Wie die Digitalisierung zur Patientensicherheit beitragen kann

  • Dr. Ruth Hecker, Leiterin der Stabsstelle Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement am Universitätsklinikum Essen sowie stellvertretende Vorstandsvorsitzende des „Aktionsbündnis Patientensicherheit e.VDr. Ruth Hecker, Leiterin der Stabsstelle Qualitätsmanagement und klinisches Risikomanagement am Universitätsklinikum Essen sowie stellvertretende Vorstandsvorsitzende des „Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V

Die Patientensicherheit ist in der Gesundheitsversorgung oberstes Gebot. In Deutschland werden jährlich rund 19 Mio. Menschen stationär behandelt.

Hinzu kommen 153 Mio. ambulante Fälle in den Krankenhäusern. In zwei bis vier Prozent aller Behandlungen kommt es laut Experten zu unerwünschten oder vermeidbaren Ereignissen. Daher nehmen sowohl ein gut aufgestelltes Qualitäts- als auch ein Risikomanagement für heutige Kliniken eine zentrale Rolle ein. Insbesondere die fortschreitende Digitalisierung wird hierbei nachhaltig zur Patientensicherheit beitragen.

Fehler können überall und jedem passieren. Wie damit umgegangen und darauf reagiert wird, ist besonders im medizinischen Sektor wichtig. Denn schnell kann solch ein unerwünschtes Ereignis im Krankenhaus die Gesundheit oder gar das Leben von Menschen gefährden. Schätzungsweise einer von 1.000 Behandlungsfehlern endet tödlich. So verwundert es nicht, dass Patientensicherheit längst zum gesellschaftlich akzeptierten Wert und integralen Bestandteil in der medizinischen Versorgung geworden ist.

Digitalisierung setzt bei zentralen Problemen an

Doch inwieweit trägt die Digitalisierung dazu bei, dass Prozesse im Krankenhaus fehlerfrei ablaufen und so die Patientensicherheit weiter gesteigert werden kann? Um dies zu beantworten, müssen zunächst einmal die zentralen Gefahren in den Hauptrisikobereichen identifiziert werden. Die Weltgesundheitsorganisation initiierte zu diesem Zweck bereits im Jahr 2007 das Projekt "Action on Patient Safety: High 5s", wonach u.a. die Patientenverwechslung sowie die falsche Medikamentengabe zu den zentralen Sicherheitsproblemen zählen.

Besonders fehlerbehaftet ist immer noch der Umgang mit Blut. Die Teströhrchen landen zu oft im falschen Labor oder gehen sogar ganz verloren. Das kostet Geld, Nerven und wertvolle Behandlungszeit für Patienten und Beschäftigte. Eine digitalisierte Medizin kann die Patientensicherheit in Form sogenannter RFID-Chips (radio-frequency identification) verbessern. Mit diesen lassen sich Blutproben zurückverfolgen und abgleichen. Eine Verwechslung wäre dann nahezu ausgeschlossen – auch bei (mit RFID-Chips) gekennzeichneten Bluttransfusionen beispielsweise.

Denn hier kommt es trotz aller Sicherheitsbarrieren in Deutschland immer noch zu schweren Ereignissen. Dank der Digitalisierung könnte innerhalb weniger Jahre ein enormer Fortschritt erreicht werden, noch ist das aber Zukunftsmusik.

Patienten fordern digitalisierte Medizin ein

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass 75% der Patienten eine Digitalisierung in der Gesundheitsversorgung befürworten, so eine repräsentative Emnid-Umfrage (2016). Zudem wünscht sich eine Mehrheit (54%) der Patienten den persönlichen Zugang zu Arztaufzeichnungen in Form einer elektronischen Patientenakte (ePA). Die Universitätsmedizin Essen hat dies erkannt und sich 2015 auf den Weg begeben, das erste Smart Hospital in Deutschland zu werden. Diverse Digitalisierungsinitiativen wie das Echtzeit-Monitoring in der neuen Zentralen Notaufnahme, die damit zu den modernsten in Europa zählt, die Digitale Pathologie oder die flächendeckende, dieses Jahr abgeschlossene Einführung der ePA tragen maßgeblich dazu bei, risikobehaftete Abläufe nachhaltig zu verbessern. Zentral ist hierbei ein kontinuierlicher Informations- und Datenfluss entlang aller Bestandteile des Gesundheitssystems.

Doch infolge der Digitalisierung entstehen auch neue Risikofelder für die Patientensicherheit. Sowohl für das Qualitäts- als auch das klinische Risikomanagement rücken die Auswirkungen der Transformation damit in den Fokus: Welche Maßnahmen sind notwendig, um eine sichere Patientenversorgung beim Betrieb digitaler, netzwerkangebundener Medizinprodukte zu gewährleisten? Sind die digitalen Daten ausreichend vor unberechtigtem Zugriff durch Dritte geschützt? Verfügen alle über ausreichend digitale Kompetenz, um Störungen und Schwachstellen des IT-Systems zu erkennen, die eine sichere Patientenbehandlung gefährden?

