Aus den Kliniken

Systematische Vermeidung von Medikationsfehlern

19.03.2015 -

Falsche Arzneimittel sind eine häufige und ernsthafte Gefahr für Patienten. Die Bundesregierung sieht hier dringenden Handlungsbedarf. Das Universitätsklinikum Frankfurt hat eine Strategie zur strukturierten Verhinderung von Verabreichungsfehlern entwickelt, die auch als Modell für andere Krankenhäuser dienen kann.

Die Arzneimitteltherapie ist der fehleranfälligste Teil der medizinischen Versorgung: Nationale und internationale Studien kommen zu dem Ergebnis, dass rund 80 Prozent aller Behandlungsirrtümer in Krankenhäusern bei der Medikation passieren - mit teils lebensbedrohlichen Folgen.

Bislang wurden solche Fehler in Deutschland allerdings überhaupt nicht systematisch erfasst. Die Bundesregierung fordert von Krankenhäusern daher Maßnahmen zu ihrer Registrierung und Vermeidung. Zu diesem Zweck hat das Universitätsklinikum Frankfurt eine Arbeitsgruppe eingesetzt, deren Lösungskonzepte jetzt umgesetzt werden. Diese beinhalten Sicherungsvorkehrungen im Einkauf, in der Verordnung und in der Verabreichung der Medikamente. Mit den Herstellern hat das Klinikum daran gearbeitet, die Verwechslungsgefahr der Arzneimittel zu minimieren. Bei Verschreibung und Darreichung helfen neue elektronische Systeme, Versehen zu vermeiden.

Daneben ist auch die Sensibilisierung der Patienten ein ganz wesentliches Element. Eine im März 2015 vom Universitätsklinikum veröffentlichte Broschüre informiert umfassend über Vorsichtsregeln bei der Medikamententherapie. „Für uns genießt Patientensicherheit oberste Priorität. Deswegen freuen wir uns, dieses wegweisende Konzept zur Optimierung der Arzneimittelsicherheit jetzt realisieren zu können", sagt Prof. Jürgen Schölmerich, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums.

Aktionsbündnis zur Steigerung der Patientensicherheit

Das Universitätsklinikum Frankfurt ist Teil des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Es wurde im April 2005 als gemeinnütziger Verein gegründet, der sich für eine sichere Gesundheitsversorgung einsetzt und der Erforschung, Entwicklung und Verbreitung dazu geeigneter Methoden widmet. Innerhalb dieses Bündnisses hat die Arbeitsgruppe Medikationssicherheit eine Checkliste zur Arzneitherapiesicherheit im Krankenhaus erarbeitet. Die zentralen Forderungen an die Krankenhäuser sind die Einrichtung einer Arbeitsgruppe, die Einführung einer Verordnungssoftware in der elektronischen Krankenakte, die bewusste Vermeidung von Verwechslungen, die Sensibilisierung der Patienten, die Einrichtung eines Fehlermeldesystems und die individualisierte Versorgung mit Medikamenten. Das Universitätsklinikum Frankfurt hat 2013 eine entsprechende Arbeitsgruppe gegründet. Sie hat Lösungen für die unterschiedlichen Anforderungen entwickelt, die ab jetzt als Gesamtkonzept in die Praxis umgesetzt werden.

Sensibilisierte Patienten können ihre eigene Sicherheit erhöhen

Das Universitätsklinikum hat im März 2015 eine Patienteninformation zur Sicherheit der Arzneimitteltherapie veröffentlicht. „Die Broschüre soll die Patienten darauf aufmerksam machen, dass sie selbst einiges zur Sicherheit ihrer Medikamententherapie beitragen können", erklärt Prof. Sebastian Harder, klinischer Pharmakologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission am Universitätsklinikum. Detailliert werden von der Therapievorbereitung über den stationären Aufenthalt bis zur Entlassung alle Aspekte thematisiert, die für die Fehlervermeidung relevant sind. Zentral ist dabei, dass der Patient die behandelnden Ärzte und Pfleger über alles informiert, was für die Medikation relevant sein könnte. Dafür stellt die Broschüre umfassende Checklisten für den Patienten bereit. Außerdem gibt sie vielfältige Tipps, wie er mit seinem Verhalten zur Vorbeugung von Irrtümern beitragen kann. Dies beginnt mit kleinen Schritten, indem er beispielsweise die korrekte Schreibung seines Namens überprüft, um mögliche Verwechslungen zu verhindern.

