Neuroradiologie im Fokus

  • Priv.Doz. Dr. Ansgar Berlis, Chefarzt für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am Klinikum Augsburg.Priv.Doz. Dr. Ansgar Berlis, Chefarzt für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am Klinikum Augsburg.
  • Priv.Doz. Dr. Ansgar Berlis, Chefarzt für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie am Klinikum Augsburg.
  • 3-D-Darstellung einer gebluteten Hirngefäßaussackung (Aneurysma – weißer Pfeil – links) vor und sechs Wochen nach Behandlung mit einem Flußbegradiger (Flow diverter – gelbe Pfeile – rechts) mit komplettem Verschluss des Aneurysmas

Die Neuroradiologie beschäftigt sich diagnostisch wie therapeutisch mit Erkrankungen des Zentralen Nervensystem (ZNS) und somit mit Erkrankungen des Gehirns und des Rückenmarks sowie deren unmittelbar benachbarten Strukturen. Daraus resultiert eine sehr enge Kooperation mit den beiden klassischen Neurofächern Neurologie und Neurochirurgie, aber auch zur Augen-, Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Psychiatrie und zur Zahn-Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie.

Das Gehirn ist Schaltzentrale für den Intellekt, aber auch für das Funktionieren des Körpers. So werden die motorischen und hormonellen Funktionen vom Gehirn aus reguliert. Entsprechend können Fehlfunktionen des Gehirns Auslöser für Erkrankungen sein und umgekehrt auch Organerkrankungen zu Regulationsstörungen des Gehirns führen.

Vernetzung der Neuroradiologie

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Alkoholerkrankung, die zunächst durch Gewebewasserverlust zu einer reversiblen Pseudoatrophie, also Hirnsubstanzminderung führt. Bei anhaltendem Alkoholmissbrauch kann es im weiteren Verlauf zu einer Leberschädigung kommen, die zu einer Anhäufung von hirnschädigenden Substanzen führt. Diese lösen neurodegenerative Erkrankungen aus, die bildgebend insbesondere in der Kernspintomografie (MRT) dargestellt werden können.

Dieses Beispiel verdeutlicht die Vernetzung, die die Neuroradiologie als klassisches Neurofach mit vielen weiteren medizinischen Fachbereichen eng verbindet. In der Klinikorganisation ist als Beispiel die Onkologie meist nicht organspezifisch, sondern der Inneren Medizin und diagnostisch damit der Allgemeinen Radiologie zugeordnet. Bei hirneigenen Tumoren und bei Tumorabsiedelungen von primär in anderen Organen gelegenen Tumoren, sogenannten Hirnmetastasen, wäre es ideal, wenn nicht nur die Diagnostik, sondern auch der Therapieverlauf mittels Bildgebung neuroradiologisch betreut wäre.

In den letzten zehn Jahren wird der Neuroradiologie zunehmend mehr Aufmerksamkeit zuteil. Für eine flächendeckende Versorgung sowohl im Niedergelassenen als auch im Klinikbereich fehlt es allerdings an ausgebildeten Neuroradiologen.

Dies liegt darin begründet, dass sich die Neuroradiologie weltweit unterschiedlich entwickelt hat.

Der Beginn der Neuroradiologie in Deutschland war geprägt von Klinkern, die sich für die bildgebenden Verfahren und damit für die Abbildung neurologischer Erkrankungen interessierten. Einen Schub erhielt diese Bewegung mit der Entwicklung der Computertomografie (CT) in den 70er und der MRT in den 80er Jahren. Die Bildgebung im MRT wird über Magnetfelder erzielt, während Angiografie, Computertomografie und andere durchleuchtungsgesteuerte Verfahren in der Neuroradiologie Röntgenstrahlen erfordern. Insofern lag es nahe, dass seit den 90er Jahren die Weiterbildung zum Schwerpunkt Neuroradiologie eine primäre Ausbildung zum Radiologen verlangt, sodass ein Neuroradiologe eine Ausbildungszeit von insgesamt mindestens acht Jahren benötigt.

