„In Deutschland haben wir bei der Digitalisierung heute Tag Null!“

  • Dr. Raimar Goldschmidt Fotograf: Peter Sierigk, Credits: skbs.digitalDr. Raimar Goldschmidt Fotograf: Peter Sierigk, Credits: skbs.digital

In allen Lebensbereichen gewinnt die Digitalisierung immer mehr an Bedeutung – so auch in der Gesundheitswirtschaft: Dokumentation, Datenaustausch, Online-Termine für Patienten.

Um das Thema ganzheitlich anzugehen, hat das Städtische Klinikum Braunschweig in diesem Sommer die SKBS Digital GmbH  als 100-prozentige Tochtergesellschaft gegründet. Geschäftsführer sind Dr. Raimar Goldschmidt, CDO (Chief Digital Officer) des Klinikums, und Lars Anwand, Leiter des Geschäftsbereiches Medizinische Leistungen im Klinikum. Über die Perspektiven und das Arbeitsfeld der SKBS Digital sprach Insa Lüdtke mit Dr. Raimar Goldschmidt, studierter Informatiker und Chief Digital Officer am Städtischen Klinikum Braunschweig und Geschäftsführer der skbs.digital.

M&K: Die Gesundheitswirtschaft hat viele Baustellen: Personalmangel, Kostenexplosion und Wettbewerb. Wird die Digitalisierung nun der Heilsbringer für das Krankenhaus der Zukunft sein?

Dr. Raimar Goldschmidt: Medizinisch möchte ich das nicht beurteilen, aber im Hinblick auf Qualität, Service und Zufriedenheit wird die Digitalisierung neben Potentialen zu mehr Effizienz entscheidend zur Verbesserung weicher Faktoren wie etwa Sicherheit und Vertrauen und damit als Wettbewerbsvorteil beitragen. In Deutschland gilt das Gesundheitswesen trotz Wachstum der Branche weiterhin als Schlusslicht in Sachen Digitalisierung.

Was ist da Ihr Selbstverständnis als Klinikum Braunschweig?

Goldschmidt: Mit rund 1.500 Planbetten und fast 4.000 Mitarbeitern an drei Standorten sind wir Maximalversorger für rund 1,2 Mio. Einwohner und einer der größten Arbeitgeber in der Region. Mit 21 Kliniken, zehn selbständigen klinischen Abteilungen und sieben Instituten wird nahezu das komplette Fächerspektrum der Medizin abgedeckt. Pro Jahr werden mehr als 65.000 Patienten stationär und rund 200.000 ambulant behandelt. In all diesen Bereichen aber gerade im ambulanten Sektor sehen wir noch nicht ausgeschöpfte Potentiale für uns als stationären Anbieter mit all der Kompetenz und Expertise.

Digitale Innovationen für den Gesundheitssektor verheißen aktuell ungeahnte Perspektiven, sie erfordern aber auch neues Denken und flexible Strukturen.

Um diese für die Region Braunschweig künftig weiter auszubauen, haben wir skbs.digital als Unternehmenstochter ausgegründet. In diesem Setting versprechen wir uns davon mehr Dynamik, um neue Geschäftsfelder zu generieren und verstehen uns als Trendsetter in der Digitalisierung – dabei werden wir auch Leistungen Dritten anbieten. Damit will das Klinikum zum führenden Anbieter innovativer digital unterstützter Gesundheitsangebote in Deutschland aufsteigen.

Es geht nicht nur um die Verbesserung von IT-Unterstützung im Betrieb des Klinikums, sondern um die Positionierung und Überlebensfähigkeit des Klinikums in der Versorgungslandschaft. Patienten, Mitarbeiter und Partner des Klinikums erwarten zeitgemäße Technologien und Services. Insbesondere private und freie gemeinnützige Krankenhauskonzerne stocken ihre Investitionen in die Digitalisierung bereits erheblich auf. Auch große Player wie Amazon und Google erschließen sich aktuell ja den Markt als Betreiber von Krankenhäusern, oder als Digitale Krankenkasse sowie Anbieter von Datenaustausch wie etwa Apple-Health. Diese globalen Entwicklungen verstehen wir letztlich als eine wirtschaftliche Bedrohung für das Klinikum Braunschweig.

