Hygiene

Hochwertige Medikamente können Folgekosten senken

12.04.2010 -

Eine gewaltige Krankheits- und damit Kostenwelle rollt in den kommenden Jahrzehnten auf das deutsche Gesundheitswesen zu. Der Grund dafür sind die mit steigendem Alter zunehmenden Erkrankungen einer alternden Bevölkerung. Die dadurch für den Gesundheitssektor entstehenden Herausforderungen sind aus heutiger Sicht kaum abschätzbar.

Deshalb bereiten sich Politik und Industrie, Forschung und Wissenschaft, Leistungsträger und Leistungserbringer seit Jahren konzertiert darauf vor, bestmögliche Lösungen zu finden. Jeder verantwortungsvolle Realist weiß allerdings, dass wir erst am Anfang einer gefährlichen Situation stehen. Um die Lage einigermaßen zu meistern, helfen keine Einzellösung, sondern jede beteiligte Branche muss dazu beitragen, das Bestmögliche aus ihrem Bereich beizutragen.

Der Pharmaforschung kommt dabei eine bedeutende Rolle zu. Dank langjähriger Forschung gelingt es ihr immer wieder, hochwertige Medikamente zu entwickeln. Diese weisen neben ihrer hohen Wirksamkeit oft weitere Effekte auf, die dazu beitragen können, die Kosten der Leistungserbringer zu dämpfen. Allerdings erfolgt das nicht unbedingt über den Preis des Präparats, sondern - und das wird allzu oft übersehen - rechnet sich die Kostendämpfung durch Wegfall teurer Folgekosten.

Das Medikament Xarelto (Wirkstoff: Rivaroxaban; Bayer) ist ein passendes Beispiel. Es wird erfolgreich in der Prophylaxe von venösen Thromboembolien bei erwachsenen Patienten eingesetzt, die einen Hüft- oder Kniegelenksersatz erhielten. Das Präparat liegt in Tablettenform vor, wohingegen Vergleichspräparate gespritzt werden müssen. Die Tablettenform ist für den Patienten leicht anzuwenden und so hält er die Therapie problemlos durch. Das wiederum trägt dazu bei, ihn vor erneuten Klinikaufenthalten zu schützen und dem Gesundheitswesen erneute Kosten zu ersparen. Das sind wünschenswerte Effekte, die sich allerdings nicht sofort mit dem Medikament in Verbindung bringen lassen.

Ulrike Hoffrichter sprach über weitere Möglichkeiten zur Kosteneinsparung rund um dieses Medikament, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen lassen, mit Prof. Dr. Johannes Brachmann, Chefarzt der II. Medizinische Klinik (Kardiologie, Pneumologie, Angiologie) des Klinikums Coburg.

M & K: Xarelto trägt durch seine besondere Darreichungsform dazu bei, Kosten im Gesundheitswesen einzusparen: Welche weiteren ökonomischen Vorteile verbinden sich mit dem Präparat?

Prof. Dr. Johannes Brachmann:
Das Präparat kann in einer stabilen Dosierung in täglicher Tablettenform verabreicht werden. Das ist gerade für ältere Patienten von großer Bedeutung, die häufig aufgrund ihrer Multimorbilität schon mehrere Medikamente einnehmen müssen. Auch Interaktionen mit anderen Medikamenten sowie Nebenwirkungen über den Abbauweg, die die bisherigen Medikamente aufwiesen, werden durch Rivaroxaban vermieden.
Alternative Medikamente müssen durch eine tägliche Spritze gegeben werden. In der Langzeittherapie wird bei der Medikation mit Marcumar eine individuelle, täglich wechselnde Dosierung eingesetzt, die durch regelmäßige Bluttests kontrolliert werden muss. Hierzu muss der Patient in der Regel den Arzt mehrfach aufsuchen. Auch die Alternative einer Selbstmessung durch den Patienten ist aufwendig und kostspielig. In der Praxis gelingt es häufig nicht, die Patienten stabil einzustellen und damit das Risiko von Blutungen oder von thrombotischen Ereignissen adäquat zu senken.

Xarelto ist ein teures Medikament. Warum halten Sie den Preis trotzdem für gerechtfertigt?

Brachmann: Unter den heutigen Bedingungen der Zulassung für neue Medikamente ist der Aufwand für Neuentwicklungen extrem hoch. Man geht von Zulassungskosten bis zu 1 Mrd. US-$ für ein Medikament aus, sodass der Aufwand sehr hoch ist. Zudem besteht ein großes Risiko, dass sich entlang des Zulassungsweges Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten oder mangelhafte Wirksamkeit einstellt und damit die Entwicklung erfolglos bleibt.
Auch sind die Einnahmen aus laufenden Medikamenten die Grundlage für die Investition in die Entwicklung zukünftiger Medikamente, die in vielen Bereichen in der Medizin dringend benötigt werden. Daher ist die Kalkulation der Medikamentenpreise oft schwierig nachvollziehbar, insbesondere wäre eine europäische Preisgestaltung sehr wünschenswert.

Die Gesamtkostensituation wird oft nicht ausreichend berücksichtigt. Woran liegt das?


Brachmann:
Die Gesamtkostensituation in Kliniken wird durch das Vergütungssystem und die Gesamtbetrachtung von Budgets ganz wesentlich mitbestimmt. Dabei wird leider die Nachhaltigkeit von eingesetzten Therapieverfahren nur unzureichend berücksichtigt. Auch die potentiellen Einsparungen beispielsweise im Personalbereich sind in der Praxis nur sehr schwierig zu realisieren.
Trotzdem muss auch hier Berücksichtigung finden, dass Vereinfachungen und erhöhte Sicherheit bei Prozessen am Patienten zu einer insgesamt verbesserten Patientenzufriedenheit und Wirtschaftlichkeit beitragen.

Eine realistische Gesamtbetrachtung wäre sinnvoll, um die Ausgabensituation zu verbessern. Welche Möglichkeiten sehen Sie, hier Änderungen herbeizuführen?

Brachmann: Im Allgemeinen besteht ein nachhaltiger Bedarf an einer Langzeitplanung, die in der gegenwärtigen Organisation des Gesundheitssystems von allen beteiligten Teilnehmern nur sehr schwer umsetzbar ist. Vorrangig geht es um jährliche Diskussionen von Budgetdefiziten und Beitragserhöhungen. Dabei finden Investitionen, die getätigt werden müssen, um beim Langzeitverlauf von Patienten Kosten einzusparen, zu wenig Berücksichtigung, da sie im Gesundheitssystem zu wenig planbar sind.

Hier sollte eine Langzeitperspektive unter Mitwirkung aller der in der Gesundheitsversorgung beteiligten Gruppen erfolgen. Insbesondere aber muss auch eine ausreichende Mitwirkung der medizinischen Forschung erfolgen, die hier über die ausreichende fachliche Kompetenz verfügt. Ein solches Projekt könnte ganz wesentlich dazu beitragen, langfristig nachhaltig teure Folgekosten wie den Schlaganfall, der zu den aufwendigsten und belastendsten Krankheitsbildern zählt, in Zukunft besser zu vermeiden.

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