Alternative zur Zweitbiopsie

Mit dem PCA3-Test zu einer sicheren Prostatakrebs-Diagnose

  • Die Urinprobe soll nach rektaler Untersuchung des Patienten unmittelbar nach der Palpation gewonnen werden. Der Urin wird dann in einem Röhrchen gesammelt, das bis zu fünf Tagen bei Zimmertemperatur gelagert und transportiert werden kann. Für die UrinanalDie Urinprobe soll nach rektaler Untersuchung des Patienten unmittelbar nach der Palpation gewonnen werden. Der Urin wird dann in einem Röhrchen gesammelt, das bis zu fünf Tagen bei Zimmertemperatur gelagert und transportiert werden kann. Für die Urinanal

Rund 50.000 Patienten erkranken jedes Jahr in Deutschland an einem Prostata-Karzinom. Zu dessen sicherer, nicht-invasiver Diagnose und zum Vorteil der Patienten führte vor zwei Jahren die Uniklinik Tübingen das PCA3-Nachweisverfahren ein. Bislang müssen die Patienten die Kosten für die Untersuchung als IGeL-Leistung selbst tragen. Die Akzeptanz steigt dennoch stetig.

Anfang 2008 etablierte Prof. Arnulf Stenzl, Direktor der Urologie an der Uniklinik Tübingen (UKT), den neuen sog. Progensa-Nachweistest aus USA zur Diagnose von Prostata-Krebs. Neben den Patienten am UKT kamen als Einsender für den Urin auch niedergelassene Urologen mit ihren Patienten in Betracht. 2007 hatte sich die UKT als eine von sieben europäischen Kliniken an der an der erfolgreich verlaufenen klinischen Prüfung des neuen molekulargenetischen Testverfahrens beteiligt. Der PCA3-Test (Prostate Cancer Gene 3) von Gene Probe Inc., San Diego, ist entscheidungsrelevant bei Patienten mit einer ersten Prostata-Biopsie, die erneut biopsiert werden sollen. „Jeder Patient hat einen spezifischen PCA3-Wert, der sich ändern kann. Und je höher der PCA3-Wert ist, desto größer ist wahrscheinlich das Volumen des vorhandenen Karzinoms", erläutert der Tübinger Urologe, der die Einführung des nicht-invasiven, für den Patienten kostenpflichtigen Tests befürwortet hatte.

Steigende Akzeptanz

Trotz der bislang fehlenden Kostenübernahme durch die öffentlichen Krankenkassen steigt die Akzeptanz des PCA3-Tests auch bei den Patienten. „Wir führen immer mehr PCA3-Tests in unserem Kliniklabor durch, da mit einer Spezifität von ca. 70-75% und einer Sensitivität von bis 90% sehr zuverlässige Ergebnisse erzielt werden", fasst Prof. Stenzl die Entwicklung in den beiden ersten Jahren zusammen. Neben der medizinischen Verlässlichkeit des neuen Urintests spielt natürlich auch der Wunsch der Patienten eine Rolle, eine Biopsie der Prostata zu umgehen. In der Urologischen Abteilung des Uniklinikums Tübingen werden nach Mitteilung von Prof. Stenzl pro Jahr weit über 1.000 Patienten behandelt, davon ca. 500 im Prostata-Krebszentrum. Voraussetzung für einen PCA3-Test sind erhöhte PSA-Werte des Patienten nach einer negativ verlaufenen Erstbiopsie.

Der PSA-Test ist nur begrenzt aussagekräftig, da er nach Auffassung von Prof. Stenzl „zu viele Ausreißer" enthält. So liegt nur bei 30% der Patienten mit erhöhten PSA-Werten auch tatsächlich ein Prostata-Krebs vor. Die übrigen 70% der Patienten haben meist eine benigne Hyperplasie und unterziehen sich der manchmal auch schmerzhaften Prozedur der Biopsie umsonst. Gravierender ist jedoch, dass bis zu 25% der Patienten bei der Zweitbiopsie ein Prostata-Karzinom aufweisen, das die feine Biopsienadel beim ersten Mal wahrscheinlich verfehlte und nun bei der zweiten Gewebeentnahme diagnostiziert wird. Daran wird deutlich, dass Bedarf an einem sicheren, nicht-invasiven Testverfahren bestand.

