IT & Kommunikation

SOA ist immer noch zu sehr ein IT-Thema

Serviceorientierte IT-Architekturen etablieren sich als Infrastrukturen für integrierte Prozesse

08.10.2010 -

Zuerst die gute Nachricht: Wer auf SOA, also auf eine serviceorientierte Architektur setzt, ist keinem Hype aufgesessen. Dies bestätigte sich in den Rückantworten der Unternehmen, die das Dr.-Wolfgang-Martin-Team zusammen mit der Forschungsgruppe IT-Architekturen des Fachgebiets Multimedia Kommunikation der TU Darmstadt und IT Research in dem SOA-Check 2010 analysiert hatte. Und das ist auch gut so, wie Dr. Wolfgang Martin, Analyst und bekannter SOA-Experte, festhält: „Dank einer SOA werden Prozesse unabhängig von den zugrunde liegenden IT-Systemen. Das ist auch wichtig, um erfolgreich ins Cloud Computing gehen zu können. Deshalb kann man SOA auch als Software for Change bezeichnen."

Seit vier Jahren erstellen die Marktanalysten ihren SOA-Check, der ein realistisches Bild über den Einsatz dieser Technologie in den Unternehmen unterschiedlichster Branchen geben soll. Die Ergebnisse der im Frühjahr 2010 gestarteten Umfrage sind vor Kurzem publiziert worden. Fazit: Das Konzept hinter einer serviceorientierten Architektur wurde verstanden und umgesetzt. Demzufolge steckt über die Hälfte der Befragten mitten in einem SOA-Projekt. 94% setzen bereits SOA ein oder planen den Einsatz.

„Langsam, aber sicher erkennen immer mehr deutsche Krankenhäuser den Wert von SOA. Und zwar nicht nur den unmittelbaren Wert einer offenen, standardisierten Technologie, um innovative Geschäftsprozesse schnell umzusetzen und die Interoperabilität zu erhöhen, sondern auch den Wert einer strukturierten, produktneutralen Beschreibung ihrer IT-Landschaft. Sie dient als Grundlage ihrer künftigen IT-Strategie, die den betriebswirtschaftlichen Aspekt stärker in den Vordergrund rückt, als es die reine IT-Sicht vermag. In diesem Sinne wird SOA den Krankenhäusern dabei helfen, die Brücke zwischen IT und den Healthcare Professionals - Ärzte, Pflege - zu schlagen", ist Claudius Metze, Solution Architect ISM Healthcare Provider von SAP, zuversichtlich.

Alle relevanten Informationen und Services vor Ort, unabhängig von der Abteilung, dem dar¬unterliegenden IT-System und eventuell gar klinikübergreifend, ein solches Szenario soll mit SOA denkbar werden. In der Konsequenz handelt es sich bei einer solchen Architektur um unabhängige, eigenständige Servicemodule mit einer eigenen, von der Anwendungslogik getrennten Prozesslogik.

Im Klinikumfeld wünschen sich die Anwender mittels SOA eine Anbindung mobiler Endgeräte an ihr KIS, hat Andreas Lange, Vice President, General Manager Healthcare Central Europe bei der Tieto Deutschland, festgestellt. „Wir verzeichnen diesen starken Trend in Deutschland und im europäischen Raum. Der Erfolg moderner Endgeräte wie Apples iPhone ist in der perfekten Unterstützung der Nutzer begründet. Dabei spielt neben den technischen Möglichkeiten vor allem die Benutzerfreundlichkeit der Anwendungen eine Rolle. Nur mobile Lösungen können Anwender im hektischen Alltag optimal unterstützen." Das Neue sei, und daran scheiterten häufig Versuche in der Vergangenheit, dass die Geschäftsprozesse durch Kommunikation, Information und Aktion jetzt in Echtzeit unterstützt werden können. Zu nennen sei hier die Erfassung der Verordnung auf einem iPad und die sofortige Freigabe durch den Mediziner, mit seiner Berechtigung, auf seinem iPhone. Ein KIS, das SOA nicht implementiert, könne diese Endgeräte nicht richtig anbinden und werde somit wichtige Geschäftsprozesse außen vor lassen, so Lange.

Allerdings geht es nicht ohne Informations-Management. Dr. Martin erstaunte die zwar hohe, aber dennoch rückläufige Bedeutung der Datenintegration für den Erfolg eines SOA-Projekts. Nur noch 48 % der Befragten (2009: 60 %) sahen Datenintegration als erfolgsentscheidend für eine SOA. Dr. Martin: „Wir sehen deutliche Verbesserungspotentiale, denn es gilt ja: kein Prozess ohne Daten."

Die Stärke von SOA liegt im Hand-Shake, also beim direkten Online-Abgleich von Daten. Die Vorgänge sind nun tatsächlich sofort in allen beteiligen Systemen gleichzeitig auf einem Stand.

Eine SOA-Architektur wird zwar mittels IT realisiert, aber im Vordergrund steht der Geschäftsprozess. Diesbezüglich sieht Dr. Martin einen Wermutstropfen, und das ist die schlechte Nachricht, zumindest für manche IT-Abteilung: Im Topmanagement ist SOA oft noch nicht angekommen. „Die IT-Lastigkeit des Themas ist ein potentielles Risiko für SOA-Initiativen", so der Experte.

Immerhin gehen dem SOA-Check zufolge 2010 bereits etwas über die Hälfte der Projekte mit Change-Management einher, die Fachabteilungen werden also stark mit einbezogen. 2009 waren das nur 35%. Das dürfte den Analysten zufolge auch ein Grund sein, warum die Unternehmen im Vergleich zu den Jahren zuvor ihren Erwartungen in das Projekt näher kamen. Wenngleich es Dr. Martin nicht als wirklich gut bezeichnet, dass nur ein Drittel der Befragten über 80% der erwarteten Ziele erreicht hat. Etwa die Hälfte gab an, über 60% dessen erreicht zu haben, was sie sich durch die Einführung der serviceorientierten Architektur erwartet hatten.

Ein Knackpunkt scheint die Governance zu sein. Verglichen zum Vorjahr wurden wohl einige Governance-Projekte gestoppt. Denn nur so lässt sich den Analysten zufolge erklären, dass mit 22% knapp ein Viertel aller Unternehmen, die bereits SAO einsetzen, kein Governance-Projekt planen, wogegen es 2009 nur 6% waren, die dem eine gezielte Absage erteilten. Immerhin 31% nutzten jedoch spezielle Governance-Boards oder spezielle Kontrollgremien.

Die Zahl der „Nein-Sager" zum Einsatz systemübergreifender, zentraler Werkzeuge, zur Verwendung einer Design- und Modellierungsmethode für eigene Services und der Einsatz einer Referenzarchitektur für alle Infrastrukturkomponenten sei gegenüber dem Vorjahr gestiegen, so Dr. Martin. Gesunken seien allerdings die Budgets, was an der Wirtschaftskrise liegen könnte. „Wir vermuten, dass man den Rotstift bei der Governance angesetzt hat. Natürlich muss irgendwo gespart werden. Natürlich hat man kurzfristig mehr Erfolg, wenn man operative Services und Projekte vorweisen kann. Aber wenn es an der SOA-Governance fehlt, können anfängliche Erfolgsmeldungen schnell verpuffen."

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