IT & Kommunikation

Mobile Helfer für Vorsorge und Therapie

28.09.2021 - Universitätsklinikum Bonn plädiert für zügige Digitalisierung in der Krebsmedizin.

Im Gesundheitswesen geht der Trend verstärkt in Richtung vernetzter Strukturen und mobiler Endgeräte. Für Vorsorge und Therapie sind bereits zahlreiche Apps erhältlich. Einige davon, die Digitalen Gesundheitsanwendungen (DiGA), können seit 2020 vom Arzt verordnet werden. Auch in der Krebsmedizin kommt die Entwicklung der digitalen Anwendungen zügig voran. Das Centrum für Integrierte Onkologie Bonn (CIO Bonn) am Universitätsklinikum Bonn (UKB) zusammen mit dem Johanniterkrankenhaus hat diese Entwicklung unter Führung des UKB zum Thema des diesjährigen Krebs-Informationstags gemacht. Am vergangenen Samstag konnten sich ca. 400 Interessierte und Betroffene ausführlich über die Bedeutung und Vorteile der mobilen Helfer und viele andere Themen einer modernen Krebsmedizin informieren.

Apps zur Vorsorge, Therapiebegleitung oder Videosprechstunde werden immer gefragter. Aus Daten der EPatient Survey 2020 (repräsentativ für 92% der Internetnutzer) geht hervor, dass elf Prozent, also 7,9 Mio. Patienten, über eine App zum richtigen Umgang mit verordneten Arzneimitteln verfügen, beispielsweise Erinnerungssysteme. Fünf Prozent nutzen eine App oder ein Online-Programm bereits sogar zur Behandlung in der Klinik oder Reha.

„Der Wandel hin zur mehr Digitalisierung in der Krebsmedizin erweist sich jetzt schon als sehr nützlich – sowohl für die Patienten als auch für das Klinikpersonal“, sagt Prof. Peter Brossart, Direktor und Vorstandsvorsitzender CIO Bonn, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik III – Abteilung für Onkologie, Hämatologie, Immunonkologie, Stammzelltransplantation und Rheumatologie am UKB. Er führt ein Beispiel an: „Es gibt z.B. eine amerikanische Studie (Basch E. et al: Overall Survival Results of a Trial Assessing Patient-Reported Outcomes for Symptom Monitoring During Routine Cancer Treatment.JAMA. 2017;318(2):197-198), die belegt, dass Krebspatienten, die während einer Chemotherapie ein digitales Symptomtagebuch führten und bei Verschlechterungen ihre Pflegenden in Echtzeit informiert haben, länger lebten als die Patienten der Kontrollgruppe, die ihre behandelnden Ärzte über die Verschlechterungen in Telefonaten oder bei regelmäßigen Kontrollterminen informierten.“

Dennoch müssen Patienten – wie auch bei jeder digitalen Anwendung – auf die Qualität der Angebote achten. Priv.-Doz. Dr. Zenker, Ärztlicher Leiter der Stabsstelle Medizinisch-Wissenschaftliche Technologieentwicklung und -koordination (MWTek) am UKB, erläutert: „Eine hochwertige App oder ein anderes digitales Hilfsmittel stellt selbst zwar keine Diagnose und schlägt auch keine Therapieoptionen vor. Digitale Anwendungen – mit einem geeigneten Zertifikat – können Diagnostik und Therapie unterstützen, ersetzen aber nicht den Arzt. Verspricht eine App etwas anderes, ist Vorsicht geboten. Auch sollten Patienten sehr genau prüfen, welche ihrer vertraulichen Gesundheitsdaten sie bei der Nutzung medizinischer Apps wem zur Verfügung stellen.“

Prof. Ingo Schmidt-Wolf, Direktor der Abteilung für Integrierte Onkologie am UKB, mahnt ebenfalls zu mehr Sorgfalt, vor allem beim Thema Datenschutz. „Die Patientendaten sind ein sensibles Gut, das beim Erwerben mancher Anwendungen bei fehlender Umsicht in die falschen Hände gelangen könnte. Weniger problematisch sind Apps mit dem Ziel, die Lebensqualität von Krebspatienten zu verbessern.“

Personalisierte Krebsmedizin dank Digitalisierung

Gerade in der Onkologie ist eine Vernetzung mit anderen Disziplinen essentiell. Nur dann ist eine exzellente, ganzheitliche und personalisierte Krebsmedizin möglich. „Am CIO Bonn sind deswegen 61 verschiedene Kliniken, Institute und Abteilungen des UKB an der Behandlung unserer Krebspatienten beteiligt. In Tumorboards besprechen die interdisziplinären Fachvertreterinnen und -vertreter individuell die besten Behandlungsoptionen für jeden Patienten,“ so Prof. Wolfgang Holzgreve, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender am UKB. Zusätzlich nehmen sich Patientenlotsen am CIO Bonn Zeit für persönliche Fragen, Nöte und Sorgen.

Die Digitalisierung spielt auch bei der Personalisierung eine entscheidende Rolle. Prof. Y.-D. Ko, Ärztlicher Direktor, Chefarzt Innere Medizin I am Johanniter-Krankenhaus in Bonn und Co-Direktor im Comprehensive Cancer Center CIO Bonn, führt aus: „Patienten aus der gesamten Region müssen auf der einen Seite Kenntnis und Zugang zu komplexen High-End-Therapieverfahren am Onkologischen Zentrum haben und auf der anderen Seite eine optimale Behandlung wohnortnah erfahren können. Am Zentrum können so u.a. in klinischen Studien weitere Fortschritte erzielt werden. Wohnortnah können innovative Standardverfahren eingesetzt werden, ohne dass die Patienten weite Strecken auf sich nehmen müssen. Die Digitalisierung, insbesondere Telematikstrukturen, kann dabei sehr gut unterstützen.“

Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) nehmen die Krebserkrankungen in der Bundesrepublik Deutschland mit ca. 230.000 Todesfällen pro Jahr nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen den zweiten Platz in der Rangfolge der Todesursachen ein. Die Zahl der jährlich neu auftretenden Krebserkrankungen ist insbesondere infolge des Alterungsprozesses der deutschen Bevölkerung gestiegen. Derzeit ist die häufigste Krebserkrankung bei Männern der Prostatakrebs, gefolgt vom Lungen- und Darmkrebs, bei Frauen der Brustkrebs, gefolgt vom Darm- und Lungenkrebs. Jährlich erkranken insgesamt etwa 492.000 Menschen neu an Krebs, Das Überleben hängt vielfach vom Zeitpunkt der Entdeckung einer Krebserkrankung ab. Je früher Krebs erkannt und die oder der Betroffene einer qualifizierten Behandlung zugeführt wird, desto größer ist die Aussicht auf einen Heilerfolg.
 

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