Qualitätsindikatoren für die Intensivmedizin

  • Prof. Dr. Maria Deja, Charité (Foto: Charité).Prof. Dr. Maria Deja, Charité (Foto: Charité).

Wenn es um die Bedürfnisse der Patienten geht, sind Veränderungen oft unumgänglich. Durch ihre Tätigkeit in verschiedenen Leitungsfunktionen hat Prof. Dr. Maria Deja, ­Charité, erkannt, wie ­optimale bauliche Strukturen im Klinikum dazu beitragen, die Qualität verschiedenster Anforderungen im Klinikum zu verbessern.

M & K: Welchen Ansatz verfolgt die Medizin heute im Hinblick auf Intensiv-Patienten?

Prof. Dr. Maria Deja: Patienten und Angehörige bewerten wie Intensivmediziner mehr und mehr Langzeitergebnisse im Sinne von Lebensqualität nach intensivmedizinischer Behandlung. Wir haben nun auch endlich in Deutschland 10 Qualitätsindikatoren für die Intensivmedizin etablieren können, die für das Langzeitergebnis relevant sind und deren Umsetzung mithilfe sog. „Peer Review-Verfahren" unterstützt wird. Aus eigenen Studien wissen wir, dass Jahre später ein Drittel der ehemals Schwerkranken unter schweren und zwei Drittel der Schwerkranken unter leichten und anhaltenden kognitiven Störungen leiden, die mit dem Auftreten von Verwirrung und Angst während des Aufenthaltes auf der Intensivstation verknüpft sind.

Was bedeuten diese offenbar neueren Erkenntnisse im klinischen Alltag?

Prof. Dr. Maria Deja: Wir müssen eine Art Dominoeffekt stoppen und den negativen Faktoren neue Strategien entgegensetzen. Negative Faktoren, die auch durch bauliche Strukturen beeinflusst sein können, sind z. B. Immobilität mit Verlust von Muskelkraft und das Auftreten von Delir, das mit Angst vergesellschaftet ist. Hauptgründe für Delir und Immobilität sind z. B. Infektionen und unnötig tiefer Schlaf, der durch die Verabreichung von Schlafmitteln in zu hoher Dosis bzw. durch die Verabreichung von Schmerzmitteln in zu geringer Dosis entsteht.

Wir wissen heute, dass wachere Patienten weniger Infektionen erleiden, hinterher weniger kognitive Störungen haben, kürzer auf der Intensivstation behandelt werden müssen und dazu größere Überlebenschancen haben. Eine geringere Behandlungsdauer reduziert die ohnehin hohen Kosten der Intensivbehandlung.

Wachheit am Tage mit Muskeltraining braucht Schlaf in der Nacht. So wie beim Gesunden spielt also ein Tag-Nacht-Rhythmus (zirkadianer Rhythmus) eine wichtige Rolle.

Welche baulichen Konsequenzen haben Ihre Forderungen?

Prof. Dr. Maria Deja: Aus unserer Sicht sollten bauliche Strukturen neben funktionalen Anforderungen eine Mobilisierung des Patienten unterstützen, unnötigen Lärm vermeiden, gute Lichtverhältnisse liefern und so auch Angst nehmen und Infektionen im Krankenhaus vermeiden. Nicht zuletzt können sie Arbeitsabläufe strukturieren und Modulsysteme zur Belieferung mit Verbrauchsmaterialien unterstützen und so unnötige Wege vermeiden.

Wie kann das gelingen - welche gestalterischen Parameter spielen dabei eine Rolle?

Prof. Dr. Maria Deja: Das fängt mit elektrischen Betten an, die eine Oberkörperhochlagerung und das Sitzen im Bett leichter machen und stundenlanges Betrachten einer tristen Zimmerdecke verhindern, und reicht bis zu modernen Mobilisierungssysteme, die eine frühzeitige und an die Kräfte des Patienten angepasste Physiotherapie ermöglichen. Die Gestaltung der Decken und regulierbares Licht können den Schlaf verbessern. Eine wohnliche Atmosphäre für Patienten und Angehörige hilft, Angst zu nehmen. Uhren, Bilder, Medien für den Patienten unterstützen bei der Orientierung und mildern die Hilflosigkeit und die totale Abhängigkeit von Helfern und Angehörigen. Möbel mit Oberflächen, die Erregern keine gute Haftung bieten und leicht zu reinigen sind, sollten die Ausbreitung von resistenten Erregern verhindern können und der Vermeidung von Lärm im Zimmer dienen.

