Diabetes und Adipositas – die Lawine muss gestoppt werden

  • Patienten sollen Spaß an der Bewegung entdecken und zu körperlicher Aktivität motiviert werden.Patienten sollen Spaß an der Bewegung entdecken und zu körperlicher Aktivität motiviert werden.

Diabetes und Adipositas – die Lawine muss gestoppt werden. Die Bevölkerungsmehrheit der EU war 2000 übergewichtig oder adipös und dieser Trend setzt sich fort.
Die WHO hat die Zunahme der Adipositas weltweit als „Epidemie“ bezeichnet und parallel nimmt auch die Inzidenz des Diabetes mellitus zu; sie verdoppelt sich mit einer Gewichtszunahme bei etwa 4 kg.

In Deutschland ist mittlerweile jeder zweite Erwachsene und vierte bis fünfte Heranwachsende übergewichtig bzw. adipös.
Die Anzahl übergewichtiger oder adipöser Kinder hat in den letzten 15 Jahren um das 2 bis 3-fache zugenommen, etwa 1 Million Kinder und Jugendliche leiden heute an Übergewicht oder Adipositas.
Beim Typ-2-Diabetes mellitus sind die Zahlen ebenfalls beunruhigend.
Waren 1990 bundesweit etwa 4 Millionen Menschen von einem Diabetes betroffen, gibt es derzeit ca. 7 Millionen manifestierte Diabetiker und eine hohe Dunkelziffer von Betroffenen, bei denen die chronische Erkrankung noch nicht diagnostiziert ist.
Experten vermuten, dass jeder 10. Bundesbürger an einem Diabetes leidet und die Zahl der Betroffenen bis 2010 auf etwa 10 Millionen steigen wird.
Der durch körperliche Inaktivität und „Fast-Food“-Ernährung charakterisierte moderne Lebensstil hat katastrophale Folgen, nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich.
Die Kosten für ernährungsbedingte Krankheitsbilder in Deutschland belaufen sich auf schätzungsweise 70 Mrd. € jährlich.
Der besorgniserregende Anstieg von Diabetes und Adipositas könnte durch entsprechende Vorsorgeprogramme verhindert werden.
Dies wurde auch im Jahresbericht der WHO bestätigt: „Um die Belastung der Gesundheitssysteme durch chronische Krankheiten wie Übergewicht, Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Karies und Osteoporose zu senken, müssen Maßnahmen zur Förderung vernünftiger Ernährung, ausreichender körperlicher Bewegung sowie Vermeidung von Nikotin- und Alkoholabusus zum wichtigsten Bestandteil der Gesundheitspolitik werden“.


