Labor & Diagnostik

Besser behandeln mit Personalisierter Medizin

13.09.2012 -

Schon Hippokrates lehrte: Es ist wichtiger zu wissen, welche Person eine Krankheit hat, als zu wissen, welche Krankheit eine Person hat.

Heute, fast 2.500 Jahre später, basiert das Konzept der Personalisierten Medizin auf ebendieser Sichtweise. Was wir heute tatsächlich „sehen" können, ist jedoch nicht vergleichbar mit der Antike: Die Entschlüsselung des humanen Genoms und die großen Fortschritte in der molekularen Diagnostik - sei es Bildgebung oder Reagenzglas - lassen die moderne Medizin mit rasantem Tempo neue Zusammenhänge erkennen und verstehen. Einher geht diese Entwicklung mit einer Abkehr von Standardtherapien („one-size-fits-all"). Zumindest in Teilgebieten der Medizin ist von einem Paradigmenwechsel die Rede.

Das Tandem aus Diagnostikum und Arzneimittel

Personalisierte Medizin stellt darauf ab, Patientenpopulationen in klinisch relevante Subgruppen zu unterteilen und diese dann zielgerichtet(er) zu behandeln. Die Unterteilung erfolgt auf der Basis von genetischen, molekularen oder zellulären Merkmalen der Patienten. Diese Merkmale bedingen unterschiedliche Reaktionen auf therapeutische Interventionen. So kann z. B. die bei einem Patienten vorliegende Genmutation eine völlig unterschiedliche medikamentöse Behandlung erfordern, obwohl das Erscheinungsbild der Krankheit sich nicht unterscheidet von dem eines Patienten ohne Genveränderung. Solche Patientenmerkmale können heute in immer größeren Umfang als Biomarker messbar gemacht werden. Die molekulare Diagnostik spürt winzige Unterschiede auf - mit großen Auswirkungen auf die Therapieentscheidung des Arztes. Das Konzept der Personalisierten Medizin hat die bislang größte Relevanz in der Arzneimitteltherapie erreicht. Hier ermöglichen spezielle Labortests Aussagen darüber, welches Arzneimittel für welchen Patienten in welcher Dosierung das richtige ist. Die personalisierte Arzneimitteltherapie erfolgt also nicht mehr allein auf Basis der Krankheitsdiagnose, sondern zusätzlich auf Basis individueller Patientenmerkmale.

Aufgrund der engen Verknüpfung wird hier häufig vom Tandem aus Diagnostikum und Arzneimittel gesprochen. Der labordiagnostische Test (Companion Diagnostics) wird in der Regel einmalig vor der Anwendung des Arzneimittels eingesetzt, in manchen Fällen auch therapiebegleitend.

Wie finde ich das richtige ­Medikament?

Die Wirksamkeit von Medikamenten bezogen auf Patientenpopulationen ist auf ersten Blick verblüffend niedrig: Ein Wirksamkeitsgrad von rund 60 Prozent für Anti-Depressiva, Asthma- bzw. Diabetesmedikamente beschreibt die Spitze. Arzneimittel gegen Krebserkrankungen weisen eine durchschnittliche Wirksamkeit von 25 Prozent aus. Gleichwohl handelt es sich um wertvolle Arzneimittel, die ihre Wirksamkeit im aufwendigen Zulassungsprozess unter Beweis gestellt haben.

Sie werden jedoch häufig dem „falschen" Patienten verschrieben: Aufgrund der spezifischen (genetischen) Patientenmerkmale spricht der Patient auf das Arzneimittel gar nicht an, trägt Nebenwirkungen davon oder bedarf einer besonderen Dosierung. Personalisierte Medizin setzt darauf, die therapierelevanten Merkmale vor der Therapie zu erkennen. Die Anamnese wird erweitert um genetische Informationen des Patienten. Personalisierte Medizin erlaubt dann einen zielgenaueren Arzneimitteleinsatz. Aktuell gibt es schon mehr als zwanzig Arzneimittel, vor deren Anwendung eine labordiagnostische Testung gemäß der Arzneimittelinformation verpflichtend ist bzw. empfohlen wird. Das Spektrum reicht von Aids-Medikamenten bis zu Zytostatika. Wichtigster Einsatzbereich heute ist die Onkologie.

