Point-of-Care-Testing ist ein Milliardenmarkt

Point-of-Care-Testing hat den Alltag längst erreicht: den Schwangerschaftstest zum Selbstmachen kennen viele. Fast ebenso bekannt sind Geräte und Teststreifen zum Blutzuckermessen zu Hause. Dem ein oder anderen Krankenausarzt fallen dann noch Dinge wie ein Blutbild am Krankenbett ein. Keine Frage:

Das Labor ist vielfach mobil geworden - in der Hand des Arztes und in der Hand des Patienten: Mehr als 100 unterschiedliche Parameter dürften bereits heutzutage patientennah erfassbar sein. Und wenngleich sich die Messmethoden ändern, werden es immer mehr.

Davon können sich Fachbesucher überzeugen bei der mit gut 4.500 Ausstellern weltgrößten Medizinmesse Medica. Bereits bei der letzten Medica wurden Geräte zur Blutzuckermessung vorgestellt, die die gemessenen Daten an Krankenhausinformationssysteme weiterreichen können. Das könnte helfen, die Dokumentation zu vereinfachen und somit Geld zu sparen.

NMR-Gerät in der Größe eines Kaffebechers

Es wird nicht mehr lange dauern, dann sind selbst analytische Geräte der Kernspinresonanzspektroskopie (NMR) so kompakt ausgestaltet, dass sie ans Bett des Patienten gebracht werden können. Über eine spannende technische Entwicklung dazu informierten kürzlich die Forscher des „Center for Systems Biology" am Massachusetts General Hospital.

Sie arbeiten an einem tragbaren „microNMR"-Gerät von der Größe eines Kaffeebechers, das in Kombination mit einem Smartphone und einer passenden Mini-Software-Applikation („App") die Diagnose lebensbedrohender Tumore binnen einer Stunde ermöglichen kann.

Mit einer Kombination aus vier Markern soll dies die Anwesenheit von Krebszellen im Menschen mit einer Genauigkeit von 96% voraussagen. Dem Patienten wird mit einer Sonde etwas Gewebe entnommen und ins Testgerät gegeben. Dieses enthält Antikörper gegen Krebsmarker, die an magnetische Partikel gebunden sind. Finden diese Antikörper ihrerseits ihren Krebsmarker, so lässt sich dies identifizieren.

In einer kleinen Versuchsreihe mit fünfzig Patienten mit Unterleibskrebs wurde bei 44 Patienten bösartiger Krebs entdeckt. Eine große klinische Bewährungsprobe steht zwar noch aus. Solche und ähnliche Methoden haben allerdings realistische Chancen, in naher Zukunft das herkömmliche Labor sinnvoll zu ergänzen.

Tatsächlich wird in Europa bereits heute mit POCT („Point-of-Care-Testing") ein Umsatz von etwa 3 Mrd. € gemacht, ein Drittel davon in Deutschland.

Den größten Anteil haben derzeit noch Geräte und Teststreifen zur Blutzuckerbestimmung für Diabetiker, berichteten Dr. Alice Schlichtiger und Prof. Dr. Peter B. Luppa vom Klinikum rechts der Isar in München im Rahmen eines Symposiums der Gesellschaft Deutscher Chemiker.

Er wird gemeinsam mit Priv.-Doz. Dr. Dr. Hans Günther Wahl über die POCT in der Arztpraxis beim Medica Kongress im Congress Center am Mittwoch, 16. November ab 10 Uhr sprechen. Für sie sind Analysen im Eigenlabor bei entsprechender Organisation auch in der eigenen Praxis wieder wirtschaftlich möglich - zumindest seitdem die Leistungserbringung im Bereich des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) besser vergütet wird und neue Parameter wie zum Beispiel BNP hinzugekommen sind. Die Referenten werden im Seminar mit der Nummer 115 zahlreiche aktuelle Fragen zur patientennahen Sofortdiagnostik in der Praxis beantworten. Nicht nur in Arztpraxen und Krankenhäusern erfreut sich die schnelle Diagnostik einer gewissen Beliebtheit.

Diskussionswürdig: ausgefeilte Technik in Laienhand

Selbst unter Sportlern gibt es den ein oder anderen, der sich mit POCT auseinandersetzt. Dabei spielen etwa die Parameter Lactat, Glukose und Hämoglobin eine besondere Rolle. Auch sie sollen vor Ort messbar sein - um damit das Training ohne Zeitverlust steuern zu können. Diabetiker können prinzipiell bereits ihre Blutzuckerwerte via Smartphone an den Hausarzt schicken.

Die Deutsche Telekom bietet seit August in ihren Shops mit den „VitaDock"-Produkten von Medisana mobile Geräte zur Gesundheitskontrolle an. Damit können Verbraucher Blutzucker, Temperatur, Gewicht sowie ihren Blutdruck und Puls via „iPhone", „iPad" und „iPod touch" einfach und schnell erfassen, auswerten, speichern und kommunizieren. Dank einer kostenlosen „App" werden Smartphone & Co. auf diese Weise zum Gesundheitsmanager. Aber diese in vielerlei Hinsicht erfreuliche Entwicklung hat auch eine diskussionswürdige Kehrseite.

Auf die Problematik zum Beispiel der Genauigkeit wird immer wieder hingewiesen. Im Krankenhaus hat die Bundesärztekammer recht strikte Regeln verordnet. So muss mindestens einmal wöchentlich eine Kontrollprobeneinzelmessung durchgeführt und bewertet werden, sofern in dieser Kalenderwoche mit diesem Verfahren Patientenproben untersucht werden. Im privaten Bereich ist es dagegen durchaus wahrscheinlich, dass dies nicht immer so strikt gehandhabt wird. Offen bleibt somit bei mancher Methode, wie genau sie nach einiger Zeit in Laienhänden ist.

Risiken und Potentiale mobiler Diagnostiksysteme

Abgesehen von solchen eher organisatorischen Herausforderungen ist an der Universität Greifswald ein Forschungsprojekt zu Risiken und Potentialen von mobilen miniaturisierten Diagnostiksystemen angelaufen, die als „Lab-on-a-Chip"-Systeme (LOC) bezeichnet werden.

Sie ermöglichen als Sonderfall der POCT ebenfalls Diagnosen direkt beim Patienten, ohne dass dafür Proben mit Biomaterial verschickt werden müssen. Der entsprechende Projektverbund DIA-LOC wird vom Lehrstuhl für Gesundheit und Prävention am Institut für Psychologie der Universität Greifswald geleitet. Partner in Greifswald, Göttingen und Berlin sind eingebunden. Das interdisziplinäre Forschungsvorhaben zur Technologiefolgenbewertung wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die kommenden drei Jahre mit etwa 800.000 € gefördert.

Chancen und Risiken sind dabei stark abhängig vom jeweiligen Marker. Neben grundsätzlichen Fragen möchte der Projektverbund auch untersuchen, wie bei einem möglichen Einsatz im Verbraucherbereich diagnostische Informationen ohne professionelle Unterstützung interpretiert werden und ob sich daraus auch ein Bedarf an neuen Gesundheitsexperten bzw. Gesundheitsberatern ableitet, welche diagnostisch relevante Informationen für den Privatanwender sachgerecht ‚übersetzen‘ und verständlich machen. Dr. Holger Mühlan vom Institut für Psychologie der Universität Greifswald: „Dies könnte auch Konsequenzen für das berufliche Selbstverständnis von Ärzten haben." Und das mag sich je nach Arzt wie eine Bedrohung - oder eben wie eine Verheißung anhören.

 

 

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