Hygiene

Infektionen, Erreger und Hygiene – nach der Pandemie

07.05.2021 - Während der Pandemie sind alle Hygienepro­bleme und -maßnahmen im Krankenhaus in den Hintergrund getreten.

Was lässt sich aus der Pandemie für nosokomiale Infektionen und multiresistente Erreger (MRE) also lernen? Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene hat errechnet, dass in Deutschland jährlich etwa 30.000 bis 40.000 Patienten an einer nosokomialen Infektion sterben. Diese Zahl haben die Todesfälle während der Pandemie in Deutschland inzwischen übertroffen. Dabei wird kein Unterschied gemacht, ob jemand „an“ oder „mit“ Corona verstorben ist. Ähnlich ist es bei den Krebskrankheiten. Insofern muss bei nosokomialen Infektionen die leidige Diskussion beendet werden, ob jemand „an“ oder „mit“ der nosokomia­len Infektion verstorben ist. Todesfälle im Zusammenhang mit einer nosokomialen Infektion müssen in jedem Fall gezählt werden.

Es gibt nicht wenige Experten, die schon länger von einer MRE-Pandemie sprechen. Vom Centers for Disease Control and Prevention (CDC) wird geschätzt, dass jedes Jahr 700.000 Menschen an MRE-Infektionen sterben. Allein in den USA sind das jedes Jahr 23.000 bei zwei Millionen Erkrankungen durch MRE. Prognosen gehen davon aus, dass im Jahr 2050 weltweit zehn Millionen Menschen an MRE sterben werden. Das CDC schätzt, dass MRE das Potential haben, jeden zu infizieren und zu töten, das Gesundheitswesen und die moderne Medizin zu schwächen sowie die Wirtschaft zugrunde zu richten. Die Welternährungsorganisation sieht die Antibiotika-Resistenz als Zeitlupen-Pandemie, die gefährlicher als COVID-19 sein könnte. Der Kampf gegen nosokomiale Infektionen und die weitere Ausbreitung von MRE müssen also wie der Kampf gegen die Corona-Pandemie geführt werden – allerdings wissens- und faktenbasierter und ohne Lockdown.

Die Pandemie hat gezeigt, dass in Deutschland unzureichend Schutzausrüstung für Personal vorhanden ist und dass dieses darüber hinaus zum allergrößten Teil aus dem Ausland, vor allem China, importiert wird. Anfang 2021 kann nicht gesehen werden, dass die vollmundigen Versprechen der ­Politiker, wonach man Eigenproduktion in Deutschland fördern wolle, in irgendeiner relevanten Weise umgesetzt ­wurden. Die meisten FFP2-Masken in den Krankenhäusern kommen weiterhin aus China und haben daher überwiegend den Standard KN95. Dabei zeigt sich, dass viele dieser Masken minder­wertig sind und Probleme beim Tragen verursachen, die zu Leckagen führen. Auch Anfang 2021 dürften viele der Masken weiterhin Fake-Produkte sein.

An der Anschaffung aus dem Ausland wird sich wohl kaum etwas ändern, denn der Preis wird entscheiden. Allerdings sind in COVID-Bereichen Aus­brüche beim Personal extrem oft auf Leckagen zurückzuführen, die auf schlecht sitzende und teilweise auch schlecht anmodellierte Masken zurückzuführen sind. Hier muss vermehrt auf qualitativ hochwertige Masken gesetzt werden, auch wenn sie teurer sind, und die Eigenkontrolle des Personals (gut sitzende Masken verursachen erheb­liche Atemarbeit) muss geschult werden.

Unter Personalmangel leidet besonders auch die Hygiene
In den vergangenen Jahrzehnten ist insbesondere im Pflegebereich ein massiver Abbau bei qualifizierten Kräften erfolgt. Dies wurde bereits vor der Corona-Pandemie festgestellt. Und unter dem Personalmangel leidet auch die Hygiene, denn dann ist beispielsweise nicht mehr ausreichend Zeit zur Händedesinfektion vorhanden. Die Pandemie hat die Dramatik des Personalmangels noch deutlicher gezeigt: Deutschland verfügt über ausreichend Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeiten – der limitierende Faktor ist das unzureichend vorhandene qualifizierte Personal, das diese Geräte bedienen kann. Die Politik ist gefordert, insbesondere Pflegeberufe attraktiver zu machen und besser zu bezahlen. Der Weg zu Personaluntergrenzen, der vorher schon begangen wurde, muss fortgeführt werden, auch wenn anfangs die Umsetzung – mangels qualifizierten Personals – problematisch ist.

