Gesundheitsökonomie

„Karstadt-Effekt“ auf Medizintechnik übertragen …

23.07.2014 -

„Karstadt-Effekt“ auf Medizintechnik übertragen …. … und so gefrorenes Kapital – schätzungsweise in Europa gut 11 Mrd. € – zum Schmelzen bringen. So lautet ein neuer Rezeptvorschlag von Siemens Financial Services für unser krankes Gesundheitssystem.
Tatsächlich haben wir in Europa das teuerste – geben vom Bruttoinlandsprodukt 11,1 % dafür aus – verfügen jedoch auch über das effizienteste.
Das belegt eine neue Studie, in der Deutschland in Bezug auf den Kosten-Nutzen-Index an der Spitze steht und die USA das Schlusslicht bilden.
Diese von der Siemens Financial Systems initiierte Berechnung zur Finanzierbarkeit der Gesundheitsversorgung in Europa und den USA spricht von insgesamt 4,4 Mrd. € an gebundenem Kapital in der Medizintechnik, das mit alternativen Finanzierungen für produktivere Zwecke in Deutschland freigesetzt werden könne.

Zur Einführung in die Thematik erläuterte Prof. Dr. Günter Neubauer, Gesundheitsökonom aus München, mögliche Reformstrategien zur Sanierung des Gesundheitssystems in Deutschland.
Neben Ausgabendämpfung und Restrukturierung – beide Optionen jedoch schon ziemlich „ausgereizt“ – eröffne eine Verbreiterung der Finanzierungsbasis echte Perspektiven.
Dazu sprach er den „Karstadt-Effekt“ an, mit dem sich das Unternehmen auf einen Schlag schuldenfrei gemacht habe, weil es seine Grundstücke verkauft und dann wieder zurückgeleast habe.
Selbst die Automobilindustrie profitiere heute so sehr von diesem Effekt, dass mittlerweile, so Neubauer, beispielsweise Volkswagen nicht mehr mit den Autos sondern mit der eigenen Bank am erfolgreichsten sei.
Zwar könne man nun nicht jedes Krankenhaus bzw. das Grundstück, auf dem es steht, „verkaufen“, aber, so Neubauer weiter, könnten Verwaltungschefs zumindest überlegen, ob man nicht die Effizienzreserven aus der Medizintechnik mobilisieren kann.
„Dazu müssten die Krankenhäuser eben in einer Finanzierungslücke leben,“ meinte er.

Kapitalverwendung muss effizienter werden
Das unterstreicht auch die neue Studie der Siemens Financial Services mit dem Titel „Finanzierung des Gesundheitswesens – eine globale Herausforderung.“
Die Ergebnisse belegen, wie notwendig eine effiziente Kapitalverwendung in den westlichen Gesundheitssystemen ist. Die Studie beinhaltet eine einfache Kalkulation von Kosten- Nutzen-Analysen nationaler Gesundheitssysteme in Europa und den USA.
Sie zeigt, dass das deutsche Gesundheitssystem – gemessen an Basisversorgung, Lebenserwartung und dem prozentualen Anteil der Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt – im Vergleich zu anderen europäischen Kernländern und den USA gute Werte erzielt.
Zudem fokussiert sich die Studie auf unterschiedliche Formen der Ausrüstungsfinanzierung, durch deren Einsatz kurzfristig Effizienzverbesserungen realisiert werden können.
Gezeigt wird auch, dass Kapital ineffizient im System gebunden ist, weil Ausrüstung gekauft wird, anstatt geleast, gemietet oder auf ähnlichem Wege finanziert zu werden.
Der Gegenwert dieses „gefrorenen“ Kapitals wird auf gut 11 Mrd. € in den europäischen Kernländern und mehr als 20 Mrd. € in den USA geschätzt (Abb.).
Die Autoren schlagen insbesondere den verstärkten Einsatz maßgeschneiderter Leasing-Lösungen und verwandter Formen der Ausrüstungsfinanzierung zur Erfüllung technologischer, wirtschaftlicher und medizinischer Anforderungen vor.

Höchste Kosten heißt nicht größter Nutzen
Anknüpfend an den Vorschlag der WHO zu einem globalen Bewertungsmodell aus dem Jahr 2000 analysiert die Studie den Finanzierungsstatus der Gesundheitssysteme in den USA, UK, Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und Skandinavien.
Dabei lässt sich feststellen, dass die USA von allen untersuchten Ländern am meisten für das Gesundheitswesen aufwendet, aber gleichzeitig – zumindest nach einer von den Autoren entwickelten groben Maßzahl – den geringsten Nutzen hinsichtlich der Versorgung mit Gesundheitsleistungen und statistischer Lebenserwartung erbringt.
Dies kontrastiert mit dem deutschen Gesundheitssystem, das in jüngster Zeit strikten Kostenkontrollen ausgesetzt war, bislang aber den höchsten Leistungsstandard sichern konnte.