Anforderung der Medikamente mithilfe intelligenter Software

Ein wesentlicher Teil der Arzneimittelbehandlung sind Zytostatika, also Substanzen, die für Chemotherapien in der Onkologie eingesetzt werden. Zur Optimierung des Zytostatika-Managements hat das Universitätsklinikum jetzt die Software Cato eingeführt. Sie unterstützt die Therapieplanung und -begleitung sowie die Zytostatikaherstellung. Dafür sind in der Software über 400 sogenannte Therapieprotokolle hinterlegt, damit jeder Patient je nach seiner ganz persönlichen Erkrankung die optimale Therapie erhält. Der behandelnde Arzt fordert die Zytostatika über das Cato-System an und wählt dabei im klar gegliederten Menü unter vorgegebenen Optionen aus. Damit werden Übertragungsfehler ausgeschlossen. Die Anforderung wird dann in der Apotheke geprüft. Mithilfe der Software erfolgt anschließend eine computerunterstützte Herstellung. Nach Kontrolle und Freigabe wird das individuell zubereitete Chemotherapeutikum an die Fachklinik geschickt.

Irrtümer vermeiden durch Prävention und Analyse

Eine verbreitete Fehlerquelle ist die Verwechslung von ähnlich aussehenden und klingenden Medikamenten. Dies wird SALA-Problem genannt - als Abkürzung für „sound alike, look alike". „Wir arbeiten im Rahmen des Konzepts zur Arzneimitteltherapiesicherheit mit den Herstellern der Medikamente daran, dass Verpackungen und Schreibweisen von Arzneimitteln sich deutlich unterscheiden. Wir konnten auf diesem Weg bereits umfangreiche Verbesserungen hin zu einer ganz eindeutigen Unterscheidbarkeit erzielen", sagt Dr. Nils Keiner, Leiter der Klinikumsapotheke.

Um künftige Irrtümer erfolgreich vermeiden zu können, ist außerdem eine methodische Erfassung bereits aufgetretener Fehler erforderlich. Ein solches System ist vor allem deshalb wesentlich, weil der größte Anteil der versehentlichen Handlungen zwar folgenlos bleibt, aber für künftige Fälle doch wesentlich sein kann. Daher führt das Universitätsklinikum aktuell ein Critical Incident Reporting System (CIRS) ein. Dieses Programm ermöglicht den Mitarbeitern des Klinikums die anonymisierte Meldung von kritischen Ereignissen und Beinahe-Schäden. Das Berichtssystem gewährleistet die Anonymität des Melders und liefert gleichzeitig verwertbare und substanzielle Informationen.

Weitere Optimierungsschritte in Planung

Der Prozess ist mit diesem Initiativpaket nicht abgeschlossen. Aktuell in der Planung befindet sich die Einführung eines elektronischen Expertensystems für die Verordnung von Medikamenten als Teil der elektronischen Patientenakte. Jedes neu verordnete Medikament wird in einem solchen System mit den vorliegenden Informationen zum Gesundheitszustand und anderen Medikamenten des Patienten abgeglichen. Ein automatischer Alarm wird bei potentiellen Fehlern ausgelöst. „Weitere sinnvolle Schritte folgen und die eingeführten Maßnahmen werden regelmäßig überprüft, damit wir unseren Patienten ein Höchstmaß an Sicherheit bei der Arzneimitteltherapie garantieren können", betont Prof. Schölmerich.

 

Kontakt

Klinikum der J.W. Goethe-Universität Frankfurt am Main

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