Worin werden Sie den inhaltlichen Schwerpunkt setzen?

Goldschmidt: Auch wenn das Unternehmen erst kürzlich gegründet wurde, können wir schon Ergebnisse vorlegen: Das Klinikum hat letztes Jahr eine Digitalisierungsstrategie entwickelt und ein Projekt zur digitalen Transformation gestartet. Unser Ziel ist es, zum aktiven Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen zu werden und die Bedürfnisse des Menschen – ob Patient oder Mitarbeiter in den Fokus nehmen. Als Krankenhaus in kommunaler Trägerschaft hat das Klinikum eine besondere Verantwortung für die Region: Neben attraktiven Arbeitsplätze geht es um Service am Patienten. Hier wollen wir die Vorteile neuer Technologien bestmöglich erschließen.

Wir betrachten die gesamte Prozesskette des „Patienten-Journeys“ – von der Einweisung bis zur Entlassung auch im ambulanten Bereich. Im Vordergrund stehen dabei Aspekte im Hinblick auf Präventionsangebote, Patientensteuerung und Prozesse zu verschlanken etwa mit Telemedizin, um Wartezeiten reduzieren. Entscheidend wird sein, den Patienten in den Prozess aktiv einzubinden.

Sie werden also eine App entwickeln?

Goldschmidt: Sicherlich werden Apps zukünftig eine große Rolle bei der Kommunikation zwischen Patient und Klinik spielen. Dabei soll es aber nicht bleiben. Uns geht es im Hinblick auf die Verbesserung der Qualität und Verbreitung des Leistungsportfolios für den Menschen, die ganz konkret erfahrbar sind. So kann der Arzt via Tablet am Patientenbett aktuelle Studienergebnisse zur Diagnose abrufen, zu Hause kann der Patienten individuell angepasste Präventionsangebote nutzen.

Wie werden Sie zu neuen Lösungen kommen?

Goldschmidt: Digitalisierung heißt für uns keineswegs, Lösungen im Datensatz zu suchen. Im Gegenteil, Digitalisierung erfordert kreative Köpfe und den interdisziplinären lebendigen Austausch von Mensch zu Mensch – so arbeiten in einem Open-Workspace am IT Campus Braunschweig und wenden oftmals agile Methoden an.

Neben externen Akteuren zählen aktuell vier Mitarbeiter aus ganz unterschiedlichen Bereichen wie etwa Innovations-, Projektmanagement und IT zum festen Team der skbs.digital. Weiterhin suchen wir zur Verstärkung neue Mitarbeiter, die Digitalisierung im Gesundheitswesen als Chance mit Weiterentwicklungspotenzial sehen.

Digitalisierung ist ein internationales Thema. Von wem kann Deutschland lernen?

Goldschmidt: Letztlich von allen anderen. Bei der Digitalisierung in der Gesundheitswirtschaft haben wir in Deutschland heute Tag Null: Wir stehen aktuell auf dem letzten Platz der OCED-Staaten. Estland und Israel sind dagegen absolute Spitzenreiter – und das seit Jahren! Hierzulande sollten wir erst einmal das Faxgerät abschaffen.

Zur Person

Dr. Raimar Goldschmidt studierte Informatik an der Universität Ulm und promovierte in Heidelberg an der medizinischen Fakultät. Nach dem Studium wechselte er an das Universitätsklinikum Heidelberg. Dort leitete er mehrere Neubauvorhaben und steuerte strategische Großprojekte. Später wechselte er zur Fresenius (VAMED) und leitete den Bereich Business Development. Seit 2017 ist Dr. Raimar Goldschmidt Chief Digital Officer am Städtischen Klinikum Braunschweig und ist Geschäftsführer der skbs.digital.

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