Projekt Förderung der Mitarbeitergesundheit: Ergonomie in der Pflege

  • Gundula Kopp, Pflegedienstleiterin, Klinikum Dorothea Christiane Erxleben Quedlinburg (Foto: Klinikum Quedlinburg).Gundula Kopp, Pflegedienstleiterin, Klinikum Dorothea Christiane Erxleben Quedlinburg (Foto: Klinikum Quedlinburg).

Ein umfangreiches Projekt zur Förderung der Mitarbeitergesundheit wurde im Klinikum Dorothea Christiane Erxleben in Quedlinburg auf den Weg gebracht.

Die Verdichtung im Aufgabenbereich der Pflege ist die Konsequenz vieler Faktoren: Zum einen zählen hierzu die sinkende Verweildauer, stetige Personalreduzierung, eine Verschiebung der Altersstruktur bei den Patienten, deren zunehmende Immobilität sowie ihr steigendes Durchschnittsgewicht.

Im Quedlinburger Klinikum spiegelt sich all dies eins zu eins wider: So reduzierte sich die Verweildauer von acht Tagen (2003) auf 6,5 Tage 2009. Im Jahr 2003 kamen auf 1.000 Fälle 17,5 Pflegekräfte; bis 2009 ist eine Reduzierung auf 15,3 Vollzeitkräfte zu verzeichnen. Dazu kommt, dass etwa 58% der Pflegekräfte bereits älter als 41 Jahre sind.

Ergonomie in Deutschland wenig beachtet

Ein Forschungsprojekt der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) zum Thema „Wirbelsäulenbelastungen in der Pflege" ergab, dass Pflegekräfte im Vergleich zu anderen Berufsgruppen besonders häufig an Rückenbeschwerden leiden. Muskel- und Skeletterkrankungen rangieren in dieser Berufsgruppe als Hauptursache für Arbeitsunfähigkeit. Der Transfer von Patienten gilt dabei als einer der wichtigsten Faktoren. Ein bundesweites Präventionsprogramm des Bundesverbandes der Unfallkassen „Rückengerechter Patiententransfer in der Kranken- und Altenpflege" dient als Orientierungsgrundlage.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) initiierte im November 2009 einen internationalen Workshop zum Thema „Ergonomisches Patientenhandling aus europäischer Sicht". Dort wurde festgestellt, dass im deutschen Gesundheitswesen zwar bereits sehr viele interessante Einzelmaßnahmen und Projekte hierzu starteten, die Ergonomie aber, verglichen mit anderen Wirtschaftsbranchen, fand in der Vergangenheit noch zu wenig Beachtung.

In anderen Ländern Europas ist man bereits weiter: So verpflichten gesetzliche Regelungen in Finnland, den Niederlanden, Großbritannien und Italien die Gesundheitseinrichtungen zu Prävention und betrieblicher Gesundheitsförderung in Form ergonomischen Patientenhandlings.

Präventionsprogramm als Basis

Unser Präventionsprogramm bildet die Grundlage dafür, die Ergonomie in der Pflege zu verbessern.

Zudem unterstützt es den gesundheitsfördernden Ansatz in unseren Arbeitsprozessen und ist Teil eines umfassenden Qualitätsmanagements. Die Umsetzung dieses komplexen Projektes zur Förderung der Ergonomie am Arbeitsplatz beruht auf vier Säulen:

  • Planung und Organisation des Projekts
  • bauliche Gestaltung und Ausstattung der Räume
  • Auswahl und gezielter Einsatz technischer Hilfsmittel
  • Fort- und Weiterbildung.

Organisation des Projekts

Für gezielte Umsetzungsmaßnahmen in unserem betrieblichen Gesundheitsmanagement spielt die „Ergonomie am Arbeitsplatz" eine bedeutende Rolle. Auch hat die Projektleitung gleichzeitig die Funktion der Pflegedienstleitung; die Projektbeauftragten sind kompetente, engagierte und motivierte Pflegemitarbeiter, die das Schulungsprogramm praxisorientiert und erfolgreich umsetzen.

Sie beteiligen sich aktiv an Studien und an Qualitätszirkelarbeit. Management und Mitarbeiter sind gleichermaßen gefordert, nach Lösungen zu suchen. Unser Konzept des Gesundheitsfördernden Krankenhauses umfasst mehr als nur die Summe von Einzelmaßnahmen. Daher ist das Quedlinburger Klinikum bereits seit 1997 Mitglied im Deutschen Netz Gesundheitsfördernder Krankenhäuser (DNGfK) der WHO.

