Alterstraumatologie-Kongress 2014 - Gemeinsames Umdenken für eine interdisziplinäre Versorgung geriatrischer Frakturpatienten

Am 27. und 28. März 2014 diskutierten verschiedene Fachdisziplinen im Rahmen des Alterstraumatologie-Kongresses 2014 in Stuttgart gemeinsam diese und weitere Fragestellungen. Ideen wurden präsentiert, Lösungsansätze aufgezeigt - wie das geriatrische Co-Management zwischen Unfallchirurgen und Geriatern an den interdisziplinär arbeitenden Zentren für Alterstraumatologie.

Die große Besucherzahl, die interessanten Vorträge, die angeregten Diskussionen und Workshops machten die Brisanz des Themas klar. „Die Zeit zum Umdenken ist reif! Wir brauchen medizinisches Co-Management, damit wir alle alterstraumatologischen Patienten unfallchirurgisch und geriatrisch versorgen können", sagte Kongresspräsident Prof. Ulrich Christoph Liener, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Marienhospital in Stuttgart im Rahmen seiner Eröffnungsrede. Prof. Clemens Becker, Chefarzt der Klinik für Geriatrische Rehabilitation am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, der sich mit Liener den Kongressvorsitz teilte, hob die dramatische Entwicklung in unserer immer älter werdenden Gesellschaft hervor: „Die Alterstraumatologie hat die Mitte unserer Gesellschaft erreicht!".

Doch gerade das Management geriatrischer Sturzpatienten ist eine große Herausforderung. „Ältere Frakturpatienten haben wenige Reserven", sagte Prof. Michael Blauth, Direktor der Univ.-Klinik für Unfallchirurgie in Innsbruck. Dies äußert sich nicht nur in einer Osteoporose-bedingten schlechten Knochensubstanz. Vielmehr ist der gesamte Organismus gebrechlich, die Betroffenen sind in den meisten Fällen multimorbid und mangelernährt. Der Ärztliche Direktor des Agaplesion Diakonissen-Krankenhauses in Frankfurt, PD Dr. Rupert Püllen verglich geriatrische Patienten mit einem Kartenhaus: „So fragil wie das Gebilde, so fragil sind auch unsere Patienten."

Moderne Chirurgie: Patienten schnell auf die Beine helfen

Eine wesentliche Weiterentwicklung bei der Versorgung sturzbedingter Frakturen bei älteren Patienten stellen moderne unfallchirurgischen Techniken dar. Innovative, unfallchirurgische Verfahren wie die Zementaugmentation können hier große Hilfe leisten, denn die mürbe Knochensubstanz älterer Menschen wird häufig zu einer technischen Herausforderung.

Nach der unfallchirurgischen Frakturversorgung gilt es dem Patienten durch gezielte Mobilisierung schnell wieder auf die Beine zu helfen, damit er bald in seine bisherigen Lebensumstände zurückkehren kann. Der wichtigste Schritt dahin ist die schmerzadaptierte Vollbelastung zur schnellen funktionellen Wiederherstellung nach der Fraktur. Auch hier fand in den vergangenen Jahren mit Blick auf die Mobilisierung nach der Operation ein Umdenken statt. „Heute gibt es keine Schonzeit mehr!", so Blauth.

Medikamentöse Therapie - geriatrische Expertise gefragt

Auch die medikamentöse Behandlung der sturzassoziierten Grunderkrankungen, in vielen Fällen die zugrundeliegende Osteoporose, ist für alterstraumatologische Patienten essenziell und findet in der Praxis jedoch noch viel zu selten statt: „Nur etwa 12 % aller Sturzpatienten erhalten nach der Operation eine leitliniengerechte Behandlung" (1), so Prof. Reinhard Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Die Konsequenz: eine hohe Zahl an Folgefrakturen: „Hierzulande behandeln wir die höchste Zahl an osteoporotischen Frakturen. Das liegt hauptsächlich an der unzureichenden Sekundärprävention", erklärte Liener. Oft sei zudem nicht klar, wer sich um die Sekundärprävention der Osteoporose kümmere. Hinzu komme, dass viele geriatrische Sturzpatienten bereits eine ganze Reihe von Medikamenten einnehmen müssten - „meist zu viele", sagte Püllen. „Nicht selten ist beispielsweise die Einnahme starker Psychopharmaka die Ursache für weitere Stürze und Frakturen."