Über Holland nach USA und von dort nach Tübingen

Das Testverfahren wurde in Nijmwegen, NL, von zwei holländischen Biologen als Bluttest entwickelt und nach USA verkauft. Dort entwickelte das kalifornische Biotech-Unternehmen Gen Probe Inc. das Verfahren weiter. Seine Zuverlässigkeit testeten die Urologen um Prof. Arnulf Stenzl von der Uniklinik Tübingen im Jahr 2007 in einer europaweiten Studie mit sechs ausländischen Kliniken. PCA3 ist ein Protein, das von Krebszellen in der Prostata in durchschnittlich um 66% erhöhten Mengen exprimiert wird und im Urin nachgewiesen wird. Es handelt sich keineswegs um ein sehr einfaches Verfahren, da der PCA3-Wert eine Korrelation zwischen dem PSA- und dem PCA3-Wert darstellt. Er signalisiert eine mehr oder weniger große Wahrscheinlichkeit für eine negativ oder positiv verlaufende Biopsie. Je niedriger der PCA3-Wert, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines Prostata-Karzinoms. Eine spezielle PCA3-Skala gibt Auskunft, ob der Biopsiebefund eher negativ oder eher positiv sein wird. Ab Grenzwert 35 nimmt die Wahrscheinlichkeit für ein vorhandenes Prostata-Karzinom zu. Je niedriger der PCA3-Wert unterhalb von 35, desto sicherer wird die Prognose für ein negatives Biopsie-Ergebnis.
Beim molekularbiologischen Progensa-Test werden Zellen des Gens PCA3 aus der Prostata im Patientenurin analysiert. Werden Prostata-Zellen von einem Karzinom befallen, exprimieren sie vermehrt eine nicht-kodierende RNA dieses Gens. PCA3 stellt demzufolge einen Biomarker für Prostata-Krebs dar.
Zur Veranschaulichung werden nachfolgend die Resultate der europaweiten, klinischen Studie aus 2007 mit insgesamt 199 Patienten mitgeteilt: In der ersten Gruppe (PCA3-Wert unter 10) besaßen exakt 37 Patienten eine Wahrscheinlichkeit von 14%, dass ihre Prostata-Biopsie positiv verlaufen würde. Bei einem PCA3-Wert von 10-19 besaß die zweite Patientengruppe (N=49) ein Risiko von nur 12%. Bei der dritten Testgruppe (N=44) mit PCA3-Werten von 20-34 würde zu 23% positiv eine Prostata-Biopsie verlaufen. Anders gesagt: Zu 77% wird das Biopsie-Ergebnis in dieser dritten Gruppe negativ sein. Der PCA3-Wert 35 stellt die Trennungslinie dar. Darüber steigt die Wahrscheinlichkeit für eine positive Prostata-Biopsie an, darunter nimmt sie ab. Bis zum Wert 49 ergab sich in der Testgruppe eine Wahrscheinlichkeit von 36% (22 Patienten), bei einem PCA3-Wert von 50-100 (29 Patienten) von 38%. Schließlich lag bei 18 Patienten mit einem PCA3-Wert über 100 die Wahrscheinlichkeit für eine positiv verlaufende Prostata-Biopsie bei 50%. Dies sind keine überragend klaren Werte. Sie sind aber nach Aussage der Tübinger Urologen stabil.

PCA3-Nachweis im Urin

Die Urinprobe wird im Labor mit modernsten Technologien wie Target-Capture, Transcription-Mediated Amplification (TMA) und Hybridisation Protection Array (MPA) mengenmäßig untersucht. Gemessen und verglichen werden zwei Proteinwerte, die PSA-mRNA sowie die PCA3-mRNA. Durch eine Subtraktion, PCA3-Menge minus PSA-Menge, wird der definitive PCA3-Messwert errechnet (dies ist nicht der PSA-Wert im Blut!).

Die erwähnte, 2007 durchgeführte multizentrische Studie ergab, dass ab einem PCA3-Wert von 35 ein im Schnitt um 41% höheres Risiko für ein Prostata-Karzinom vorliegt, bei einem Wert unter 35 ist ein Karzinom im Durchschnitt noch zu 16% wahrscheinlich, d.h., es kann zu 84% ausgeschlossen werden. Dies stellt nach Prof. Stenzl ein ziemlich verlässliches Ergebnis dar. Generell ist ein niedriger PCA3-Score ein Indiz für das Fehlen eines Prostata-Karzinoms.
Als eine von sieben Kliniken in Europa bietet die Uniklinik Tübingen derzeit den PCA3-Prostata-Krebstest als IGeL-Leistung an. Er ist inzwischen auch bei privaten Laboren erhältlich. Der Patient kann seinen Urin bei seinem niedergelassenen Urologen in der Praxis abgeben, der ihn anschließend an das Urologie-Labor der UKT einschickt. Niedergelassene Urologen rechnen direkt mit ihren Patienten ab und schicken die Urinprobe ins Kliniklabor. Der Urin soll nach digitaler, rektaler Untersuchung sowie einer unmittelbar vorausgehenden Palpation gewonnen werden, damit möglichst viel Prostata-Sekret in den Harn gelangt.

Seit dem Einführungsjahr 2008 nehmen die Einsendungen von Urin-Röhrchen im Labor der Uniklinik Tübingen stetig zu, so Dipl.-Biol. Jörg Hennenlotter, Labor-Mitarbeiter, der mit Oberarzt Dr. David Schilling den PCA3-Test ebenfalls als eine zuverlässige Testmethode betrachtet. Prof. Stenzl betont, dass der PCA3-Test den PSA-Test nicht ersetzt, auch wenn er ihm in puncto Zuverlässigkeit überlegen ist und dem Urologen wie dem Patienten eine höhere Diagnosesicherheit vermittelt. Denn auch beim Prostata-Karzinom gilt, dass Tumore besser therapiert werden können, wenn sie frühzeitig entdeckt werden. Ein organbegrenztes Prostata-Karzinom ist dauerhaft heilbar, bei Metastasen nehmen die Heilungschancen deutlich ab.

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