Wer profitiert?

Personalisierte Medizin erhöht die Aussicht auf eine erfolgreiche Arzneimitteltherapie. Die Vorteile der Personalisierten Medizin liegen damit zuallererst beim Patienten. Aber auch die Leistungserbringer und das Gesundheitssystem insgesamt dürften profitieren.

In Deutschland sterben allein durch den Einsatz falscher Medikamente ca. 50.000 Menschen jährlich. Dramatisch zeigen sich die Vorteile der Personalisierten Medizin dort, wo die Arzneimitteltherapie mit schweren Nebenwirkungen für bestimmte Patientensubgruppen einhergeht. Hier schaffen Companion Diagnostics ein höheres Maß an Sicherheit. In diesen Fällen ist der Einsatz des Labortests vor der medikamentösen Therapie sogar verpflichtend vorgeschrieben. Auch in anderen Fallkonstellationen ist der Patient erster und wichtigster Nutznießer einer stratifizierten Arzneimitteltherapie. Wird er rechtzeitig als „Non-Responder" identifiziert, z. B. weil er das Arzneimittel nicht verstoffwechseln kann, so sollte der Arzneimitteleinsatz auch unterbleiben. Die Vermeidung einer Therapie, die bestenfalls ohne Nebenwirkungen, aber auch erfolglos bleiben muss, bedeutet eine Steigerung der Lebensqualität.

Zugleich gibt sie Impulse, nach geeigneteren Therapieansätzen zu suchen. Sowohl für den Kliniker als auch für den niedergelassenen Arzt ist es vornehmes Ziel, seinem Patienten die bestmögliche Arzneimitteltherapie zu bieten. Aber auch in ökonomischer Hinsicht lohnt sich die Personalisierte Medizin. In der vertragsärztlichen Versorgung entfallen für die Gesetzlichen Krankenkassen jährlich mehr als 30 Mrd. Euro auf Arzneimittel. Im Krankenhaussektor liegen die Arzneimittelkosten bei mehr als 3 Mrd. Euro im Jahr. Angesichts eines Wirkungsgrades von 25 bis 60 % liegt es auf der Hand, in welchem Ausmaß die Effizienz des Arzneimitteleinsatzes gesteigert werden kann. Betriebswirtschaftlich stehen den Einmalkosten für den Labortest nicht anfallende Arzneimittelausgaben gegenüber. Im Saldo dürften durchweg Einsparungen zu erwarten sein. Angesichts vielfältiger Budget­zwänge bietet die Personalisierte Medizin den Leistungserbringern durchaus Anreize.

Der Anstieg der diagnostizierten Krebserkrankungen und ein relativ starke Zunahme der Krankheitskosten für bösartige Neubildungen in Deutschland werden gerne zur „Beweisführung" herangezogen, dass die Personalisierte Medizin die finanziellen Möglichkeiten unseres Gesundheitssystems sprenge. Die unterstellte Kausalität existiert freilich nicht. Nach allen Plausibilitäten bedeutet Personalisierte Medizin einen effektiveren und effizienteren Einsatz der zur Verfügung stehenden Ressourcen, gerade in der Krebstherapie. Selbst wenn auf diesem Wege der Ausgabenzuwachs nur gebremst würde, wäre das ein großer Beitrag zur Stabilität des Systems.

Wie geht es weiter?

Heute überwiegt die Einschätzung, dass die Personalisierte Medizin sicher noch nicht Versorgungsalltag ist. Dennoch: Wir befinden uns auf dem Weg, und dieser Weg ist unumkehrbar. In der Forschungspolitik wird der Personalisierten Medizin ein herausragender Stellenwert beigemessen, und in hoch spezialisierten Tumorzentren ist Personalisierte Medizin State-of-the-art. Für eine breitere Anwendung muss der diagnostische Test in der vertragsärztlichen Vergütungssystematik angemessen abgebildet werden. Ferner sind die Inhalte der ärztlichen Aus-, Fort- und Weiterbildung entsprechend anzupassen.

 

Kontakt

Verband der Diagnostica-Industrie e.V. VDGH

Neustädt Kirchstr. 8
10117 Berlin
Deutschland

+49 30 200599 48

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