Die große Herausforderung für den nachbetreuenden Arzt liegt also darin, die Medikation ihrer geriatrischen Sturzpatienten kritisch zu hinterfragen. „Wir müssen einen Plan zur Weiterbehandlung unserer Patienten entwickeln und dabei einen Geriater einbinden", appellierte Hoffmann an seine Kollegen; Dr. Carsten Strassberger, stellvertretender Leiter am Osteoporosezentrum in Dresden, ergänzt: „Wir brauchen innerhalb der Klinik einen Ansprechpartner für Osteoporosefragen, wir sollten einen Klinikleitfaden entwickeln und wir müssen verstärkt andere medizinische Disziplinen einbinden."

Schulterschluss für eine gute Sekundärprävention: Tipps aus der Praxis

Die Experten waren sich einig: Die enge Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen ist der richtige Weg zu einer angemessenen Patientenversorgung. Das bedeutet gemeinsame Visiten, Fallbesprechungen, eine Alterstraumatologie-Sprechstunde. „Allzu häufig verschwindet der Patient aber noch im Bermudadreieck von Geriater, Osteologe und Hausarzt", beschrieb PD Dr. Kilian Rapp, Geriater am Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart, die momentane Lage. Dass das nicht so sein müsste, zeigen verschiedene internationale Modelle zur besseren Patientenversor-gung bei Osteoporose wie das „Blue Book" der British Orthopaedic Association von 2007 (2) und das Netzwerk „Capture the Fracture" (3) - eine Kampagne der IOF (International Osteoporosis Foundation).

Können wir solche Initiativen zur besseren Patientenversorgung bei Osteoporose auch in Deutschland umsetzen? Finanzielle und strukturelle Hindernisse stehen hier oftmals im Weg. Der Ratschlag aus dem Publikum deshalb: Berufspolitische Brisanz zwischen den Abteilungen mal nicht in den Fokus stellen, sondern sich fragen, „was das Beste für den Patienten ist - und das muss in der Praxis individuell geregelt werden".

In den alterstraumatologischen Zentren in Deutschland zum Beispiel wird der Schulterschluss verschiedener medizinischer Disziplinen bereits gelebt. Aktuell gibt es zehn von der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) auditierte Zentren für Alterstraumatologie, und die DGU wirbt um weitere Kliniken, die sich zertifizieren lassen wollen (4).

Jetzt umdenken! Ärzte fordern Paradigmenwechsel

Das primäre Ziel einer guten Patientenversorgung ist nach Ansicht der alterstraumatologischen Experten nicht eine Verlängerung des Lebens. Vielmehr geht es ihnen darum, Frakturpatienten durch die Kombination geeigneter unfallchirurgischer und medikamentöser Maßnahmen schnell wieder zu mobilisieren und in ihr Alltagsleben zu reintegrieren. Der angestrebte Richtungswechsel zur ganzheitlichen alterstraumatologischen Versorgung von Osteoporosepatienten erfordert demnach ein Umdenken, damit einer Krankheit von zunehmender gesellschaftlicher, medizini-scher und ökonomischer Relevanz begegnet werden kann.

Quellen:

(1) Ström O. et al. Osteoporosis: burden, health care provision and opportunities in the EU. Arch Osteoporos (2011) 6:59 - 155.
(2) http://www.fractures.com/pdf/BOA-BGS-Blue-Book.pdf
(3) http://www.capturethefracture.org/
(4) http://www.dgu-online.de/

 

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