IT & Kommunikation

Digitalisierung richtig umgesetzt

27.01.2023 - Die Potentiale sind enorm und lassen sich heben, wenn dieser Prozess alle Beteiligte und Bereiche involviert. Wichtig sind stimmige Voraussetzungen und kluges Umsetzen.

Die Digitalisierung verändert alles – von der Prävention bis zur Nachsorge. Im Zuge des Krankenhauszukunftsgesetzes (KHZG) investieren die Krankenhäuser in die Digitalisierung. Am Universitätsklinikum Tübingen kümmert sich Professor Dr. Dr. Martin Holderried als Leiter des Zentralbereichs Medizin und Chief Medical Information Officer (CMIO) um die strategische Ausrichtung und Umsetzung der Digitalisierung in der Medizin. Er vermittelt einen Einblick in die Erfordernisse der Digitalisierung der Krankenhäuser.


M&K: Was ist Ihnen bei der Digitalisierung in Krankenhäusern besonders wichtig?  

Prof. Dr. Dr. Martin Holderied: Für die erfolgreiche Digitalisierung im Gesundheitswesen ist es essenziell, die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Vor allem die der Patienten sowie der Beschäftigten in ihren verschiedenen Rollen und Strukturen. Nur so gelingt es, die vielfältigen Potenziale der Digitalisierung für eine bestmögliche Gesundheitsversorgung nachhaltig für alle Beteiligten nutzbar zu machen. Die IT ist ein wichtiger Partner für die technische Architektur und Umsetzung sämtlicher Digitalisierungsprojekte – geleitet von den fachlichen Bedürfnissen aus den unterschiedlichen Perspektiven. Somit sind Investitionen in innovative und völlig neue Versorgungsprozesse zwingend. Diese neuen Versorgungsprozesse, in denen die Grenzen von Raum und Zeit zunehmend überwunden werden, erfordern wiederum zahlreiche Änderungen von Strukturen, Prozessen und Kompetenzen der Beschäftigten. Folglich ist die Digitalisierung im Krankenhaus im Wesentlichen ein Organisationsentwicklungsprozess für alle Berufsgruppen und über alle Hierarchieebenen hinweg – also deutlich mehr als ein Investitionsprogramm in die IT.

In welche weiteren größeren Kapitel gliedern Sie das breite Feld der Digitalisierung in der Klinik?

Holderried: Die Weiterentwicklung der zunehmenden Personalisierung in der Medizin ist ein weiteres großes Kapitel. Entscheidend hierfür ist, individuelle Gesundheitsdaten bedarfsgerecht, einfach und vor allem sicher nutzbar zu machen. Dies gelingt mit dem Aufbau einer sicheren und idealerweise multicloudbasierten Gesundheitsdateninfrastruktur, die sich sowohl standort- als auch sektorenübergreifend nutzen lässt. Denn die häufige Annahme, dass die in Rechenzentren hinter den Klinikmauern gespeicherten Gesundheitsdaten zwangsläufig sicherer und nutzbarer seien als in dafür geeigneten Cloud-Strukturen, ist überholt. Letztere sind inzwischen um einiges sicherer und oft besser als viele lokale Anwendungen. Um die Cloudkosten für Krankenhäuser im Griff zu behalten, sollte die Cloudstrategie von Beginn an von einem professionellen Cloudfinanzmanagement – den sogenannten „FinOps“ – begleitet werden.

Die Kliniken müssen also den Blick über das eigene Krankenhausinformationssystem hinweg ausdehnen. Nur so können sie die Gesundheitsdaten bestmöglich mit ihren Patienten, Mitbehandelnden und Forschenden austauschen und sie für die Fortentwicklung der künstlichen Intelligenz in der Medizin und Pflege verwendbar machen.

Auch die Robotik und das 3D-Printing sind wichtig für die digitale Zukunftsmedizin. Verglichen mit den Entwicklungen in anderen Branchen sind wir hier noch in einem frühen Entwicklungsstadium mit sehr viel Potenzial. Gezielte Innovations- und Translations-Hubs sowie Entwicklungspartnerschaften mit Forschungseinrichtungen und der Industrie eignen sich sehr gut für schnellere Entwicklungen in diesen Bereichen. Die kontinuierliche Weiterentwicklung der Informationssicherheit und Resilienz sämtlicher kritischer Infrastrukturen im Gesundheitswesen sind in diesem Kontext ebenfalls besonders relevant.

Um alle Kapitel der Zukunftsmedizin effizient, effektiv und sicher gestalten zu können, ist ein standortübergreifendes Vorgehen unerlässlich. Bei den IT-Services idealerweise mit spezialisierten Health-IT-Organisationen, die Multicloud-, Security- und weitere Services standortunabhängig für mehrere Kliniken anbieten können.  

