Wenn Zeitersparnis zum Risiko wird

Nosokomialer Ausbruch von Keratoconjunctivitis epidemica

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  • Dr. Hagen Frickmann, Institut für Mikrobiologie, Virologie und Hygiene des Uniklinikums Rostock

Nosokomiale Ausbruchsgeschehen epidemischer Keratokonjuntivitiden in Assoziation mit Adenoviren finden sich in großer Zahl in der medizinischen Fachliteratur. Regelmäßig liegen den Übertragungen Hygienemängel zugrunde. Trotz der Kenntnis des Problems werden aus Einsparungsgründen immer wieder hygienische Risiken in Kauf genommen, die schließlich zu neuen Ausbrüchen führen. Nachfolgend wird ein begrenzter Ausbruch in einer großen Augenklinik beschrieben.

Aus dem OP-Bereich der Augenheilkunde ging die Meldung über den Verdacht auf Keratokonjunctivitis epidemica primär bei der zuständigen Hygienefachkraft ein. Zum Zeitpunkt der Meldung waren drei Mitarbeiter betroffen. Die betroffene Schwester und die betroffenen Ärzte waren in verschiedensten Bereichen der Klinik eingesetzt. Ein ärztlicher Kollege operiert darüber hinaus in zwei weiteren Kliniken. Die Symptome hatten bei allen drei betroffenen Mitarbeitern nahezu zeitgleich eingesetzt.

Während zum Zeitpunkt der Meldung die Schwester und ein Arzt wegen der bestehenden Keratokonjunktivitis nicht dienstfähig waren, blieb der zweite ärztliche Kollege bei einer ähnlichen, seit ca. 5-6 Tagen bestehenden Symptomatik noch tätig. Die durchgeführten Antigen- und Nukleinsäurenachweise aus Bindehautabstrichen belegten in allen drei Fällen die Präsenz von Adenoviren.

Die Befragungen ergaben keinen Anhalt für eine primäre Quelle bzw. für einen Indexpatienten. Positive Adenovirusbefunde lagen ebenfalls seit mehreren Monaten nicht vor. Ein fünf Tage nach der Meldung geäußerter Verdacht auf eine Infektion einer Patientin bestätigte sich nicht.

12 Tage nach der Meldung waren beide ärztlichen Kollegen nach Sistieren der Symptome wieder operativ tätig, ohne dass entsprechend der Empfehlung des Krankenhaushygienikers erneut klinisches Kontrollmaterial eingesandt worden war. Nachdem unter dem krankenhaushygienischen Aspekt auf Kontrolluntersuchungen insistiert wurde, war bei einem ärztlichen Kollegen der DNA-, aber nicht der Antigennachweis 19 Tagen nach Meldung noch positiv. Bei dem anderen Arzt und der Schwester fielen alle Untersuchungen negativ aus. Nach weiteren vier Tagen war auch keine DNA mehr bei dem zuvor positiven Arzt nachweisbar.

Eine Stationsbegehung und Mitarbeiterbefragung ergab Hinweise auf unzureichende Händehygiene sowie eine aus Zeitmangel nicht stattfindende Zwischeninfektion der Kontaktflächen von Spaltlampen zwischen den einzelnen Untersuchungen in der Klinikambulanz.

Reinigung und Desinfektion von Griffen, Flächen und Geräten erfolgten nur vor und nach den Phasen des Patientenbetriebs.

Eine Umgebungsuntersuchung am Folgetag der Meldung erbrachte den Nachweis von Adenovirus-DNA am Griff und an den untersucherseitigen Okularoberflächen zweier Spaltlampen. Im Sinne der Ausbruchsunterbrechung wurde im ganzen Haus eine Flächendesinfektion durchgeführt, wobei auch Tastaturen, Telefonhörer oder ähnlich schwer zu reinigende Objekte einbezogen wurden, mit Incidin extra N, das zehn Tage bis zum Ende der postulierten Inkubationszeit in erhöhter, 0,5%-iger Konzentration eingesetzt wurde. Für die Zwischendesinfektion der Kontaktflächen der Spaltlampen wurde Bacillol AF mit einminütiger Einwirkzeit vorgesehen, für die Händedesinfektion AHD 2000, für die Tonometer Sekusept Plus. Die Spaltlampen sollten nach jedem Patientenkontakt desinfiziert werden, um vor Eintreffen des nächsten Patienten eine hinreichende Einwirkzeit gewährleisten zu können. Die Adenoviruswirksamkeit war für alle genutzten, RKI-gelisteten Desinfektionsmittel durch Gutachten belegt. Elektiveingriffe wurden von Klinikseite bis zum Verstreichen der Inkubationszeit für insgesamt 12 Tage unter der Annahme der möglichen Infektion weiteren Personals abgesagt. Eine wiederholte Umgebungsuntersuchung 13 Tage nach Meldung des Ausbruchs blieb unter den genannten Kautelen negativ.

In der Zusammenschau ist auszugehen, dass die Übertragungen nosokomial und dabei am ehesten durch Kontakt mit den Spaltlampen erfolgt sein dürften. Durch eine konsequente Zwischendesinfektion hätten Infektionen, die zu mehrtägigen Ausfällen dreier Mitarbeiter und dem Verschieben elektiver Eingriffe mit allen wirtschaftlichen Konsequenzen geführt haben, vermieden werden können.

Angesichts wachsenden Kostendrucks im Gesundheitswesen wird die Notwendigkeit von Desinfektionsmaßnahmen leider zunehmend vernachlässigt, um somit Zeit einzusparen. Der oben beschriebene Fall belegt jedoch eindrücklich, dass Desinfektion mehr als eine „lästige Zeitverschwendung" darstellt, und durch wenige Handgriffe zur Zwischendesinfektion Ausbrüche vermeidbar wären, die ihrerseits wieder durch Ausfall von Personal und erforderliche Maßnahmen Zeit und Ressourcen binden.

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