Neue Technik? Neue Risiken!

Um die Gesundheitseinrichtungen bei diesen gewaltigen Aufgaben zu unterstützen, hat das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) eine neue Handlungsempfehlung für das Risikomanagement in der Patientenversorgung im digitalen Zeitalter erstellt. Diese beschreibt aktuelle und in Zukunft verstärkt aufkommende Herausforderungen aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und bietet Präventionsmaßnahmen an. So erfordert es besondere Sorgfalt bei der Einführung von IT-Systemen. Ansonsten können mangelnde Transparenz und komplexe Vorgänge im Krankenhausalltag schnell zu Schnittstellenproblemen bei der Patientenaufnahme, Entlassung oder bei Abteilungswechseln führen. Darüber hinaus unterstützt die Handlungsempfehlung des APS die therapeutischen Teams und gibt Tipps im Bereich der digitalen Kompetenz und wie beispielsweise Störungen und Schwachstellen des IT-Systems erkannt werden können. So zählt die Eingabe von digitalen Patientendaten an Computern oder vermehrt auch mobilen Endgeräten zu den fehleranfälligen Bereichen. Wenn in einem Scroll-Menü z.B. versehentlich die falsche Position für die Arzneimitteltherapie ausgewählt wird, können die Folgen dramatisch ausfallen.

Festzuhalten ist: Die Medizin profitiert schon heute deutlich von der Einführung digitaler Technologien. Sie ist sicherer und schneller geworden. Entscheidend ist dabei eine gute Datenqualität. Sie spart Zeit bei der aufwändigen Recherche nach vollständigen, aktuellen und richtigen Daten, was Behandlungen in der Vergangenheit häufig verzögerte.

Darüber hinaus erhält die Medizin der Zukunft durch smarte Helfer wie elektronische Armbänder, Wearables und Sensoren das gewaltige Potential, die Versorgung der Menschen und vor allem die Patientensicherheit nachhaltig zu verbessern. Doch der konkrete Blick in die Praxis zeigt, dass es hierfür auch eines grundlegenden Umdenkens im Qualitäts- und Risikomanagement bedarf. Dann bietet die Digitalisierung die Chance, die Schnittstellenproblematik zu überwinden und die Interaktion und Kommunikation zwischen allen behandelnden Leistungserbringern, Kostenträgern und dem Patienten zu stärken.

Patienten aufklären und in Prozesse einbeziehen

Und die Patienten selbst? Der digitale Wandel in der Medizin wird die Selbstbestimmung weiter vorantreiben und letzten Endes gar den „mündigen Patienten“ einfordern. Hiermit ist nicht nur das vom Gesetzgeber geforderte Patienten-Empowerment gemeint, wonach die Betroffenen die Möglichkeit haben, sich über ihren Krankheitsverlauf zu informieren, mitzuwirken und Entscheidungen mitzutreffen. Ein wichtiger Eckpfeiler ist hier das selbstständige Lesen und Eintragen in der ePA sowie die eigenständige Legitimation, wer auf die persönlichen Gesundheitsdaten zugreifen darf.

Auch direkte Fragen im und nach dem Klinikaufenthalt gehören ergänzend zu einem gelebten Risikomanagement. Dadurch erhalten Patienten und Angehörige die Chance zu verstehen, was während eines Krankenhausaufenthaltes passiert und worauf sie achten sollen. Als Teil des Sicherheitskonzepts eines Smart Hospitals hat beispielweise die Universitätsmedizin Essen einen speziellen Leitfaden für die Patienten entwickelt. Als digitale oder gedruckte Broschüre klärt er darüber auf, welche Verhaltensregeln beachtet werden können, um die Genesung selber zu unterstützen. Dazu zählt auch der rege Austausch mit den Beschäftigten, wenn bei Pflege, Behandlung oder der Hygiene Bedenken aufkommen.

In wohl kaum einem anderen Bereich wird sich das eigenverantwortliche Handeln der Patienten zudem so deutlich zeigen wie bei der Verwendung von Gesundheits-Apps. Die Anwendungen bergen sowohl Chancen als auch Risiken für die Patientensicherheit. So können diese einerseits Therapien in Form von Aufklärung und Bereitstellung von Informationen unterstützen. Andererseits entstehen durch Fehlinformationen oder den Missbrauch persönlicher Daten neue Sicherheitsprobleme. Die hat das APS erkannt und eine Handlungsempfehlung für die Nutzung von Gesundheits-Apps erstellt, die die Nutzer anhand von Checklisten sicher durch das boomende Segment in den App-Stores navigieren soll. Neben wichtigen Kriterien wie dem Schutz der persönlichen Daten, regelmäßigen Updates oder Infos zum konkreten Anwendungsbereich klärt die Handlungsempfehlung auch darüber auf, dass eine App in keinem Fall einen Ersatz für einen Arztbesuch darstellt.

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