(K)eine saubere Angelegenheit?

Personalschutz im deutschen Rettungsdienst und Krankentransport

Dass die Hygiene gerade in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen ein sensibles Thema ist, nimmt die Öffentlichkeit zunehmend wahr. Auch in Rettungsdienst und Krankentransport als wichtige Bindeglieder zwischen diesen Institutionen ist ordnungsgemäße Hygiene unabdingbar. Leider wurde sie in der Vergangenheit oft nachrangig behandelt, eigentlich gar vernachlässigt. Darum widmete sich Raoul Groß im Rahmen seiner Medizin-Promotion unter Leitung von Prof. Dr. Axel Kramer, Institut für Hygiene und Umweltmedizin an der Universität Greifswald, diesem Themenfeld.

Im Jahr 2008 wurde eine deutschlandweite Befragung von 779 Rettungsdienstmitarbeitern durchgeführt. Man wollte mehr wissen über hygienische Verhaltensweisen im alltäglichen Dienst sowie über Maßnahmen zum Personalschutz. Parallel erfolgte eine hygienisch-mikrobiologische Untersuchung von 30 Fahrzeugen des Rettungsdienstes an verschiedenen Standpunkten in Deutschland.

Hauptproblem Dienstbekleidung


Die Umfrage zeigte teilweise erschreckende Missstände bei der Dienstbekleidung: Beispielsweise wurde sie viel zu selten gewechselt; so wechselten in NRW ca. 10% der Mitarbeiter nur einmal jährlich ihre Jacke. Es war zudem festzustellen, dass für ehrenamtliche Mitarbeiter sowie Aushilfen und Praktikanten schlichtweg zu wenig Dienstbekleidung zur Verfügung stand. Hier würde die Einführung einer Poolwäsche wie im Krankenhaus Abhilfe schaffen.

Hauptproblem Organisation und Schulung

Ein Viertel der Mitarbeiter wird in der Aus- und Fortbildung nicht ausreichend in hygienischen Maßnahmen geschult, ebenso viele werden bei Neueinstellung nicht in die bestehenden Hygienerichtlinien eingewiesen. Letzteres betrifft vor allem Zivildienstleitende, eine Personengruppe also, die es durch mangelnde Erfahrung und kurze Ausbildung ganz besonders nötig hätte.

Zu dieser Einweisung sollten Verfahrensanweisungen bei Nadelstichverletzungen, eine korrekte Durchführung von Infektionstransporten, Händehygiene, der Wechsel von Dienst- und Schutzbekleidung sowie korrektes Durchführen von Desinfektionsmaßnahmen gehören.

Erschreckend ist darüber hinaus, dass 4% der Wachen überhaupt keinen Hygieneplan besitzen, was schlichtweg ein Verstoß gegen die BGR 250 darstellt.
Allerdings wurden nicht nur Missstände beim Rettungsdienst und Krankentransport festgestellt: Fast ein Drittel aller Mitarbeiter führte mehr als zehn Infektionstransporte pro Jahr durch, ohne davon in Kenntnis gesetzt worden zu sein.

So hatte das Personal also gar keine Chance, sich zu schützen. Über die Hälfte dieser Transporte betraf den Transport aus Senioren- und Pflegeheimen, immerhin 15% aus Krankenhäusern.

Diese Angaben beziehen sich natürlich nur auf jene Infektionstransporte, über die die Mitarbeiter später in Kenntnis gesetzt worden waren, die Dunkelziffer dürfte also weitaus höher liegen.

Die genannte Informationslücke ist nicht zu tolerieren! Ein Ankreuzfeld „Infektionstransport ja/nein" sollte dem Formular „Verordnung einer Krankenbeförderung" hinzugefügt werden. Es dient dem Personal, das den Patienten übergibt, als Merkhilfe.

Nur 62% benutzen Handschuhe

Die Umfrage bringt ans Licht, dass nur ca. 62% der Mitarbeiter Handschuhe tragen, wenn sie einen Patienten berühren. In Anbetracht der Tatsache, dass die meisten nosokomialen Infektionen über die Hände übertragen werden, ist das eine alarmierende Zahl. Nur 6% desinfizieren sich nach Patientenkontakt nicht die Hände.

Interessanterweise benutzen immer noch über 6% der Mitarbeiter gepuderte Latexhandschuhe, was aufgrund des Allergierisikos sehr kritisch zu bewerten ist.

Die Tatsache, dass lediglich 53% der Wachleiter die „Aktion saubere Hände", die das Bundesgesundheitsministerium fördert, ist als Zeichen dafür zu werten, dass Rettungsdienst und Krankentransport werbetechnisch vernachlässigt werden.

Impfschutz und Postexpositionsprophylaxe

Bezüglich des Impfschutzes zeigten sich große Defizite. Die Postexpositionsprophylaxe für HIV und Meningokokken ist sehr uneinheitlich und teilweise gar nicht geregelt.

Fahrzeughygiene

Nur ein Viertel der Fahrzeuge wird täglich desinfiziert, in Einzelfällen finden diese Maßnahmen routinemäßig nur monatlich statt. Bei Letzteren fanden sich teilweise erschreckende Kontaminationen mit Erregern, die für nosokomiale Infektionen relevant sind. Hauptfundorte waren die Trage, der Tragestuhl und die Kugelschreiber des Personals.

Ausblick

Wie lässt sich die Hygienesituation im Rettungsdienst und Krankentransport verbessern? Zum einen hilft es vor allem, die Mitarbeiter für das Thema Hygiene zu sensibilisieren. Darüber hinaus sollte bundesweit eine einheitliche Umsetzung von hygienischen Verfahrensweisen vorliegen. Hierfür erarbeiteten Raoul Groß und Prof. Dr. Axel Kramer einen Hygienerahmenplan für den Rettungsdienst und Krankentransport. Er wurde in die 2. Auflage des Buches Krankenhaus und Praxishygiene (Elsevier München) aufgenommen.

Präsentiert werden die Ergebnisse der Umfrage auf dem 10. internationalen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) vom 18. bis 21. April in Berlin.

Kontakt:
Raoul Groß
Prof. Dr. Axel Kramer

Institut für Hygiene und Umweltmedizin
Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald
Tel.: 03834/515540
hygiene.rettungsdienst@googlemail.com

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