In den 80ern waren Neuroradiologische Sektionen oder Abteilungen fast ausschließlich an Universitätskliniken angesiedelt und hatten einen Personalbestand von einem bis fünf Ärzten. Aktuell finden sich Neuroradiologen niedergelassen in radiologischen Großgerätepraxen und an mittelgroßen und großen kommunalen, privaten und universitären Krankenhäusern. Die neuroradiologischen Abteilungen weisen dabei eine Größe von bis zu 25 Ärzten auf.

Interventionelle Neuroradiologie

Diese Entwicklung hat verschiedene Ursachen. Im diagnostischen Bereich ist es die bereits beschriebene Verflechtung, die auch Bereiche wie zum Beispiel Strahlentherapie, Endokrinologie, Immunologie/Rheumatologie, Kinderheilkunde mit Neuropädiatrie und pädiatrische Neuroonkologie oder Geburtshilfe mit einschließt. Auch in den Notaufnahmen nehmen Schädeluntersuchungen weit mehr als 50 % der CT-Untersuchungen ein. Im therapeutischen Bereich, der als interventionelle Neuroradiologie (INR) bezeichnet wird, sind die Behandlungszahlen in den letzten Jahren exponenziell gestiegen. Deutschland war in der Schlaganfallsbehandlung in den 80ern weltweit Ausgangspunkt für die lokale Behandlung der Gehirngefäßverschlüsse mittels in die Gehirngefäße eingebrachter Mikrokatheter. Seit den 90er Jahren werden vermehrt Aneurysmen durch das Gefäßsystem behandelt. Diese Methode hat sich gegenüber der chirurgischen Methode mittels offener Operation als Methode der Wahl, insbesondere bei gebluteten Aneurysmen, durchgesetzt. Weitere therapeutische Verfahren umfassen die Behandlung von Blutungen, Hirn- und Rückenmarksgefäßfehlbildungen, Tumorerkrankungen oder Schmerztherapien an der der Wirbelsäule.

Während noch in den 90er Jahren diese Eingriffe selten und an wenigen Kliniken durchgeführt wurden, werden diese nun etablierten Verfahren immer häufiger und an immer mehr Häusern angewandt. Am Klinikum Augsburg mit über 1.700 Betten und einem Einzugsgebiet von über 1,5 Mio. Einwohnern werden aktuell pro Jahr ca. 300 Patienteneingriffe durch das Gefäßsystem durchgeführt, wobei etwa zwei Drittel auf Schlaganfälle und Hirnaneurysmabehandlungen entfallen. Diese Behandlungen erfordern eine logistische klinikinterne Vernetzung, damit Wahleingriffe und vor allem Notfalleingriffe reibungslos durchgeführt werden können. Logistisch ist ein Nadelöhr die Verfügbarkeit der Anästhesie, die insbesondere beim Notfalleingriff ähnlich wie beim Schockraumpatienten entsprechend dem Slogan „Time is brain" unmittelbar gegeben sein muss. Aber auch die Nachversorgung auf einer Intensivstation oder Stroke Unit muss gewährleistet sein. Bezüglich des Eingriffs ist die Verfügbarkeit eines neuroradiologischen Interventionsteams und entsprechenden medizinisch technischen Personals für die Verfahren wie CT, MR und Angiografie über 24 Stunden und sieben Tage pro Woche sicherzustellen. Diese Erfordernisse sind auch unter dem Aspekt des Kostendrucks im Gesundheitssystem nur durch Kliniken mit Maximalversorgungsstatus zu gewährleisten, wobei der personelle Bedarf zur Sicherstellung dieser Therapien enorm hoch ist und für die Kliniken eine besondere Herausforderung darstellt.

Die Neuroradiologie als organspezifischer Teilbereich der Radiologie hat sich in den letzten 20 Jahren zunehmend im diagnostischen als auch therapeutischen Bereich durch einen hohen Grad an Spezialisierung etabliert und ist in dem modernen Kliniknetzwerk eines Großklinikums sowohl medizinisch als auch logistisch nicht mehr wegzudenken.

 

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