Prävention ist nicht nur kostengünstiger als die Behandlung des Diabetes und seiner Folgeschäden, sondern schützt gleichzeitig vor vielen anderen Wohlstandskrankheiten wie Herz-Kreislauf- Erkrankungen, degenerative Gelenkserkrankungen oder Dickdarmkrebs.
Dem Typ-2-Diabetes geht eine lange präklinische Phase mit gestörter Glukosetoleranz voraus, die sich einfach feststellen lässt und häufig auch reversibel ist.
Große sorgfältig kontrollierte Präventionsstudien (Diabetes Prevention Program/USA, Finish Diabetes Prevention Study/ Finnland) haben gezeigt, dass sich die Progression der Erkrankung bei Hochrisikopatienten mit gestörter Glukosetoleranz durch Lebensstil- Interventionen verhindern bzw. hinauszögern lassen.
Die in den Studien angestrebte Veränderung des Lebensstils bestand aus einer Gewichtsreduktion von 5% (durch eine mäßig energiebegrenzte Kost), mindestens 30 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag und einer Ernährungsumstellung (weniger gesättigte Fette, mehr ungesättigte Fette, mehr Ballaststoffe aus Cerealien).
Der daraus resultierenden Gewichtsabnahme von 4 kg folgte eine Reduktion der Diabetesinzidenz um nahezu 60 %, während eine Behandlung mit Metformin eine Reduktion der Diabetesinzidenz um 31 % zur Folge hatte.
Die Studien belegten weiter, dass die Gewichtsabnahme und Steigerung der körperlichen Aktivität leichter zu erreichen ist als Änderungen der Ernährungsgewohnheiten.
Bei Patienten mit bereits diagnostiziertem Diabetes mellitus leistet körperliche Betätigung einen Beitrag zur Minderung von Risikofaktoren für Folgeerkrankungen, wie eine kürzlich veröffentlichte Metaanalyse von 15 randomisierten kontrollierten Studien zeigte.
Regelmäßiges Training mit übergewichtigen Typ-2- Diabetikern führt zu Veränderungen in der Körperzusammensetzung im Sinne einer Abnahme des Körperfettanteils (vor allem des abdominalen Fettdepots) und einer Zunahme der fettfreien Masse, insbesondere der Muskulatur.
Bemerkenswert dabei ist, dass Insulinsensitivität und Glukosetoleranz verbessert und durchschnittliche Tagesblutzuckerspiegel gesenkt werden, obwohl es zu keiner oder nur geringer Gewichtsreduktion kam.
Demnach muss bei der Gewichtsabnahme auf kalorienreduzierte Kost geachtet werden, das HbA1c sinkt nach längeren Trainingsperioden.
Die Ruheblutdruckwerte bleiben sowohl bei Ausdauer- als auch bei Krafttraining gleich oder fallen ab.
Die Ergebnisse zeigen, dass durch regelmäßiges Training Einfluss auf verschiedene Faktoren, die zur Entstehung der mikro- und makroangiopathischer Veränderungen führen und zur Senkung der Komplikationsrate bei Typ- 2-Diabetikern beitragen, genommen werden kann.
Da fast jeder dritte Bundesbürger im Lebensverlauf einen Typ-2-Diabetes entwickelt, müssen Präventionsstrategien auf breiter Bevölkerungsebene stattfinden.
Diese sollten darauf zielen, den gesunden Lebensstil zu fördern und zwar nicht nur bei Risikopatienten. Zielgruppen sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene jeden Alters, für die geeignete Programme zu implementieren sind.
Laut Positionspapier 2005 des Aktionsforums Diabetes als Teil des Nationalen Diabetes Programms (NAFDM) müssen folgende Komponenten in die Maßnahmen zur Prävention eingeschlossen werden:  Einhaltung eines normalen Körpergewichts (BMI < 25 kg/m2),  gesundheitsförderliche, ausgewogene Ernährung (fettmoderat, ballaststoffreich),  regelmäßige körperliche Bewegung von wenigstens 30 Minuten/ Tag an mindestens fünf Tagen/ Woche.
Diese Empfehlungen gelten unabhängig vom Alter für Personen mit und ohne Familienanamnese für Typ-2-Diabetes.
Zur Umsetzung von Präventionsmaßnahmen gibt es eine Reihe von Vorschlägen.
Patienten mit manifesten Diabetes könnten in Disease- Management-Programmen (DMPs) regelmäßig medizinische Trainingsangebote zur Bewegungstherapie – angeleitet durch geschulte Therapeuten – nutzen, um ihr Aktivitätsniveau zu erhöhen.
Die Betroffenen müssen motiviert werden, nach Beendigung einer Trainingsperiode selbstständig weiter zu trainieren, damit das Risiko für Folgeerkrankungen langfristig reduziert wird.
Um der rasanten Zunahme von Adipositas- und Diabetesinzidenz entgegenzuwirken, sind rasche und nachhaltige Maßnahmen zur Optimierung des Lebensstils erforderlich.
Nur so kann die Adipositas- und Diabetes-Lawine langfristig gebremst bzw. gestoppt werden.

Kontakte:
Dr. Monica Negrean
Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen
mnegrean@hdz-nrw.de

Dr. Michaela Müller-Rösel
Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen mueller.roesel@gmx.de

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