ESBL-Infektionen steigen weltweit

  • Prof. Petra Gastmeier von der Berliner Charité, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene (Foto: Charité).Prof. Petra Gastmeier von der Berliner Charité, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene (Foto: Charité).

Neben den hochresistenten Gram-positiven Bakterien (MRSA) gewinnen resistente Gram-negative Bakterien in Diagnostik und Therapie zunehmend an Bedeutung. Nicht erst seit den in Bremen aufgetretenen Frühcheninfektionen sind ESBL-Infektionen ein wichtiges Thema in der Krankenhaushygiene.

Prof. Petra Gastmeier von der Berliner Charité, die Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für Krankenhaushygiene, erklärt im Gespräch, welche Infektionen hinter dem Schlagwort ESBL stecken und welche Maßnahmen zu ergreifen sind.

M & K: Worum genau handelt es sich bei ESBL?

Prof. Petra Gastmeier: EBSL selbst ist keine eigene Spezies nach der mikrobiologischen Nomenklatur, sondern diese Eigenschaft „extended spectrum beta-lactamase" zu haben, dieses Enzym zu tragen, kann bei verschiedenen Erregern auftreten. Es ist ein Phänomen der Multiresistenz Gram-negativer Bakterien, das am häufigsten bei Escherichia coli und verschiedenen Klebsiella-Stämmen auftritt. Manchmal, aber seltener sind ebenfalls Enterobacter-Species, Proteus spp., aber auch noch andere Keime beteiligt.

Dabei werden von den Bakterien Enzyme gebildet, welche fast alle Beta-Laktam-Antibiotika zerstören. Aber auch Resistenzen gegen andere Antibiotika wie z. B. Ciprofloxacin treten auf. In den meisten Fällen ist nur noch die Gruppe der Carbapeneme empfindlich. Das bedeutet im praktischen Klinikalltag, dass das Spektrum der verfügbaren Antibiotika äußerst eingeschränkt ist bei ESBL-Infektionen.

Wie verbreitet sind ESBL-Infektionen?

Prof. Petra Gastmeier: Wir haben in der Normalbevölkerung eine Studie durchgeführt und gesehen, dass allein aus der Normalbevölkerung schon drei bis fünf von 100 Personen, die im Krankenhaus aufgenommen werden, diese Erreger im Darm mitbringen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die ESBL-Inzidenzen auf Intensiveinheiten und Normalstationen weltweit steigend sind. Auch im ambulanten Bereich ist ESBL mittlerweile ein relevantes Problem.

Bei welchen Krankheitsbildern muss man mit ESBL rechnen?

Prof. Petra Gastmeier: Bei allen Krankheiten, bei denen E. coli und Klebsiellen zu den häufigen Erregern gehören, muss mit ESBL gerechnet werden. Hierzu gehört neben Atemwegsinfektionen, Harn­wegs­infekten und intraabdominellen Infektionen vor allem die Sepsis. Manchmal kommt es sogar zu Wundinfektionen und anderen Weichteilinfektionen, die kompliziert verlaufen können.

Nicht jeder Patient muss selbst, wenn er die Keime in sich trägt, erkranken. Welches sind Ihrer Meinung nach Hochrisikopatienten?

Prof. Petra Gastmeier: Das Problem der ESBL-Infektionen tritt dann verstärkt auf, wenn invasive Techniken bei der Behandlung angewendet werden müssen. Dies können beispielsweise Gefäß- oder Harnwegkatheter, aber auch Beatmungssysteme sein. Das bedeutet, dass die Erregerflora des Patienten in Bereiche gelangen kann, die ansonsten steril sind wie die Lunge und die Blutbahn. Dort können daraufhin schwerwiegende Infektionen hervorgerufen werden.

Wie konnte es beispielsweise bei den Frühcheninfektionen in Bremen zu einer Übertragung kommen?

Prof. Petra Gastmeier: Meistens ist dies dadurch erklärbar, dass wahrscheinlich schon die Eltern der Kinder den Erreger im Magen-Darm-Trakt tragen und es bei Kontakt bzw. direkt bei der Geburt zu einer Übertragung kommt. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, dass das Immunsystem von Frühgeborenen besonders anfällig ist.

Welches sind die wichtigsten Maßnahmen zur Vorbeugung?

Prof. Petra Gastmeier: Einerseits ist es wichtig, die Übertragungswege von einem Patienten zum anderen im Krankenhaus zu unterbinden. Der andere wichtige Weg ist es, Antibiotika sozusagen weise einzusetzen. Nicht notwendige Antibiotikatherapien oder eine zu breit angelegte Antibiotikabehandlung kann die Keime sogar noch selektieren, d. h., die empfindlichen Keime werden vernichtet, aber die resistenten Keime werden davon nicht berührt und können sich ungehindert vermehren. Die Verbreitung neuer Resistenzen wird gefördert.

Wie können die resistenten ESBL-Keime erfasst werden?

Prof. Petra Gastmeier: Die Empfindlichkeit dieser Isolate muss gegen eine Vielzahl verschiedener Antibiotika getestet werden, da eine nicht nachgewiesene Resistenz zu einem Therapiemisserfolg und außerdem zu einer Verbreitung dieser resistenten Erreger führt. Zusätzliche Testverfahren sind häufig zeitaufwendig. Eine mögliche weitere Testmethode ist der genotypische Nachweis von ESBL mittels Microarray-Technologie. Allerdings ist diese Methode nicht überall verfügbar.

Welches sind die wichtigsten Hygienemaßnahmen des medizinischen Personals?

Prof. Petra Gastmeier: Händedesinfektion.

Welche weiteren Maßnahmen sind im Umgang mit Infizierten erforderlich?

Prof. Petra Gastmeier: Screeningmaßnahmen und darauffolgende Dekolonisation wie bei MRSA-Infektionen sind bei ESBL-Infektionen bisher noch nicht etabliert. Daher ist vor allen Dingen darauf zu achten, dass die Übertragung von Patient zu Patient unterbunden werden kann. Im Rahmen dessen sollten die allgemeinen Hygienevorschriften strikt eingehalten werden.

Patient und Angehörige sind entsprechend aufzuklären und auf eine vermehrte Händehygiene hinzuweisen. Für das medizinische Personal und das Reinigungspersonal gilt hygienische Händedesinfektion vor jedem Betreten und beim Verlassen des Zimmers. Einmalhandschuhe bei Kontakt mit dem Patienten sowie Schutzkittel sind ebenfalls selbstverständliche Hygienemaßnahmen. Jedenfalls sollte immer daran gedacht werden, dass die ESBL-Erreger nur über Kontakt übertragen werden.

Müssen ESBL-Patienten isoliert werden?

Prof. Petra Gastmeier: Es ist nicht zwingend notwendig, dass ESBL-Infizierte isoliert werden. In Hochrisikobereichen wie z. B. der Intensivstation würde ich eine Isolierung empfehlen. Aber in anderen Bereichen des Krankenhauses muss es nicht unbedingt sein. Ist allerdings ein Einzelzimmer frei, so bietet es sich an, den ESBL-Infizierten dort unterzubringen.

Allerdings ist die Studienlage zu dieser Problematik momentan noch unzureichend, und wir beginnen gerade eine Untersuchung zur Unterbringung von ESBL-Patienten. Danach könnten wir genauere Aussagen treffen, ob eine Isolierung im Einzelzimmer Vorteile bietet.

 

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