In den vergangenen Jahren war die mehrheitliche Meinung, dass Deutschland zu viele Krankenhäuser und Betten hat. Nun hat gerade die Pandemie gezeigt, dass dies von Vorteil war und dass insofern in Deutschland keine Verhältnisse wie in Italien zu erwarten waren. Es wird also künftig zu überlegen sein, ob man tatsächlich Krankenhäuser in dem Umfang schließt wie geplant. Krankenhäuser geschlossen als „stille Reserve“ vorzuhalten, wird keinen Sinn machen, weil ihre Funktionsfähigkeit nur gegeben ist, wenn das entsprechende Personal vorhanden und eingearbeitet ist.

Während der Pandemie wurden vermehrt Desinfektionsmaßnahmen durchgeführt und das Tragen von Masken war üblich. Dies hat dazu geführt, dass 2020 und auch Anfang 2021 Infektionen mit Noroviren (minus 80 % in 2020 gegenüber 2019), Rotaviren (minus 80 %) und Keuchhusten (minus 65 %) massiv abgenommen haben (Auswertung des Robert Koch-Instituts). Abnahmen, wenngleich weniger deutlich, zeigen sich auch bei den meisten MRE. Die Frage ist also, ob nach Ende der Pandemie zumindest ein Teil der Maßnahmen weiter propagiert werden sollte – ggf. spezifisch auf bestimmte Situationen zugeschnitten. Dabei ist auch der Ansatz der Hygiene-Hypothese zu bedenken: Die Auseinandersetzung mit Infektionen stärkt unser Immunsystem. Führen weniger Infektionen, beispielsweise durch häufiges Masken-Tragen, zu einer verminderten Abwehrfähigkeit, wie sind die Auswirkungen auf unser Mikrobiom?

Aufklärung in der gesamten Bevölkerung nötig

Es bedarf ferner einer stärkeren Aufklärung der Bevölkerung über Hygiene und Mikroorganismen. Dies betrifft einfache Regeln des täglichen Lebens, wie z. B. den Umgang mit Lebensmitteln, aber auch mit multiresistenten Erregern. Die hohe Durchseuchung der Bevölkerung insbesondere mit multiresistenten gramnegativen Erregern (bis zu 10 %) ist nicht allein durch Maßnahmen im Krankenhaus zu regulieren oder gar zu mildern, sondern bedarf der Aufklärung und weiter gehender Ansätze in der gesamten Gesellschaft, die überwiegend noch zu entwickeln sind. Die verstärkte Aufklärung kann nur ein erster Schritt sein.

Schon in der Vergangenheit wurde darauf hingewiesen, dass eine „Vision Zero“ für nosokomiale Infektionen auf den Weg gebracht werden sollte. Solche Initiativen gibt es in der Luftfahrt, im Arbeitsschutz, für die Verkehrssicherheit und sie sind alle Erfolgsmodelle. Inzwischen wird Ähnliches auch für Krebserkrankungen gefordert. Von amerikanischen Behörden (CDC, NHSN, AHRQ) werden seit 2013 Ziele vorgegeben, die Raten wichtiger nosokomialer Infektionen um bis zu 50 % zu senken. In Deutschland fordert nunmehr auch der Bundesverband Medizintechnologie eine Reduktion der nosokomialen Infektionen um 20 % innerhalb von fünf Jahren. Dies ist ein guter Ansatz.

Insofern: Der Schwung aus der Bekämpfung der Corona-Pandemie muss mitgenommen werden in die Arbeit gegen nosokomiale Infektionen und multiresistente Erreger. Durch sie verursachte Todesfälle sind genauso unerträglich wie solche durch das Corona-Virus.

Autor: Prof. Walter Popp, HyKoMed, Dortmund

 

Terminhinweis auf den Wiley Industry Days:

"Was lernen wir aus der Pandemie?"

Speaker: Prof. Walter Popp, HyKoMed, Dortmund

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