoring, einer effektiven und effizienten Verbesserung des Behandlungs- und Betreuungsprozesses und erhalten die Chance, ein besseres Verständnis für ihre Erkrankung zu entwickeln, die haus- und fachärztlichen Therapievorgaben besser zu befolgen und mögliche Exazerbationen bzw. Dekompensationen frühzeitig zu erkennen."

„Telemedizin ist nicht gleich Telemedizin! Die telemedizinische Betreuung muss durch ein Telemedizinisches Zentrum mit medizinischem und pflegerischem Fachpersonal (Ärzte und Krankenpfleger) gewährleistet werden, das 24 Stunden rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr für die betroffenen Patienten erreichbar ist", fordert Lewin. „Wichtig ist zudem, dass Telemedizin-Geräte einfach zu bedienen sind, um so eine hohe Akzeptanz und Eingliederung in Routineabläufe zu erreichen."

Ein wesentliches Hemmnis für den breiten Einsatz von Telemedizin-Programmen liegt nach Erfahrung von Lewin darin, dass bei den Krankenkassen, bevor sie sich für die Einführung eines Telemedizin-Programms entscheiden, intern langwierige und komplexe Entscheidungsprozesse ablaufen.

Die Telemedizin findet in den Bereichen Chirurgie, Dermatologie, Diagnostik, Kardiologie, Konsultation, Monitoring, Neurologie, Operation, Pathologie, Psychiatrie, Radiologie und Therapie Anwendung

 

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