Technologiefinanzierung optimieren
„Die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen in Europa und den USA steigt weiter“, sagte Dr. Herbert Lohneiß, Vorsitzender der Geschäftsführung von Siemens Financial Services.
„Die Frage, welcher Anteil des Sozialprodukts für das Gesundheitswesen ausgegeben werden soll, ist letztlich von der Politik zu beantworten. Unsere Studie identifiziert Bereiche wie die Technologiefinanzierung, in denen kurzfristig erhebliche Effizienzgewinne realisierbar sind.“
Dieser Bereich beträgt zwar nur einen kleinen Teil der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung von 136,2 Mrd. € (Daten von 2003), nämlich 4 %, aber hier schlummert das ungenutzte Kapital.
Denn innovative Technologien steigern die ökonomische Effizienz und die Qualität der medizinischen Versorgung: So wird der Markt für größere medizintechnische Ausrüstung in europäischen Kernländern von derzeit 24,8 Mrd. € in der 5-Jahresprognose um 4,9 Mrd. € wachsen.
Die Ausgaben für Informationstechnologien im westeuropäischen Sektor werden von 5,6 Mrd. € im Jahr 2004 auf 8 Mrd. € im Jahr 2009 ansteigen. Das Zauberwort heißt künftig auch für Krankenhäuser „Prozessoptimierung“.

Alternative Finanzierungslösungen nutzen
Die Siemens Financial Services (SFS) bietet mit rund 1.700 Mitarbeitern und einem internationalen, von Siemens Financial Services in München koordinierten Netzwerk von Finanzgesellschaften eine breite Palette von Finanzlösungen.
Diese reicht von der Absatz- und Investitionsfinanzierung über Treasury-Services bis hin zum Fondsmanagement und beinhaltet auch Versicherungslösungen.
Kunden der SFS sind vor allem weltweit operierende Industrie- und Dienstleistungsunternehmen sowie öffentliche Auftraggeber.
Dabei erläuterte Kai-Otto Landwehr von Siemens Finance & Leasing, München, zwei Erfolgsmodelle in Bezug zur Medizintechnik: So hat das Herzzentrum Filder in Esslingen mit der Kernkompetenz kardiologische Leistungen von Siemens die Finanzierung eines Herzkatheter- Messplatzes und anderer medizintechnischer Geräte von fremden Herstellern mit einem kündbaren Leasingvertrag realisiert.
Dabei waren die Vorteile für den Kunden offensichtlich: Schnelles Angebot und schnelle Finanzierungszusage, Produkt und Finanzierung aus einer Hand, unbürokratische Kooperation und die Integration von Fremdherstellern und Lieferanten in den Finanzierungsvertrag.
Damit gelang es dem Herzzentrum seinen hohen medizinischen Standard zu sichern und die Kooperation zu externen Spezialisten und dem Paracelsus-Krankenhaus aufrechtzuerhalten.
Genauso gut erging es Dr. Neumaier und seinen Kollegen in Regensburg: Als medizinisches Versorgungszentrum hat er die größte Einrichtung im nordbayerischen Raum und sichert dort die Zusammenarbeit mit Fachärzten und Kliniken. D
er Auftrag dieses Kunden bestand für Siemens darin, die Finanzierung eines Magnetresonanztomographen „Magnetom-Trio“- Scanner zu sichern.
Siemens Finance Leasing bot ihm ein Mietkaufmodell mit progressivem Ratenverlauf an.
Die Vorteile für den Kunden: Die Mehrwertsteuer wurde mitfinanziert, die Liquidität geschont durch progressiven Ratenverlauf zu Vertragsbeginn, und der Eigentumserwerb zum Ende der Laufzeit garantiert.

Gesundheitswesen bleibt dennoch krank
Natürlich werden so schnell Effizienzsteigerungen und Rationalisierungen kein frisches, neues Geld in das System schwemmen.
Doch sicher wird es im Zuge von Benchmarking der Krankenhäuser immer wichtiger, das Kapital besser zu nutzen und auch für mehr Leistungstransparenz (und deren Finanzierung) zu sorgen.
Dabei verfällt niemand dem Irrglauben, dass das Gesundheitswesen ohne zusätzliches Geld auskommen könnte.
Aufgrund der demographischen Entwicklung werden immer mehr ältere Menschen viele Leistungen in Anspruch nehmen, während parallel dazu aufgrund des medizinischen Fortschritts auch immer mehr Krankheiten behandelbar sein werden.
Lohneiß resümierte das als eine Zunahme der Nettoempfänger mit Erwartungshaltung bei gleichzeitiger Abnahme der Nettozahler.
Gesundheitsökonom Lauterbach weiß Zahlen dazu: Ab 2010 rechnet er altersbedingt pro Jahr mit 2 Mrd. € mehr Gesundheitskosten.

Dr. Nana Mosler, Leipzig

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