Prävention des Diabetes mellitus – Zeit zur Implementation

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Prävention des Diabetes mellitus – Zeit zur Implementation. Eine der großen Herausforderungen in der Diabetologie unserer Zeit ist die Implementation von Programmen zur Diabetes-Prävention.
Mehrere große internationale Studien belegen, dass die Prävention des Diabetes mellitus Typ 2 bei Risikopersonen durch Lebensstil-Veränderung sowie einer frühen medikamentösen Intervention möglich und erfolgreich durchführbar ist.
Erfolgreiche Diabetes-Präventionsprogramme sind dringend notwendig, da eine Diabetesdiagnose auch heute noch eine signifikante Verkürzung der individuellen Lebenserwartung, Einbußen an Lebensqualität für den Betroffenen und eine Erhöhung der Kosten für das Gemeinwesen bedeutet.
Zudem stellen die Vorstadien des Typ-2-Diabetes, die gestörte Glukosetoleranz (IGT) und die gestörte Nüchternglukose (IFG) einen entscheidenden Risikofaktor für einen zukünftigen Diabetes bzw. eine kardiovaskuläre Erkrankung dar.
Ein weiterer Aspekt, der die Notwendigkeit der Diabetes-Prävention verdeutlicht, ist der Anstieg der Inzidenz des Typ-2-Diabetes im Kindesund Jugendalter.
In Anbetracht der Explosion der Diabetes-Erkrankungen und des fehlenden kurativen Ansatzes in der Behandlung bleibt nur die Verhinderung der Erkrankung in ihrer Entstehung – demzufolge die suffiziente Primärprävention des Diabetes.
Als Herausforderung im Gesundheitssektor ergeben sich drei zentrale Fragen:

1. Wie kann man Risikopersonen identifizieren?
2. Wie kann man Risikopersonen informieren und zur notwendigen Lebensstil-Änderung motivieren und welche Art von Intervention eignet sich am besten?
3. Wie kann man die Nachhaltigkeit der Lebensstil-Änderung gewährleisten?

Auf diese Fragen aufbauend haben die Arbeitsgemeinschaft „Prävention des Diabetes mellitus Typ 2“ der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (AG P2) und die Projektgruppe „Prävention“ des Nationalen Aktionsforum Diabetes mellitus (NAFDM), zusammen mit der Deutschen Diabetes- Stiftung (DDS), ein 3-schrittiges Konzept zur Einführung eines Diabetes-Präventionsprogramms entwickelt.


Für die praktische Umsetzung wurde ein Leitfaden zur Diabetes- Prävention erarbeitet, der die Ziele und Maßnahmen der einzelnen Programmschritte genauer spezifiziert.

Schritt 1: Frühzeitige Risiko-Erkennung
Zur frühzeitigen Erkennung von Risikopersonen ist der Findrisc Risiko- Fragebogen am besten geeignet, da er mit acht einfachen Fragen das Diabetes- Risiko abschätzt und ohne Labortest auskommt.
Der Scorewert aus acht Fragen zu Alter, Diabetes in der Verwandtschaft, Taillenumfang, körperliche Aktivität, Ernährungsgewohnheiten, Blutdruckanamnese, erhöhte Blutzuckerwerten und Body Mass Index (BMI) ermöglicht eine dreistufige Unterscheidung danach, ob der Testteilnehmer mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht erkannter Diabetiker ist, ein erhöhtes Risiko besitzt, in den nächsten 10 Jahren an Diabetes Typ 2 zu erkranken, oder als Nichtrisikoperson zu gelten hat.
Ein solches Fragebogen- Screening kann ohne großen Aufwand bevölkerungsweit durchgeführt werden und stellt ein gutes Instrument dar, um Risikopersonen für einen späteren Typ-2-Diabetes zu identifizieren.
Weitere Vorteile des Tests sind, dass eine Risikoaussage ohne Untersuchung von laborchemischen Daten möglich ist (dadurch wesentlich geringere Kosten) und sofort ein Ergebnis (Summen- Score) liefert, das für den medizinischen Laien verständlich ist und somit bei erhöhtem Risiko Betroffenheit (Awareness) erzeugen kann.

