Familienfreundlichkeit wird zum Wettbewerbsfaktor

Familienfreundlichkeit wird zum Wettbewerbsfaktor: Um für qualifizierte Bewerber attraktiv zu bleiben, werden Kliniken ihren Mitarbeitern künftig verstärkt Möglichkeiten bieten müssen, Beruf und Familienleben miteinander zu verbinden.

Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes muss in Deutschland in den kommenden 20 Jahren mit bis zu 12% mehr Krankhausbehandlungen gerechnet werden. Der schon heute spürbare Mangel an Fachkräften, besonders bei Ärzten, wird sich somit weiter verstärken. Schon heute sind 80% der deutschen Krankenhäuser nicht in der Lage, offene ärztliche Stellen zu besetzen. Zugleich zeigen die neuesten Zahlen der Bundesärztekammer, dass der Anteil der Frauen an der Gesamtzahl der Ärzte zunimmt. Im Jahr 2010 lag dieser bereits bei 44%.

Auf diese Entwicklungen werden sich die Führungskräfte in Kliniken künftig einstellen und ihre Beschäftigten in der Familien- und Freizeitplanung besser unterstützen und gleichzeitig die berufliche Karriereentwicklung fördern müssen. Denn die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werde künftig auch im Krankenhausbereich zum knallharten Wettbewerbsfaktor um qualifiziertes Personal, betonte Josef Hecken, Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, auf dem Fachkongress „Unternehmen Krankenhaus der Zukunft - Fachkräftebindung durch familienbewusste Personalpolitik", der im Februar in Berlin stattfand.

Ein Patentrezept gibt es nicht

Denn zahlreiche Studien der letzten Jahre belegen, dass Unternehmen mit einer familienfreundlichen Außenwirkung bei der Personalrekrutierung und -bindung Vorteile gegenüber solchen haben, die kein familienfreundliches Image pflegen.

Ein Patenrezept für „das" familienfreundliche Krankenhaus gibt es allerdings nicht. Vielmehr sind passgenaue Lösungen zu finden, die sowohl die Bedürfnisse der Beschäftigten als auch die Möglichkeiten des individuellen Unternehmens berücksichtigen und miteinander in Einklang bringen. Viele Krankhäuser hätten das Problem bereits erkannt. Oft fehle es jedoch an einem sinnvollen Gesamtkonzept, um familienfreundliche Strukturen in der Klinik nachhaltig zu verankern, beklagt Dr. Magdalena Benemann, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin des Marburger Bundes, der 2007 die Kampagne „Für ein familienfreundliches Krankenhaus" initiierte.

Diese sollte Krankenhäusern Hilfestellung beim Implementieren familienfreundlicher Strukturen geben.

Will sich eine Klinik Familienfreundlichkeit auf die Fahnen schreiben, muss sie ihren Mitarbeitern neben Kinderbetreuungsangeboten auch flexible Arbeitszeitmodelle und Teilzeitstellen sowie Wiedereinstiegsprogramme nach der Elternzeit anbieten können.

Mitarbeiter mit Kindern brauchen vor allem relative Planungssicherheit bei flexibler Dienstzeitgestaltung. Erreichen lässt sich dies u. a. durch eine Planung der Dienstzeiten mit ausreichend Vorlauf und der Möglichkeit, individuelle Wünsche zu berücksichtigen. Diese sollten allerdings den Arbeitsabläufen wie Sprechstunden, Patienteneinbestellung, Terminierung der Funktionsdienste und OP-Planung angepasst und mit der Dienstplanung abgestimmt werden.

Starre Dienstpläne waren gestern

Bei der Ausgestaltung flexibler Arbeitsmodelle und Teilzeitkonzepte ist vieles möglich. Denkbar ist neben der klassischen Teilzeit, bei der lediglich die tägliche Arbeitszeit reduziert wird, die Tätigkeit an bestimmten Tagen, wochenweise oder in Gleitzeit mit und ohne Kernarbeitszeit.

Das Klinikum links der Weser, das für seine Familienfreundlichkeit schon 2005 das Grundzertifikat zum Audit berufundfamilie der gemeinnützigen Hertie-Stiftung erhalten hat, bietet seinen Beschäftigten im Bereich Krankenpflege und Funktionsdienst gar 150 Arbeitszeitmodelle. Die Teilzeitbeschäftigungsquote liegt dort bei 40 %: Neben klassischen Schichtdiensten können flexible Zwischendienste eingelegt werden, durch die der Personaleinsatz an das Patientenaufkommen gekoppelt wird. Zudem ermöglicht ein „Springerpool" die optimale Personalsteuerung, auch bei Ausfall und Krankheit der Mitarbeiter. Diese und weitere Maßnahmen trugen nach Einschätzung des Klinikums deutlich dazu bei, dass die Mitarbeiterfluktuation reduziert und Fehlzeiten sowie Wiedereinstiegskosten gesenkt werden konnten.

Es lohnt sich auch, Beschäftigten in Elternteilzeit, Anreize für eine schnelle Rückkehr an den Arbeitsplatz zu bieten. Denn so bleibt der Klinik nicht nur deren Erfahrung erhalten, sie spart auch bares Geld für Überbrückungslösungen oder Neurekrutierungen. Während der Elternzeit dürfen Väter und Mütter bis zu 30 Wochenstunden arbeiten. Das eröffnet freigestellten Mitarbeitern die Chance, auch während ihrer Elternzeit auf dem Laufenden zu bleiben. Sie können z. B. für eine stunden- oder tageweise Beschäftigung, eine Vertretung während der Urlaubszeit oder für spezielle Dienste eingesetzt werden. Für den Wiedereinstieg bietet sich oft ein schrittweises Wiederaufstocken der Arbeitszeit an. Zusätzlich sollte in der Elternzeit eine Integration von Weiterbildungsprogrammen bzw. der fachärztlichen Ausbildung berücksichtigt werden.

In Kinderbetreuung zu investieren lohnt sich

Auch die Unterstützung bei der Kinderbetreuung erleichtert jungen Eltern den Wiedereinstieg. Gerade im Krankenhausbetrieb, wo Arbeitszeiten nicht den regulären Öffnungszeiten in Betreuungseinrichtungen entsprechen, können Kliniken durch flexible Kinderbetreuungsangebote auch ihre Attraktivität als Arbeitgeber enorm steigern.

Dass es sich rechnen kann, in betriebseigene Kinderbetreuungsprojekte zu investieren, zeigt das Beispiel der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau, die 1977 mit 40 klinikfinanzierten Betreuungsplätzen gestartet ist und inzwischen 100 solcher Plätze für Kinder ab der achten Lebenswoche bis zum zehnten Lebensjahr anbietet, mit einer Öffnungszeit von 5:15 bis 21:30 Uhr an 365 Tagen im Jahr. Nach eigener Auskunft beträgt bei einer Investition von knapp einer halben Millio¬nen € die Kosten-Nutzen-Differenz zugunsten der Klinik rund 130.000 €.

Entscheidend für die Akzeptanz solcher Maßnahmen sei, dass die Familienfreundlichkeit von allen Beteiligten als „Chefsache" wahrgenommen werde und bei der „obersten Heeresleitung" als Ziel verankert sei, so Benemann.

 

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