Wie müssten die baulichen Strukturen ausgerichtet sein?

Prof. Dr. Maria Deja: Die Raumausstattung sollte Lärm mindern. Messungen auf Intensivstationen ergeben in Studien Werte, die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um das Mehrfache überschreiten, was zu Schlafunterbrechungen und Schlafentzug führen kann. Türen sollten deshalb automatisch geschlossen bzw. nur aktiv zu öffnen sein. Die Lautstärken der Lüfter herkömmlicher Klimaanlagen verlangen nach Bauweisen, die weniger Lärm und dazu weniger Energiekosten verursachen. Automatisch schließende Türen könnten auch die Verbreitung von Erregern z. B. über Türklinken verringern. Schränke sollten aus unserer Sicht mobil sein, sodass das Auffüllen und ein sorgfältiges Reinigen dieser Schränke auch außerhalb des Zimmers erfolgen kann, was auch dem Schlafrhythmus der Patienten zugutekäme.

Zimmer müssen ausreichend groß sein, sodass Patienten aus dem Bett mobilisiert werden können. Heute spricht man von einer „Walking ICU". Das bedeutet, dass auch beatmete Patienten auf der Station oder im Zimmer am Beatmungsgerät gehen oder im Bett z. B. mit einem sog. Bettfahrrad üben können. In einigen Ländern Europas wird der Einbau von Mobilisierungssystemen beim Neubau einer Intensivstation sogar vorgeschrieben. Dafür sind aber ausreichend große Zimmer erforderlich.

Architektonischer Gestaltung wird schnell als dekorativer Kostentreiber gesehen.

Gibt es Argumente, die Kosten reduzieren könnten?

Prof. Dr. Maria Deja: Unbedingt, Maßnahmen, die die Liegedauer auf der Intensivstationen verringern können, sind in aller Regel aus ökonomischer Sicht mehr als sinnvoll, weil ein Behandlungstag auf der Intensivstation nicht selten mit Kosten von 800 bis 1.200 €/Tag verbunden sind. Auch die Vermeidung nur einer Infektion im Krankenhaus spart leicht fünfstellige €-Beträge.

Bauweisen, die wohnlich sind, müssen nicht zwangsläufig teurer sein. Mehrere Waschbecken in Zwei-Bett-Zimmern sind aus heutiger Sicht nicht sinnvoll und können sogar Kosten reduzieren. Licht muss für die verschiedenen Anforderungen wie Schlafen, kleinere Operation wie etwa Wechsel besonderer Wundverbände oder Pflege am Bett flexibel einstellbar sein. Dadurch können Transporte in den OP entfallen, OP-Kapazitäten geschont werden und anderweitig gewinnbringend genutzt werden.

Ich behaupte, eine wohnliche Ausstattung muss nicht mehr kosten als herkömmliche Intensivstationsbauten, in denen auch unnötige Elemente verbaut werden, die den Preis unnötig nach oben treiben. Mut ist gefragt, wir wollen wie andere Kollegen hier neue Wege gehen.

Wie kommen Ihre Forschungsergebnisse anderer Arbeitsgruppen auf der Welt in der Praxis, z. B. bei den Akteuren, also den Entscheidern (Management) im eigenen Hause und auch den Architekten und Gestaltern an?

Prof. Dr. Maria Deja: Krankenhausbau und auch die Gestaltung von Intensivstationen werden zunehmend aus der Perspektive des Patienten auch von Architekten, Ingenieuren wahrgenommen. Wir arbeiten so z. B. aktuell an der Entwicklung von Modellzimmern im Rahmen wissenschaftlicher Untersuchungen, um den Nutzen von Licht, Lärmvermeidung und Systemen zur Verbesserung der Mobilisation mit mehr Evidenz zu belegen.◾

Zur Person

Nach ihrem Medizinstudium an der FU Berlin habilitierte Frau Prof. Dr. Maria Deja 2010 an der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Charité über die Behandlung des akuten Lungenversagens mit besonderer Berück­sichtigung der Lebensqualität. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit in Klinik und Forschung ist das Infektionsmanagement in der Intensivmedizin. Nicht zuletzt führten Leitungsfunktionen im Projekt zur Reorganisation der Intensivmedizin, die Mitwirkung im DIN-Ausschuss und Arbeiten zur Standardisierung von Verbrauchsmaterialien dazu, sich mit den baulichen Strukturen im Krankenhaus zu befassen.

 

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