Schritt 2: Intervention zur Diabetes-Prävention
Die durch eine Lebensstil-Änderung erreichbare Risikoreduktion für das Auftreten einer Diabetes-Erkrankung liegt nachweisbar zwischen 46 % und 58 %.
Für die gezielte Intervention zur Lebensstil-Modifikation lassen sich folgende Zielvorgaben ableiten: 
• Gewichtsreduktion um 5–7%
• 150 Minuten körperliche Aktivität/ Woche
• 15 g faserhaltige Ballaststoffe/ 1.000 kcal Nahrungsaufnahme
• Höchstens 30 % Fettanteil in der täglichen Nahrung
• Höchstens 10 % gesättigter Fettsäuren- Anteil in der täglichen Nahrung

Die Zielvorgaben der Gewichtsreduktion und Steigerung der körperlichen Aktivität müssen dabei gleichermaßen umgesetzt werden.
Mit der kontinuierlichen Umsetzung jedes weiteren Zielwertes steigt der Effekt in der Prävention des Diabetes.
Wenn vier oder sogar alle fünf Zielvorgaben über die Studiendauer hinweg erreicht werden, ist eine fast 100%ige Prävention des Diabetes möglich.
Die therapeutischen Maßnahmen zur Umsetzung von Lebensstil- Interventionen sollten gleichermaßen Elemente zur Motivation und Lebensstil-Modifikation (= Schritt 2) sowie Stabilisierung und Erhaltung des veränderten Lebensstils (= Schritt 3) enthalten.

Schritt 3: Kontinuierliche Weiterbetreuung und Qualitätsmanagement
Untersuchungen haben gezeigt, dass einmalige Interventionsmaßnahmen nicht geeignet sind, langfristige Verhaltensänderungen herbeizuführen.
Aus diesem Grund sollen die zum Teil sehr unterschiedlichen, zeitlich begrenzten Angebote in einen kontinuierlichen Interventionsprozess zum Zweck der Verhaltensstabilisierung übergehen.
Dieser wird begleitend evaluiert und einer Qualitätskontrolle unterzogen, um eine qualitativ hochwertige Betreuung sicherzustellen, ebenso Non-Responder und neu manifestierte Diabetiker zeitnah zu diagnostizieren.
Um eine praktikable und kostengünstige Umsetzung der Qualitätskontrolle zu ermöglichen ist es sinnvoll, nicht auf Laborparameter zurückgreifen zu müssen.
Mit der regelmäßigen Auswertung von Blutdruck und Taillenumfang kann eine individuelle Erfolgsbeurteilung angeboten werden, um eine Verschlechterung der Situation möglichst früh zu erkennen und rechtzeitig intervenieren zu können.
Für die Ermöglichung einer bundesweiten Umsetzung von Interventionsprogrammen zur Diabetes- Prävention, ist eine einheitliche und gut abgestimmte Prozess-Struktur notwendig.
Zentrale Person in diesem Konzept ist der Präventionsmanager (PM).
Dieser ist vor Ort für die Durchführung der Intervention und Schulung mit verschiedenen Interventionsgruppen verantwortlich.
Der Arzt ist Partner des PM an der Schnittstelle der Diabetes-Diagnose im Verlauf des Programms.
Eine übergeordnete Struktur unterstützt die PMs und bietet zentrale Programmangebote an (Informationsmaterialien, Evaluation und Qualitätskontrolle, Aus- und Weiterbildung).
Um eine gleich bleibend hohe Prozessqualität sicherzustellen, wird auf allen drei Ebenen anhand der Parameter Blutdruck und Taillenumfang bei Risikopersonen der Programmerfolg gemessen.
Jedes Programm sollte sich im Rahmen des NAFDM gemeinsam mit der AG P2 einer neutralen Begutachtung unterziehen.
Falls das Programm bzw. Projekt die entsprechenden Qualitätskriterien erfüllt, erhält es ein entsprechendes Gütesiegel und ist damit Teil des Nationalen Aktionsplans Prävention.
Als Fazit bleibt, dass angesichts der weltweit rasanten Diabetes-„Epidemie“ entscheidende Weichenstellungen erfolgen müssen, um über eine Forcierung der primären, sekundären und tertiären Diabetes- Prävention schrittweise zu einem Nationalen Diabetes-Präventionsprogramm zu gelangen.
Zur Verwirklichung eines solchen Vorhabens sind viele Partner nötig, die sich in diesen Prozess einbringen.
Wichtig ist dabei die politische Vorarbeit; gefordert sind wissenschaftliche Partner und Standesorganisationen. Aber auch die Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie werden wesentliche Kooperationspartner sein.
Bei überzeugender Umsetzung eines solchen Programms wird dabei nicht nur die Prävention des Diabetes erfolgreich realisiert werden können, sondern gleichzeitig die Prävention des Metabolischen Syndroms und insbesondere der kardiovaskulären Komplikationen möglich sein.
Das vorliegende Konzept ermöglicht die dezentrale Implementation eines Programms zur primären Diabetes-Prävention inklusive eines Qualitätsmanagements samt Evaluation.
Von entscheidender Bedeutung aber wird es sein, wie erfolgreich und wie langfristig stabil die Risikopersonen motiviert werden können, die Lebensstil-Änderung umzusetzen.
Die Primärprävention des Diabetes mellitus bedeutet eine lebenslange Verantwortung.

Kontakt:
Dr. Peter E.H. Schwarz
Universitätsklinikum Dresden
Medizinische Klinik III
pschwarz@rcs.urz.tu-dresden.de

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