Holderried
Prof. Dr. Dr. Martin Holderried

Wie gelingt die Einführung von digitaler Technologie im Krankenhaus?

Holderried: Wichtig ist immer, dass nicht die Einführung von neuen Technologien im Vordergrund steht oder System- und Technikinnovationen gar die Treiber für konkrete Projekte sind. Die Einführung und die nachhaltige Umsetzung innovativer digitaler Versorgungsmodelle gelingen nur, wenn die mit allen Beteiligten erarbeiteten bedarfsorientierten Versorgungsstrukturen- und -prozesse das Zentrum des Geschehens bilden. Die digitale Technologie hat hierbei grundsätzlich die Rolle des „Enablers“, ist also ein wesentlicher Partner für die Realisierung. Unterstützt werden kann dies durch ein klinikübergreifend agierendes Team von Projekt-, Prozess- und Digitalisierungsmanagern in Zusammenarbeit mit IT-Projektmanagern für das Erarbeiten und Umsetzen der hochkomplexen technischen Architekturen.

Ferner ist das Einhalten von Standards für den Datenaustausch im Gesundheitswesen unabdingbar. Hier ist „FHIR“ – Fast Healthcare Interoperability Resources – inzwischen ein etablierter internationaler Standard.

Gibt es Tendenzen, die Sie eher zurückhaltend betrachten und was wünschen Sie sich für die Beschäftigen der Gesundheitsberufe?

Holderried: Vielerorts werden hohe Investitionen in die Krankenhaus-IT-Organisation als Garanten für die Digitalisierung gesehen. Die größten Aufwände und wesentlichen Erfolgsfaktoren liegen jedoch in der Entwicklung von innovativen Strukturen und Prozessen für die digitale Gesundheitsversorgung. Dazu gehört das Erlernen von neuen Kenntnissen und Fähigkeiten der Beschäftigten in Medizin, Pflege und sämtlichen weiteren Gesundheitsberufen. Auch die Begleitung der Patienten bei der zunehmenden Digitalisierung wird bisher oft unzureichend berücksichtigt. Diese Themen müssen künftig verstärkt adressiert werden. Daher ist es unabdingbar, wesentliche Elemente der Digitalisierung strukturiert in sämtliche Ausbildungs- und Studiengänge sowie in Fort- und Weiterbildungsprogramme für bereits existente Gesundheitsfachberufe zu integrieren. Die Implementierung völlig neuer Skills erfordert gleichwohl auch die Erarbeitung und Etablierung gänzlich neuer Gesundheitsberufe wie die des „Telecaremanagements“. Hier sammeln wir im Rahmen von eigenen Forschungsprojekten bereits sehr positive Erfahrungen.

Ein weiterer Wunsch für die Beschäftigten und insbesondere auch für die Patienten betrifft die einfache Verständlich- und Nutzbarkeit sowie die Barrierefreiheit der digitalen Gesundheitsanwendungen – erlernbar ohne große Schulungen. Die barrierefreie Nutzung von digitalen Anwendungen auf Tablets, Smartphones und Smartwatches darf keine Ausnahme mehr sein.

Mit dem KHZG werden den Krankenhäusern bundesweit bis 2024 über 4 Milliarden Euro für deren Modernisierung zur Verfügung gestellt. Wie geht es danach weiter?

Holderried: Die Förderung im Rahmen des KHZG ist eine gute Anschubfinanzierung für die Digitalisierung in vielen Kliniken. Daher werden bereits jetzt die Rufe nach einer entsprechenden Anschlussförderung laut.
Werden die Potenziale der Digitalisierung von den Krankenhäusern vollumfänglich nutzbar gemacht, dürfen die sektorenübergreifenden Versorgungsprozesse allerdings nicht teurer werden. Genau das Gegenteil muss eintreten, unter Beibehaltung oder gar Verbesserung der Versorgungsqualität für die Patienten – wie dies bereits aktuelle Studien aufzeigen.

Eine projektierte Anschlussförderung steht damit nicht primär im Fokus, sondern das Forcieren der ganzheitlichen Digitalisierung der Kliniken einschließlich sämtlicher administrativer Prozesse. Nur so wird es uns gelingen, die Potenziale der Digitalisierung und damit verbundene Qualitäts- und Effizienzsteigerungen auch für die Kliniken lückenlos nutzbar zu machen. Weiterhin müssen geeignete Vergütungsmodelle für die zunehmend telemedizinbasierte Patientenversorgung weiterentwickelt werden – auch für die Krankenhäuser.

Autor: Claudia Schneebauer, Saarlouis

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