Medizin & Technik

Biomarker statt Computertomographie

11.07.2022 - Ein Biomarkertest, der kombiniert das gliale fibrilläre saure Protein und die Ubiquitin-Carboxyl-terminale Hydrolase L1 bestimmt, kann unnötige Kopf-CTs reduzieren.

Zur Diagnose von intrakraniellen Verletzungen wie Blutungen oder Ödemen bei Patienten mit leichtem Schädel-Hirn-Trauma, wird üblicherweise die Computertomographie eingesetzt. Nun weisen die Ergebnisse der ALERT-TBI-Studie deuten darauf hin, dass ein Test, der kombiniert das gliale fibrilläre saure Protein (GFAP) und die Ubiquitin-Carboxyl-terminale Hydrolase L1 (UCH-L1) bestimmt, unnötige Kopf-CT-Scans um 30 % reduzieren könnte. Im Interview erklärt Prof. Dr. Peter Biberthaler, Facharzt für Chirurgie, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München wie die Biomarker zum Ausschluss leichter Schädel-Hirn-Traumata eingesetzt werden können.

M&K: Der Ausschluss leichter Schädel-Hirn-Traumata mit Biomarkern ist noch relativ neu. Wie ist das klassische Vorgehen?

Prof. Dr. Peter Biberthaler: Zunächst erfolgt immer eine klinisch-neurologische Untersuchung der Patienten. Dazu gehört, die Schwere der Verletzung nach der bekannten Glasgow Coma Scale einzuschätzen. Andere klinische Faktoren sind zum Beispiel Übelkeit, Erbrechen, Erinnerungslücken usw. Anhand der Befunde wird entschieden, ob eine Computertomographie erforderlich ist oder nicht. Das Problem bei diesen klassischen Risikofaktoren ist allerdings, dass sie sehr unspezifisch sind. An einem Beispiel: Bei Patienten in den Notaufnahmen ist oft Alkohol im Spiel, da ist dieser unter Umständen die Ursache für Übelkeit und nicht eine intrakranielle Blutung.

Der Alinity i TBI ist ein Immunoassay zur quantitativen Bestimmung von Proteinen , die nach einem Schädel-Hirn-Trauma vermehrt freigesetzt werden. Welche Vorteile bringt si ein Biomarker-basierter Bluttest für dei Diagnostik?

Biberthaler: Zeigt der Test ein negatives Ergebnis, kann eine potenzielle intrakranielle Pathologie mit sehr hoher Sicherheit ausgeschlossen werden. Damit wird dann auch eine Computertomographie (CT) des Kopfes überflüssig. Ein weiterer Vorteil ist: Gerade nach einer vermeintlich leichten Verletzung dauert es einige Zeit, bis sich Symptome zeigen, die zu einem CT veranlassen. Die Level der genannten Proteine dagegen beginnen fast unmittelbar nach dem Ereignis anzusteigen – so erhält man mit dem Biomarker-Test sehr frühzeitig Hinweise auf eine mögliche Schädigung. Entsprechend kann man dann ein CT durchführen und, je nach Befund, direkt die passende Therapie einleiten.

Wie zuverlässig ist der Test, wie schnell zeigt er das Ergebnis an?

Biberthaler: Das entscheidende bei einem Ausschlussverfahren ist immer der negative Vorhersagewert. Der gibt in diesem Fall an, wie viele Betroffene, bei denen ein SHT mittels des Schnelltests nicht festgestellt wurde, auch tatsächlich gesund sind. Dieser negative Vorhersagewert ist bei diesem Test sehr gut, er liegt bei über 99 %. Und der Test zeigt das Ergebnis bereits nach ca. 18 Minuten an.

In welchem Zeitfenster nach einer KOpfverletzung kann der Test angewendet werden?

Biberthaler: Die beiden Parameter, auf die der Test untersucht, haben eine etwas unterschiedliche Kinetik. Eine offizielle Empfehlung dazu muss im Rahmen der Zulassungstests noch genau festgelegt werden. Aber vermutlich liefert der Test in einem Zeitfenster von ca. 12 Stunden nach dem Ereignis zuverlässige Ergebnisse.

Wie viele CT-Scans zur Abklärunge leichter Kopfverletzungen lassen sich mit dem Alinity i TBI-Labortest Iherer Einschätzung nach vermeiden?

Biberthaler: Wenn man ihn zielgerichtet, das heißt entsprechend der Spezifitäts- und Sensitivitäts-kriterien anwendet, kann man vermutlich mindestens ein Drittel solcher aufwendigeren Untersuchungen einsparen.

In welchen Einrichtungen sollte ein solcher Test zur Verfügung stehen?

Biberthaler: Wichtig wäre, dass der Test zunächst in allen Notaufnahmen zum Einsatz kommt. Je nach Testergebnis können dort weitere Untersuchungen bzw. Maßnahmen eingeleitet werden.

Für welche Patienten kommt eine Testung in Frage?

Biberthaler: Bei allen Personen mit Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma muss zunächst eine Untersuchung nach der Glasgow Coma Scale erfolgen. Bei einer Punktzahl von 13-15 ist der Test zu empfehlen. Der Test von Abbott ist für Personen ab 18 Jahren zugelassen.

Sind sich die Patienten Ihrer Erfahrung nach der möglcihen Folgen einers Shädel-Hirn-Traumas bewußt?

Biberthaler: Manche nehmen eine Gehirnerschütterung auf die leichte Schulter. Aber ein Schädelhirntrauma ist eine ernstzunehmende Verletzung, die man nicht unterschätzen sollte. Bei einem Verdacht sollte man deshalb unbedingt zum Arzt gehen. Immerhin treten sogar in fünf Prozent der Fälle mit leichtem Schädel-Hirn-Traumata intrakranielle Blutungen auf.

Welche Vorteile hat es für Patienten und medizinisches Personal, wenn auf CT-Scans verzichtet werden kann?

Biberthaler: Der augenscheinlichste Vorteil ist natürlich, dass die Strahlenbelastung wegfällt. Aber man hat auch weniger logistische Probleme. Viele Betroffene sind zum Beispiel nicht nüchtern, wenn sie in die Notaufnahme kommen. Manche wollen sich dann nicht untersuchen lassen und bleiben einfach nicht ruhig liegen. Es ist also nicht immer leicht, bei Menschen mit so einer Verletzung eine Computertomographie durchzuführen. Hier kann man sich einigen Aufwand und Stress ersparen, wenn man mit einem einfachen Test eine Blutung und Gefährdung ausschließen kann.

Zur Person

Nach seinem Medizinstudium an der Ludwigs-Maximilians-Universität München und Auslands­aufenthalten in den USA und Brasilien begann Prof. Dr. Peter Biberthaler 1996 an der Chirurgischen Klinik – Innenstadt der Universität München seine Ausbildung. Nachdem Facharzt für Chirurgie (2003), spezialisierte sich Biberthaler auf den Schwerpunkt Unfallchirurgie. 2007 schloss er seinen Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie ab. 2011 wurde er Lehrstuhlinhaber an der TUM. Prof. Biberthalers wissenschaftliche Aktivität fokussiert sich auf u. a. die Schwerstverletztenversorgung mit dem Teilgebiet der Schädel-Hirn-Verletzungen.

Kontakt

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