Gesundheitsökonomie

Prof. Dr. Prof. Christof Sohn im Interview über die HPV-Impfung

29.04.2011 -

Prof. Dr. Prof. Christof Sohn im Interview über die HPV-Impfung. Prof. Christof Sohn arbeitet wie der Nobelpreisträger Harald zur Hausen in der schönen Universitätsstadt. Als Ärztlicher Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Heidelberg kann er nun sehen, wie zur Hausens Forscherarbeit sich in der Praxis bewährt. Eva Britsch sprach mit ihm über die allgemeine Impf-Skepsis, Kosten und die Freude über die Früchte der Forschung.

Management & Krankenhaus: Herr Prof. Sohn, Sie haben an der Frauenklinik des Universitätsklinikums Heidelberg täglich mit der Gebärmutterhalskrebs-Problematik zu tun. Wie bewerten Sie persönlich die Leistung von Harald zur Hausen?

Christof Sohn: Es ist natürlich unmöglich, die Leistung eines Nobelpreisträgers zu „bewerten“. Aber: Er hat den Nobelpreis absolut zu Recht erhalten. Wir sprechen hier von einer außerordentlichen Pionierleistung, auf die Idee und den Nachweis zu kommen, dass Krebserkrankungen durch Viren ausgelöst werden – das war ja damals ein Tabuthema. Er hat das Tabu gebrochen.

Momentan kostet die HPV-Impfung ca. 500 € und wird nur bei 12- bis 17-jährigen Mädchen von den Kassen übernommen. Wen würden Sie – unabhängig von den Kosten – gerne impfen?

Christof Sohn: Im Prinzip kann jede Frau geimpft werden, die keine HPV-Infektion hatte oder hat! Dass man nun diese Altersspanne herausgegriffen hat, ist ja letztendlich damit begründet, dass diese jungen Mädchen häufig noch keinen Geschlechtsverkehr hatten und dann vor dem ersten Geschlechtsverkehr vor einer Infektion geschützt werden.

Letztlich muss man sich aber auch kritisch hinterfragen: Warum werden keine Jungen geimpft? Medizinisch ist dies ja nicht begründet – die Frauen bekommen zwar den Gebärmutterhalskrebs, aber die Männer übertragen die Viren. Wollte man die Sache komplett machen, müsste man darüber diskutieren, ob man nicht auch die Männer impft.

Die Frage stellt sich ja durchaus, warum im Augenblick nur die Mädchen geimpft werden …

Christof Sohn: Das ist ganz klar eine Frage der Kosten – wenn alle geimpft würden, würde dies eine enorme Kostenexplosion für die Kostenträger bedeuten!

Dagegen steht allerdings die „Kostenersparnis“ durch die Verhinderung des Gebärmutterhalskrebses …

Christof Sohn: Ja, diese Berechnung wird nicht von einem Arzt, sondern von einem Epidemiologen angestellt – dies ist im Moment sicherlich gut durchgerechnet …

Was können Sie zu den Nebenwirkungen der HPV-Impfung sagen?

Christof Sohn: Es gibt überhaupt keine Nebenwirkungen. Das Problem, wenn eine Impfung neu eingeführt wird, ist, dass alle Zwischenfälle gemeldet werden müssen, d. h. es werden auch Fälle gemeldet, die mit der Impfung gar nichts zu tun haben müssen – das liegt in der Natur der Sache. Theoretisch kann es sein, dass jemand im Zeitraum X nach der Impfung tragischerweise zu Tode kommt, dieser Fall wird dann gemeldet – auch wenn der Todesfall nichts mit der Impfung zu tun hat.

Es waren ja zwei Todesfälle im Zusammenhang mit der HPV-Impfung im Gespräch.

Christof Sohn: Ja, diese Fälle hatten nichts mit der Impfung zu tun …

Wie lange hält die Impfung vor?

Christof Sohn: Wir gehen von einem Zeitraum von fünf Jahren aus. Es kann aber auch durchaus sein, dass ein lebenslanger Schutz entsteht, oder auch, dass der Schutz dann nachlässt.

In Deutschland ist man traditionell Impfungen gegenüber etwas kritisch eingestellt. Wie ist das bei der HPV-Impfung, gibt es hier eventuell weniger Bedenken, da es um eine mit großen Ängsten belegte Krankheit wie Krebs geht?

Christof Sohn: Ich kann weniger beurteilen, wie die Einstellung bei ganz jungen Mädchen ist, die mit ihrer Mutter zum Arzt – meist ist es der Kinderarzt – gehen. Was wir hier am Klinikum sehen, sind junge Frauen Anfang 20, die selbst entscheiden können, was sie wollen. Da ist die traditionelle Impf-Skepsis weniger ein Thema. Die Frau bestimmt, wie gesagt, über sich selbst und sagt: Ich habe ein reales Risiko bezüglich einer HPV-Infektion und ich möchte mich dagegen schützen!

Das Risiko wird also als real begriffen?

Christof Sohn: Genau. Eine Krankheit wie Kinderlähmung wird in unserer Gesellschaft gar nicht mehr als reales Risiko empfunden, obwohl die Krankheit sehr wohl eine echte Gefahr darstellt. Gebärmutterhalskrebs wird hingegen als real empfunden, und die jungen Frauen rennen uns sprichwörtlich die Türen ein.

Ich versuche mal eine negative Seite der Impfung zu konstruieren: Könnte es nicht sein, dass eine falsche Sicherheit entsteht – schließlich besteht auch nach der Impfung ein Restrisiko, an Gebärmutterhalskrebs zu erkranken …

Christof Sohn: Es besteht ein Restrisiko bezüglich der Viren, die bei der Impfung nicht mit abgedeckt werden – je nach Impfstoff werden zwei oder vier Virustypen abgedeckt, das sind die Typen, die am häufigsten den Gebärmutterhalskrebs erzeugen. Ich denke, man sollte vorsichtig sein zu sagen: „Ist ja toll, dass wir eine Impfung haben“, um danach das große „Aber“ zu setzen, als dass die Impfung nicht gegen alles hilft. Anders herum: Wir sind froh, dass wir schon mal einen Schutz gegen die gefährlichsten Typen haben. Das Restrisiko bleibt, aber es entsteht nicht durch die Impfung, sondern durch die Nicht-Impfung gegen die verbleibenden Virustypen, für die es keinen Impfstoff gibt.

Wie klären Sie die Patientinnen auf?

Christof Sohn: Dass sie natürlich weiter zur Vorsorge gehen müssen, um Veränderungen frühzeitig erkennen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Christof Sohn.

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