Gestaltung und Ausstattung der Räume

Bereits bei der Planung und Konzeption von Arbeitplätzen sollten ergonomische Kriterien einfließen. Eine systematische Beteiligung der Mitarbeiter am Planungsprozess hilft, Defizite zu verringern und Fehlentscheidungen zu vermeiden. Bei den letzten großen Baumaßnahmen des Klinikums wurden Mitarbeitervorschläge im Rahmen des Qualitätsmanagements erfasst und durch einen beauftragten Innenarchitekten auf deren Umsetzungsmöglichkeiten geprüft.

Ein verbessertes Platzangebot in den Patientenzimmern und Sanitärbereichen im modernisierten Hauptgebäude und im letzten Neubau erleichtern ein ergonomisches Patientenhandling deutlich. Die Abmessungen der neuen Räumlichkeiten gewährleisten die Nutzung technischer Hilfsmittel. Durch eine gezielte Ausstattung und Anordnung von Haltegriffen vorrangig im Sanitärbereich können sich Patienten weitgehend ohne Hilfe des Pflegepersonals bewegen, versorgen - und sie können besser unterstützt werden. Die Abmessung der Flure, die Bodenbeläge und die Aufzüge erlauben ein problemloses Befahren mit Betten, Geräten und Transportwagen. In Dienstzimmern und Untersuchungseinheiten befinden sich höhenverstellbare Hocker und Stühle.

Für das gesamte Klinikum ist ein spezielles Versorgungssystem installiert. Alle Stationen und Fachabteilungen werden durch Versorgungsassistenten mit Verbrauchsmaterialien, Sterilgut und Medikamenten versorgt. Mit der Einführung des Modulsystems haben wir die Arbeitsorganisation verändert und eine Reduzierung administrativer Tätigkeiten in der Pflege, die mit körperlicher Belastung verbunden war, erreicht.

Einsatz technischer Hilfsmittel

Durch den gezielten Einsatz technischer Hilfsmittel zur Reduzierung von Überbeanspruchung der Rückenpartien wird eine Beeinträchtigung der Wirbelsäule verhindert. Der selbstverständliche Umgang mit der Technik ist für die Sicherheit der Mitarbeiter und Patienten unerlässlich. Neben dem Einsatz höhenverstellbarer Betten sind auch Rollboard, Gleittunnel, Gleitbrett und Patientenlifter im Einsatz. Vor der Anschaffung dieser Hilfsmittel wurden über Teststellungen Qualität und Handling durch erfahrene Pflegekräfte während der täglichen Arbeit beurteilt.

Um die korrekte Nutzung und Handhabung der technischen Hilfsmittel im Sinne des Medizinproduktegesetzes zu gewährleisten, wird die professionelle Anwendungseinweisung im „Geräteführerschein" dokumentiert. Der Einsatz der Hilfsmittel setzt neben der Akzeptanz der Pflegekräfte einen konsequenten und sicheren Umgang mit den Geräten voraus. Die Hilfsmittel müssen im ausreichenden Maße vorhanden und schnell griffbereit sein.

Bewegungsressourcen der ­Patienten mobilisieren

Grundlage für das Schulungskonzept bildet das Präventivprogramm des Bundesverbandes der Unfallkassen zur rückengerechten Arbeitsweise und zum ergonomischen Patientenhandling. Dieses Fortbildungsprogramm sollten vor allem Mitarbeiter aus der Pflege und Auszubildende zum Gesundheits- und Krankenpfleger absolvieren: Neben der Vermittlung von Grundkenntnissen in der Theorie geht es um praktische Übungen mit anschließenden regelmäßigen Auffrischungskursen. Die Teilnehmer werden im sicheren Umgang mit Arbeits- und Hilfsmitteln geschult, und sie werden sensibilisiert, die Bewegungsressourcen der Patienten zu erkennen und zu mobilisieren.

Die Schulungen dienen der Bewusstseinsstärkung der Mitarbeiter. Nur durch bewusstes Umsetzen im Rahmen der vorhandenen Möglichkeiten ist eine ergonomische Arbeitsweise auf Dauer erfolgreich.

Ergonomisches Patientenhandling als Routine

Mit all diesen Maßnahmen vermindern wir in erheblichem Maße Rückenprobleme von unserem Personal. Wir vermeiden krankheitsbedingte Arbeitsausfälle und die Überlastung des restlichen Teams; zudem lässt sich auf diese Weise Stress reduzieren, und wir haben mehr Zeit für die unmittelbare Patientenpflege. Unsere Mitarbeiter sind zufriedener, motivierter und dadurch insgesamt leistungsfähiger und -bereiter.

Auch die pflegerische Versorgung verbessert sich qualitativ, was im Ergebnis zu mehr Unabhängigkeit und Zufriedenheit der Patienten führt. Allerdings ist nach unserer Erfahrung ein solches Konzept nur dann erfolgreich, wenn das ergonomische Patientenhandling ein integrativer Bestandteil der täglichen Routine geworden ist.

 

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Klinikum Dorothea Christiane Erxleben Quedlinburg
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